Denkraum erweitern – Seite 1

Hell, hastend und terminreich – so wirkt der Monat Dezember seit je auf mich. Auch jetzt und hier in Leipzig. Die alljährliche Weihnachtsmarkt-Szenerie hat die Innenstadt übernommen, bis hin zu ihren Rändern, wo die Busse mit den Besuchern bis zur zweiten Reihe parken. Dutzende von fröhlich lärmenden Besuchergruppen werden aus den S-Bahnhöfen in die Stadt gespült, auf ihren Köp-fen blinken identische Weihnachtsmann-Mützen, schillernde Elchgeweihe oder auch geschmückte Weihnachtsbäumchen. Der Handel gibt den Takt vor, während das Jahr mit großen Schritten seinem Verfallsdatum entgegeneilt. Die Zeit der Jahresrückblicke hat längst begonnen. Und so unterschiedlich wie die private Bilanz eines jeden von uns ausfallen mag, so verschieden scheinen mir auch die Farben der Lichter zu sein, mit denen wir unseren Blick auf den Zustand des Landes zu richten vermögen.

Die Kluft zwischen den "Wir sind mehr" und den Ängstlichen, den Besorgten, den Wütenden ist nicht geringer geworden. Sie hat im Gegenteil auch hier im Osten weitere Nischen für die vielen Meinungsmacher geschaffen, die sich noch gar nicht entschieden zu haben scheinen, ob sie die Spaltung der Gesellschaft verringern wollen – oder ob ihnen ein schmerzhafter Riss nicht weitaus gelegener kommt.

Ich will das gern erklären: Mein Freund R. zum Beispiel ist seit einiger Zeit enttäuscht. R. ist in Leipzig geboren, er ist in Leipzig zur Schule gegangen, hier hat er seinen Berufsweg begonnen, hier hat er Familie, Freunde, Arbeit und Netzwerk. Hier ist er geblieben. Sein ganzes Leben lang. Woher er seine Weltoffenheit, seine grundsätzliche Menschenfreundlichkeit nimmt, weiß ich nicht genau. Mir ist es auch ganz gleich. Ich mag ihn, wie er ist. Vor allem für seine Liebe zu Literatur, Film, Fotografie und Malerei. In diesem Zuge ist er – wie nahezu jeder Leipziger Kunstfreund neben ihm – ein großer Verehrer des hier wohnenden und arbeitenden Malers Neo Rauch, eines Künstlers, dessen große internationale Berühmtheit der Stadt Leipzig schon lange zu einer großen Portion Extra-Glanz verhilft.

Die Leipziger sind stolz auf ihr Künstlerpaar Neo Rauch und Rosa Loy, dessen Ehefrau, bei der es sich aus Gründen des Respekts verbietet, einfach zu sagen: Sie malt auch. Sie ist eine ihm ebenbürtige Künstlerin. Punkt.

Beide ergeben zusammen zweifellos ein intelligentes, inspirierendes, interessantes Geflecht. R. hatte bislang – aus der Ferne – ein ungebrochenes, bewunderndes Verhältnis zu beiden, manchmal sitzt er am Mittag im selben gastronomischen Etablissement wie Rauch. Und genießt es still. Alles war bestens. Bis zu dem Zeitpunkt, als die "Gesinnung" ins Spiel kam.

Der Begriff "Gesinnung" hat das Zeug zum Unwort des Jahres 2018. Denn diese doch eher neutrale Bezeichnung für eine Art des Denkens, für eine Haltung, die einem Menschen anhaftet, ist in letzter Zeit aufgeladen worden. Von Gesinnungsdiktatur ist oft die Rede, von Gesinnungsethik gar. Oft findet man diese Worte bei den Tellkamps, bei den Lengsfelds oder anderen Unterzeichnern der "Erklärung 2018". In neurechten Kreisen.

Eine Kunst für sich

Auch bei Neo Rauch. In einem Interview im Handelsblatt im April dieses Jahres zum Beispiel. Rauch inszenierte sich dort als großer Bewunderer Uwe Tellkamps, den er überraschenderweise als "Wiedergänger Stauffenbergs" bezeichnete, und sich selbst als zutiefst konservativ: "Das ist ja wahrscheinlich die Definition der konservativen Daseinsform, der ich naturgemäß zu entsprechen habe, weil es meiner inneren Struktur entspricht: Das Neue, das Fremde so lange zu verhindern, bis es nicht mehr gefährlich ist. Und die Gefahren sind natürlich evident, die uns umgeben, die auf uns zukommen."

Mein Freund R. war an dieser Stelle schon ein wenig enttäuscht, wie er damals angab, ich fand es nachvollziehbar, dass auch Künstler konservativ fühlen.

Zugegebenermaßen befremdete mich dann aber doch die sich daran anschließende Feststellung Rauchs, dass Empathie nicht dazu führen dürfe, "dass wir unser Handeln von Gesinnungsethik leiten lassen. Die drückt uns in den Gestus des moralisch Hochstehenden hinein, der nicht fragen darf, welche Folgen seine Bereitschaft zu einschränkungsloser Hilfe in zehn oder zwanzig Jahren haben wird."

Mein Freund R. formuliert es ernst: Er meint, dass man unter Umständen mit solchen Äußerungen den Boden dafür bereitet, sich von allen unseren Grundwerten zu trennen, immer unter dem Mantel, man wolle nur vor den Gefahren des Fremden warnen. Man erzeuge so einen immer größer werdenden Denkraum, der die politischen Systeme gleich zeichnet – ungeachtet der völlig unterschiedlichen Einstellung zu Menschenrechten und Demokratie.

R. sagt, dass die politische Haltung Rauchs nicht die seine sei. Aber dessen Kunst, die werde er ungebrochen weiterverfolgen.

Vielleicht ist die weitgefassteste Schlussfolgerung, die wir mit ins Jahr 2019 herüberretten sollten: Uns nicht mehr ständig unsere "Gesinnung" um die Ohren hauen, uns nicht mehr an unglücklichen Formulierungen oder intentional hervorgebrachten Provokationen abarbeiten, sondern an dem messen, was wir wirklich tun. Es wäre eine Kunst für sich.