Das Aufleben der Beziehungen zwischen Israel und den arabischen Staaten bringt weitreichende Veränderungen im Nahen Osten mit sich. Den Ton dafür setzte schon im Frühjahr der starke Mann Saudi-Arabiens, Kronprinz Mohammed bin Salman. Bei einem Besuch in den USA sagte er dem Magazin The Atlantic, Israel sei eine "Tatsache, mit der sich umgehen lässt". Der Kronprinz, de facto Regent über die heiligen Stätten des Islams, brach kurzerhand mit einer jahrzehntelangen Doktrin: Keine Normalisierung mit Israel ohne Frieden mit den Palästinensern. Das gilt nicht mehr, die Monarchen vom Golf setzen auf einen neuen Nahen Osten. Der Konflikt ist darin nicht mehr jener zwischen Israel und den Palästinensern, sondern der zwischen den arabischen Mächten und Israel auf der einen und Iran auf der anderen Seite.

Der Kurswechsel gründet auf einer nüchternen Analyse. Israels Gründung vor 70 Jahren war für die arabischen Nachbarn eine Schmach. Doch eine Bedrohung für ihre Regime ist Israel nicht. Im Gegenteil, Israel hat sogar ein starkes Interesse daran, dass die arabischen Autokratien stabil bleiben, und sieht wie sie ebenfalls im Iran den größten Feind. Die Herrscher in Teheran bezeichnen Israel als "Krebsgeschwür", das es auszumerzen gilt. Die arabischen Regime wiederum sehen im Iran seit der Islamischen Revolution eine Macht, die ihre Staaten von innen zersetzen will.

So aggressiv die arabischen Autokraten zuletzt aufgetreten sind, so verunsichert sind sie. Von drei Seiten sehen sie sich bedroht: vom Machtstreben des Irans, von Dschihadisten wie jenen des IS und von der eigenen Bevölkerung. Die Aufstände des Arabischen Frühlings 2011 erwischten die Herrschenden auf dem falschen Fuß. Sie sahen Staatschefs stürzen und den Iran an Macht gewinnen, vor allem in Syrien. Für die Despoten ist das ein Trauma, das andauert. Also rotten sie sich nun zusammen. In Israel sehen sie einen Verbündeten mit viel Potenzial.

Kein Staat hat stärker gegen Teheran Front gemacht als Israel. Keiner ist erfahrener im Kampf gegen Terror, nirgends findet sich bessere Überwachungstechnologie. Außerdem hat Israels Wort im Westen Gewicht.

Inoffizielle Kontakte zwischen Israel und den Golfstaaten reichen zurück bis mindestens in die Neunzigerjahre. Dass sie jetzt öffentlich werden, hat auch mit Donald Trump zu tun und dessen Sicht auf den alten wie den neuen Nahostkonflikt. Für Trump ist Iran ebenfalls der größte Feind. Um ihn einzuhegen, haben die Amerikaner mit daran gearbeitet, ihre größten Freunde in Israel und am Golf zusammenzubringen. Es ist kein Zufall, dass die Allianz gerade jetzt präsentiert wird. Der Iran ist geschwächt wie nie, harte Sanktionen greifen.

Für Benjamin Netanjahu ist das ein Moment des Triumphs. In Israel hat immer gegolten: Beziehungen zu arabischen Staaten gern, aber nur aus einer Position der Stärke heraus. Im Umkehrschluss gilt: Wenn sie jetzt möglich sind, ist das ein Beweis der eigenen Unangefochtenheit. Für Netanjahu kommt er zum idealen Zeitpunkt. Im kommenden Jahr wird in Israel gewählt, und der Premier muss sich Korruptionsvorwürfen stellen.

Für die arabischen Autokraten ist die neue Politik riskant. Die Annäherung an Israel folgt einem Plan der herrschenden Cliquen. Deren Bevölkerungen dürfte sie eher zornig machen. Das Gefühl der Verbundenheit mit den Palästinensern und die Ablehnung Israels bis zum offenen Hass sind weiterhin verbreitet. Der freundliche Ton der Herrschenden gegenüber Israel wird weithin als Verrat an den unterdrückten Palästinensern gesehen. Wer sich selbst zu den Unterdrückten zählt – und das sind in den arabischen Ländern nicht wenige –, der nimmt diesen Verrat der Eliten persönlich. In Jordanien wurde kürzlich schon sichtbar, wohin das führen kann. Nach massiven Protesten musste das Königshaus zurückrudern und Zugeständnisse gegenüber Israel im Grenzregime wieder einkassieren.

Dem Iran bietet sich hier eine Gelegenheit: Er kann sich wieder als Verteidiger der Palästinenser – und damit der kleinen Leute – gerieren. Das ist das Prinzip, das schon Hisbollah stark gemacht hat.

Die neue Konfrontation in der Region hat gerade erst begonnen. Ob sie durch Stärke allein zu gewinnen ist, ist offen. Geht Israel mit Aktionen wie der vom Dienstag zu weit, kann alles schnell außer Kontrolle geraten.