Eine landläufige Überzeugung besagt, Michail Gorbatschow habe den Deutschen die Einheit geschenkt, als er Helmut Kohl im Juli 1990 das ganze Paket aushändigte: Vereinigung sofort, dazu Souveränität und Bündnisfreiheit. Dem "Geschenk" ging freilich seit dem Mauerfall ein zäher Kampf der Diplomaten voraus, der keinesfalls ein Happy End verhieß. Hartnäckig versuchte Moskau, seine Kriegsbeute in Europa zu retten. Allenfalls eine Konföderation sollten die Deutschen kriegen; die Nato sollte weg und einem gesamteuropäischen Sicherheitssystem weichen, von dem schon Stalin geträumt hatte.

Auftritt George H. W. Bush, der vergangene Woche im Alter von 94 gestorben ist. Er musste sich an drei Fronten durchsetzen. Er musste London und Paris einfangen, die die Einheit verzögern, gar verhindern wollten; der Albtraum vom "Fourth Reich" ging um. Bush musste die kollabierende Sowjetunion auffangen; er durfte Gorbatschows Stolz nicht verletzen. Und er musste den gefürchteten Alleingang der Deutschen abwenden. Zum Schluss war Europa tatsächlich "whole and free", um ein berühmtes Bush-Wort aufzugreifen. Es war eine Meisterleistung, wie sie die Geschichte nur selten kennt.

Früh schon hatte Bush signalisiert: "Ich teile nicht die Furcht mancher europäischer Staaten vor der Wiedervereinigung." London und Paris wussten so, dass ihre Verschleppungstaktik nichts fruchten würde. Dann in Richtung Moskau: Amerika werde es "der Sowjetunion nicht erlauben, Deutschland nach ihrem Gutdünken zu formen". So räumte der 41. Präsident zwei dicke Brocken auf dem Weg zur Wiedervereinigung im Westen weg, und damit auch die Versuchung einer deutschen Solo-Tour nach Moskau. Die war nicht nötig; Helmut Kohl konnte sich auf Bush verlassen. Schließlich fügte sich auch Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der mit allerlei Alternativen zur kompletten Westbindung gespielt hatte: "Wir wollen kein vereintes Deutschland, das neutral ist."

Der härteste Brocken war Gorbatschow, der sein Gesicht nicht verlieren durfte. Bush offerierte Handelserleichterungen und Wirtschaftshilfe. Die russische Armee konnte bis 1994 in der Ex-DDR bleiben, die (gesamt)deutsche schrumpfte im Verlauf um zwei Drittel. Bush besiegelte Salt II, den strategischen Abrüstungsvertrag. Moskau wurde in den Nordatlantischen Kooperationsrat eingeladen – gleichsam an den Tisch der Nato. Derweil Kohl die Bürgschaft für einen Fünf-Milliarden-Mark-Kredit übernahm, lieferte Bush Seelentrost und Komplimente. "Bewundernswert" sei Gorbatschows "Umgang mit der Demokratisierung seines Landes".

Stellen wir uns vor, ein Zauderer wie Jimmy Carter oder ein Lümmel wie Donald Trump hätte damals im Oval Office gesessen; die Geschichte wäre nicht so freundlich verlaufen. Bush senior aber schuf ein diplomatisches Kunstwerk – mit einem sicheren Instinkt für die richtige Mischung aus Druck und Entgegenkommen, Abwehr und Umarmung. Gorbatschow lobte denn auch Bush nach dessen Tod für seinen "Beitrag zu einer historischen Leistung". Heiko Maas feierte ihn als "großen Staatsmann und Freund Deutschlands".

Bushs Außenminister James Baker prophezeite vor fünf Jahren: "Die Geschichte wird sehr gut mit ihm umgehen." In Wahrheit war Bush schon zu Lebzeiten ein Gigant der Weltpolitik – als er Europa wieder whole and free machte.