Robert Zollitsch hat sich vorbereitet, als er den freien Journalisten Bastian Schlüter in seinem Haus in der Freiburger Herrenstraße empfängt: Ein Manuskript mit mehreren eng bedruckten Seiten liegt beim Interview vor ihm auf dem Schreibtisch – auf einigen Seiten hat Zollitsch noch einmal etwas handschriftlich ergänzt. Zwei Wochen zuvor hatte ihm sein Nachfolger, der jetzige Freiburger Erzbischof Stephan Burger, in Interviews vorgehalten, den Missbrauchsfall von Oberharmersbach vertuscht zu haben. Die öffentliche Rüge ist ein ziemlich einmaliger Vorgang in der katholischen Kirche. Das Video-Interview mit Schlüter ist Zollitschs Reaktion auf die Vorwürfe. Die Aufnahmen hatten Bekannte des ehemaligen Erzbischofs vermittelt. Beim Gespräch sind der freie Reporter und Zollitsch dann aber allein. Die beiden vereinbaren, dass Schlüter das Video anschließend vor allem Fernsehsendern anbietet. Bisher sind aber nur Ausschnitte bekannt. Wir dokumentieren das gesamte Video im Wortlaut.

Frage: Herr Dr. Zollitsch, mich würde erst mal interessieren, warum wenden Sie sich jetzt an die Öffentlichkeit? Was ist Ihnen wichtig?

Zollitsch: Wir erleben alle, dass die Diskussion über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche wieder in den Mittelpunkt gerückt ist. Und dass wir sogar uns damit beschäftigen müssen, dass einem früheren Bischof von Hildesheim vorgeworfen wird, selbst Missbrauch getrieben zu haben. Und da habe ich schon eine Frage, (ob, d. Red.) ich nun als ehemaliger Erzbischof von Freiburg und Vorsitzender der Bischofskonferenz mich nicht eben auch dazu äußern muss. Ich habe lange damit gerungen, nachdem die Diskussion neu da ist, ob ich mich melden soll. Aber ich bin nun 80 Jahre alt geworden im August und ich habe nur noch meinem Gewissen und vor Gott die Verantwortung. Und ich muss sagen, es ist doch dann auch richtig, dass ich selber jetzt auch etwas dazu sage, nachdem nun auch manche Vorwürfe mit meiner Person verbunden worden sind.

Frage: Was haben Sie persönlich damals falsch gemacht?

Zollitsch: Ich hätte (bei, d. Red. ) Leuten, die zu mir kamen und berichteten, dass sie missbraucht worden sind, stärker darauf achten müssen, dass diese Leute auch bereit sind, in der Öffentlichkeit zu sprechen und Anklage zu übernehmen. Das haben die meisten nicht getan. Und dann habe ich eigentlich ... heute würde ich sagen: hätte ich die Pflicht gehabt, wenn die Leute das nicht sagen und ich merke, da ist Missbrauch geschehen, dass ich selber dann tatsächlich diesen entsprechenden Täter angezeigt hätte.

Frage: Wie denken Sie heute darüber, wie fühlen Sie heute darüber? Macht Sie das betroffen, macht Sie das nicht betroffen? Würden Sie im Nachhinein noch mal um Verzeihung bitten wollen? Auch da wieder würde mich interessieren: Wie würden Sie es in Ihren Worten sagen?

Zollitsch: Es macht mich sehr betroffen, und es sind viele Fälle, die dann mir immer wieder auch durch den Kopf gehen, für die ich dann auch im Gebet noch mal da bin. Ich habe dann – auch schon mehrfach – um Verzeihung gebeten, gesagt, dass es mir leidtut. Ja, ich leide darunter. Und ich bitte auch heute nochmals um Verzeihung, denn diesen Menschen ist tiefes Unrecht geschehen, denn wir haben dieses Maß an Unrecht damals nicht rechtzeitig erkannt.

Es ist 12 Uhr:Journalist Schlüter muss unterbrechen. Im Haus des früheren Erzbischofs in der Freiburger Innenstadt wird pünktlich gegessen. Die Haushälterin wartet mit dem Mittagessen: Käsespätzle. Zollitsch und der von ihm eingeladene Journalist nutzen die Pause, um das bisher gefilmte Gespräch zu sichten. Der Kirchenmann klinge manchmal, als predige er, findet der Reporter. Sie nehmen einige Fragen noch einmal auf. Im Video fällt der Schnitt auf. Das Licht fällt anders. Es wirkt, als sei es draußen schon dunkel.

Zollitsch: Auch ich hatte in meiner aktiven Zeit mit Fällen zu tun, in denen Priester unserer Erzdiözese Kinder missbraucht haben. Das war für mich eine erschreckende Erkenntnis, mit der ich leben musste, und ich habe dann lange Zeit nicht begriffen, wie furchtbar dieses Geschehen auch wirklich war. Ich musste dann schauen, wie wir damit umgehen, und ich trug die Verantwortung als Personalreferent und als Erzbischof für die personellen Konsequenzen. Und das ganze Ausmaß der Fälle ist mir erst viel später wirklich bewusst geworden – im Laufe der Zeit, in der wir uns damit befasst haben.

Frage: Wie haben Sie sich denn damals gefühlt?

Zollitsch: Ich stand zwischen zwei Polen. Auf der einen Seite waren die Menschen, die von Missbrauch betroffen worden waren, und die jungen Menschen, die nicht in der Lage waren, sich öffentlich dazu zu äußern, die auch nicht die Kraft hatten, vor Gericht dazu aufzutreten und insofern eben als Zeugen öffentlich nicht infrage kamen. Auf der anderen Seite war die Kirche, in die ich eingebunden war, die sich mit den Missbrauchsfällen ungeheuer schwertat und die natürlich dann spürte, ja da kommt etwas auf uns zu, und die damals nicht in der Lage war, es als das zu benennen, was es war, nämlich ein Verbrechen.

Frage: Herr Dr. Zollitsch, was sagen Sie zu dem Vorwurf, Sie hätten Dinge vertuscht?

Zollitsch: Wenn es heute einige Menschen gibt, die mir sagen, ich hätte zur Vertuschung beigetragen, dann muss ich damit leben. Aber ich muss auch sagen, es gab keine Anweisung, etwas zu vertuschen oder Akten zu vernichten. Es ist ganz klar, ich war stets eingebunden in die Gemeinschaft der katholischen Kirche und ich habe nie allein für mich entschieden, sondern es ist eine gemeinsame Entscheidung, die wir getroffen haben, von unserem Verständnis aus. Und nicht mal der Erzbischof allein entscheidet bei uns. Wir waren alle beteiligt. Mit der Verantwortung und der Vergangenheit müssen ich und die katholische Kirche leben. Ich wünsche mir, dass die Erkenntnisse aus der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle dazu beitragen, dass sich in Zukunft solche Dinge nicht mehr wiederholen.