Am 21. März 1903 stellt John Hoel, Sohn eines norwegischen Einwanderers, seine Kamera auf einem selbst gebauten Stativ auf einer Anhöhe oberhalb seiner Farm in Iowa auf und fotografiert den Kastanienbaum, den Johns Vater bei seiner Ankunft in den USA gepflanzt hat. Er wird das Ritual fortführen, Monat für Monat, stets am 21. Seine Familie belächelt ihn deswegen, doch auch Johns Sohn Frank setzt das Werk des Vaters fort, ebenso dessen Sohn. Am Ende sind es mehr als 900 Baum-Fotografien, die Johns Urururenkel Nicholas in den Händen hält, als er die heruntergekommene Farm ausräumt. Ein Daumenkino, das den zunehmend mächtigen Baum in all seinem Trotz gegen den vernichtenden Lauf der Zeit zeigt.

Es ist ein so poetisches wie sinnfälliges Bild, das Richard Powers seinem neuen, erneut mehr als 600 Seiten umfassenden Roman vorangestellt hat. Ein Bild, das in das Zentrum des Romans führt: Es geht um die Unverrückbarkeit und Beständigkeit der Bäume und um die Anmaßung des Menschen, die Ewigkeit der Natur kapitalistischen Interessen zu opfern, damit aber wiederum der eigenen Existenz die Grundlage zu entziehen.

Richard Powers ist studierter Naturwissenschaftler und hat in den Pionierjahren des digitalen Zeitalters als Programmierer gearbeitet. Es ist unter anderem seine Faszination für die Grenzgebiete von Philosophie, Empirie und virtuellen Räumen, die sein Denken oft so anregend erscheinen lässt und bestechende Romane wie Schattenflucht möglich gemacht hat. Allerdings produziert sie im Fall des neuen Romans auch einen gewissen Schematismus. Powers hat seinen Roman vollendet in Baumform konstruiert und in die Großkapitel "Wurzeln", "Stamm", "Krone" und "Samen" aufgeteilt. Die Wurzeln, das sind neun Menschen, deren Leben in irgendeiner (und hin und wieder arg bemüht ausgedachter) Art und Weise von Bäumen geprägt oder beeinflusst wurde.

Neben Nicholas Hoel ist das beispielsweise der Kriegsveteran Douglas Pavlicek, der als Vietnamkämpfer zunächst mithilfe des Entlaubungsmittels Agent Orange den Feind bekämpfte, bevor er nach einem Absturz im Dschungel von einem Baum aufgefangen und gerettet wurde. Oder Neelay Mehta, der als Junge vom Baum fiel, seitdem gelähmt im Rollstuhl sitzt und als Entwickler von Computerspielen die Schönheit der Natur in der Virtualität abbildet. Oder auch Patricia Westerford, eine Biologin, die mit ihren Theorien vom Wald als einem sozial interagierenden System zunächst belächelt wurde, bevor ihr Bestseller Der geheime Wald zu einer Art Bibel der Umweltschutzaktivisten avancierte. Die Theorien, die Patricia aufstellt, gleichen Peter Wohllebens Bestseller Das geheime Leben der Bäume zum Teil bis aufs Wort. Wohlleben wiederum wird in Deutschland von Wissenschaftlern als Esoteriker angegriffen.

Und genau das ist auch eines der Probleme, an denen Powers’ opulenter Roman krankt: Im zweiten Teil, dem "Stamm", findet sich eine Gruppe von Aktivisten in den Redwood-Wäldern von Oregon und Kalifornien ein, um deren Abholzung zunächst friedlichen, später auch gewalttätigen Widerstand entgegenzusetzen. In dieser Notwehrsituation gibt es keine vermittelnde Instanz mehr, die sich vom Kitsch dieser Naturschützer distanzieren würde. Wenn der Autor zugleich Aktivist ist, raunt es von allen Seiten, flüstern die Wälder: "Die staunenswertesten Geschöpfe auf Erden brauchen dich." Wie staunenswert die Bäume tatsächlich sind, das hat Powers, ein hochintelligenter Autor, der mittlerweile in den Wäldern der Appalachen lebt, bis in die feinsten Verästelungen hinein recherchiert. Und er breitet all seine Recherchen, so lässt sich vermuten, ungekürzt vor dem Leser aus. Auch Erzählökonomie sucht man in Die Wurzeln des Lebens vergeblich.

Der Kampf gegen die Abholzung wird in Powers’ Roman bereits in den 1980er-Jahren geführt. Die beiden letzten Kapitel dienen dann nur noch dem Zweck, zu zeigen, was ohnehin jeder weiß: dass der Mensch nicht bereit war und ist, das Offensichtliche zu sehen. Im Zeitraffer erzählt Powers bis in die Gegenwart hinein, wie die Aktivistengruppe zunächst Opfer staatlicher Gewalt wird, dann selbst gewalttätig wird und schließlich auseinanderfällt. Die Szenen in den Redwood-Wäldern, in denen Baumschützer und Holzfäller sich im ideologisch unvereinbaren Kampf gegenüberstehen, sind ausgesprochen spannend und glänzend erzählt. Doch das genügt nicht, um einen ambitioniert konstruierten und komplex gedachten 600-Seiten-Roman am Leben zu halten.

Es ist naheliegend, dass das Verlagsmarketing versucht, Die Wurzeln des Lebens an den Konflikt im Hambacher Forst anschlussfähig zu halten. Doch Powers’ Buch hat damit nur wenig zu tun. Es ist kein Gegenwarts-, sondern ein historischer Roman, dessen Tonfall nicht wütend, sondern eher melancholisch verklärend auf eine Epoche zurückblickt, in der noch etwas zu retten gewesen wäre. Im Sinn des grünen Zeitgeistes rennt Powers offene Türen ein. Literarisch hat er sich dabei in ein fatales Ursprünglichkeitsszenario hineingefühlt, dem er all seine Figuren unterworfen hat. Bäume, das ist die Erkenntnis, sind die besseren und schöneren Menschen.

Richard Powers: Die Wurzeln des Lebens
Roman; a. d. Engl. v. M. Allié u. G. Kempf-Allié; S. Fischer, Frankfurt/M. 2018; 618 S., 26,– €