Bagger, nicht Panzer, ließ Israel in der Nacht zum Dienstag an der Grenze zum Libanon auffahren. Trotzdem war es eine Demonstration militärischer Stärke. Die Bagger kamen, um Tunnel zu zerstören, die die Hisbollah-Miliz aus dem Libanon unter der Grenze hindurchgegraben haben soll. Von der israelischen Armee heißt es, die Tunnel seien mannshoch und klimatisiert. Sie sollten dazu dienen, im Kriegsfall Kämpfer nach Israel zu schleusen. Mit den Baggern bedeutet Israel Hisbollah, dass man einen solchen Krieg nicht auf dem eigenen Territorium führen werde. Die eigentliche Botschaft aber richtet sich an einen anderen Adressaten. Der sitzt in Teheran, von wo aus Hisbollah unterstützt wird.

Während Israel an seiner Grenze zeigt, dass es sich zu wehren weiß, machen sich die mächtigsten Männer der Region bereit für eine größere Konfrontation. Die arabischen Staaten schmieden an einer Allianz gegen den Iran – und sehen Israel dabei auf ihrer Seite. Der israelische Premier Netanjahu umwirbt seinerseits die arabisch-muslimische Welt und hat eine diplomatische Offensive gestartet. Die israelischen Bagger sind so gesehen nur ein Teil eines gewaltigen Umbaus im Machtgefüge der gesamten Region. Der Nahostkonflikt wird neu definiert.

Aber zunächst zur libanesisch-israelischen Grenze. Die libanesische Hisbollah, deren Tunnel Israel derzeit zuschüttet, gilt als Vasall des Irans. Die Aktion war offenbar lange vorbereitet. Dass Israel jetzt zuschlägt, ist ein Strategiewechsel. Irans Gegner wollen Teherans Einfluss in der Region nicht mehr nur eindämmen. Sie schalten um auf offensive Gegenmaßnahmen.

In der Tat hat der Iran sich in den vergangenen Jahren immer aggressiver gebärdet. Es kämpfte in Syrien erfolgreich mit eigenen Truppen für das Assad-Regime. Die durch den Sieg frei werdenden Mittel fließen nun an Hisbollah im Libanon. Israels Geheimdienste lassen durchblicken, die Iraner hätten jüngst erstmals auf direktem Wege per Flugzeug Raketenbauteile nach Beirut geschmuggelt. Auch soll der Iran den Aufbau neuer Fabriken für solche Raketen im Libanon planen. Dabei geht es um Waffen, die weit präziser sind als alle bisher bekannten und die Israel direkt bedrohen. Mit der Aktion am Dienstag hat Jerusalem klargemacht: Wir wissen Bescheid. Und im Zweifel schlagen wir zuerst zu.

Israel handelt allein, aber mit mächtiger Rückendeckung. Keine 24 Stunden bevor die Bagger kamen, traf Israels Premier Benjamin Netanjahu den amerikanischen Außenminister Mike Pompeo und informierte ihn vorab. Pompeo selbst hat vor wenigen Tagen in einem Aufsatz im außenpolitischen Fachblatt Foreign Affairs seine Iran-Strategie skizziert. Dort schreibt er: "Wir wollen keinen Krieg. Aber wir müssen schmerzhaft deutlich machen, dass der Iran eine Eskalation nur verlieren kann."

Auch Israels Schlag gegen Hisbollah ist nicht darauf ausgelegt, einen Krieg vom Zaun zu brechen. Hisbollah und der Iran halten sich entsprechend bedeckt. Für beide weit beunruhigender als die Baggeraktion vom Dienstag sind die auffällig freundlichen diplomatischen Gesten zwischen Israel und den arabischen Nachbarn, zeichnet sich doch darin ein neuer Naher Osten ab.

Zum Beispiel Ende Oktober: Israels Premierminister Benjamin Netanjahu reist zum Staatsbesuch in den Oman. Offizielle Fotos zeigen ihn, auf eine Landkarte der Region weisend, Seite an Seite mit Sultan Kabus. Kurz darauf: Israels Kulturministerin Miri Regev ist zu Gast in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Israelische Zeitungen drucken Bilder von Regev mit Kopftuch bei der Besichtigung der Großen Moschee von Abu Dhabi. Vergangene Woche dann wieder Netanjahu, diesmal mit dem Präsidenten des Tschad, Idriss Déby. Lachend halten beide einander an den Händen – mitten in Jerusalem.

Solche Bilder waren vor Kurzem noch undenkbar. Mit keinem dieser mehrheitlich muslimischen Staaten unterhält Israel offiziell diplomatische Beziehungen. Dass nun Hände geschüttelt werden, zeigt: Da verschiebt sich was.

Netanjahu verkündete, neben dem Staatsgast aus dem Tschad stehend, eine Zeitenwende: Es gebe "Veränderungen in den Beziehungen Israels zur arabischen Welt". Seit Jahren habe seine Regierung daran gearbeitet, Israels technologische und militärische Stärke in diplomatisches Gewicht zu übersetzen. Diese Arbeit trage nun Früchte. Man bemühe sich auch um Beziehungen zu Bahrain und Sudan – beide enge Verbündete Saudi-Arabiens.

Bislang galt Israel seinen Nachbarn offiziell als Hauptproblem in der Region. Darauf konnten sich sogar verfeindete iranische und arabischen Führungen einigen. Die Bilder, die nun kursieren, künden von einer Schubumkehr. Arabische Staatschefs tun sich mit Israel gegen den Iran zusammen.