Zwischen Hofsgrund und Oberried drehte Alex die Musik auf. Immer die gleiche CD, zwei Lieder. Zuerst Marmor, Stein und Eisen bricht, dann sein liebstes. Er sang aus voller Kehle: "Es gibt kein Bier auf Hawaii, es gibt kein Bier. Drum fahr ich nicht nach Hawaii, drum bleib ich hier." Bis wir einstimmten, ein Chor aufgekratzter Kinder auf dem Weg zur Schule. Alex aber sang am lautesten.

Wir lernten uns im September 1998 kennen. Alex, der Busfahrer, und ich, der Schulanfänger. Meine älteren Cousins hatten mir Geschichten von ihm erzählt. "De Alex hätt widder ...", sagten sie in unserem Dialekt, dann folgte stets eine lustige Anekdote. Schokolade verschenkt, zum Beispiel. Ich stieg ein, an der Haltestelle in Hofsgrund, meinem Heimatdorf, auf einem Berg im Schwarzwald gelegen. Den Ranzen voller Hefte, den Kopf voller Fragen. Würde ich Freunde finden? Würden meine Lehrer nett sein? Doch erst kam er. Bestimmt hat er mich mit den Worten begrüßt, die er noch heute Schülern zuruft: "Ah jo, Mann!"

© Lena Giovanazi für DIE ZEIT

Drei Worte, der Sound unserer Fahrten. Morgens 30 Minuten runter vom Berg, durch enge Kurven, vorbei an Felsen und durchs dunkle St. Wilhelmer Tal. Mittags wieder hoch. "Ah jo, Mann!", rief Alex, ob wir ein- oder ausstiegen, ob wir brav saßen oder über die Sitze turnten. "Ah jo, Mann!" war Kult. Alex war Kult.

Ein Mann fährt Bus, jeden Tag dieselbe Strecke, 26 Jahre lang. Er fragt seine Fahrgäste, wie sie heißen, wie die Schule war, was es zum Mittagessen gibt. Er singt, muntert auf, wartet, wenn einer zu spät kommt. Ein Mann interessiert sich mehr für die anderen als für sich selbst. Als Schulkind fiel mir das nicht auf. Ich hielt es für normal, Alex war eben Alex, und Alex war lustig. Heute denke ich, dass das eine ganz schöne Leistung ist, nie bitter zu werden.

Im Sommer erfuhr ich, dass er aufhört. Er hatte es meiner Cousine erzählt, die ihn zufällig traf. Im Januar wolle er in Rente gehen. Die Nachricht stimmte mich traurig. Ich war ewig nicht mehr mitgefahren, wohnte längst woanders, daran lag es nicht. Aber irgendwie war es beruhigend gewesen, zu wissen, dass Alex noch fährt. Fragt, aufmuntert, singt. Dass dieses Stück Welt noch ist wie damals.

Ich rief bei der Busfirma an und fragte nach ihm. Er rief zurück. Brauchte kurz, bis er verstand, wer dran war. Dann: "Ach du!" Nicht weil wir uns besonders gut gekannt hätten. Er erinnert sich an jeden.

Ich fragte Alex, ob er mich noch mal mitnehmen würde, einen Tag lang, in seinem Bus. "Klar fährst du mit!", rief er. Ich würde gern über ihn schreiben, sagte ich. Er verstand nicht: "Aber ich bin doch Busfahrer, was ist daran spannend?"

Der Linienbus 7215 verkehrt täglich zwischen Kirchzarten, einer Kleinstadt bei Freiburg, und Todtnau, einer Kleinstadt mitten im Schwarzwald. Um dorthin zu gelangen, muss der Busfahrer einen 1.100 Meter hohen Pass überqueren. Dort oben bin ich aufgewachsen. Jeden Morgen, kurz nach sieben, stieg ich in den von Todtnau kommenden Bus und fuhr mit ihm hinab nach Kirchzarten, zur Schule.

Es ist ein Morgen Anfang November, kurz nach sieben. Ich warte an der Haltestelle. Auf die Minute pünktlich bremst ein weißer Bus vor mir. Am Steuer sitzt ein Mann in einem abgewetzten blauen Pullover, die grauen Haare liegen ihm platt auf dem Kopf.

"Alex", sage ich, "wie schön. Diesen Pulli hattest du früher schon an!"

"Ah jo, Mann!", sagt Alex. "Den hab ich seit 25 Jahren. Schon gefrühstückt? Ich hab Reiswaffeln dabei!"

Ich setze mich auf den Platz hinter ihm. Früher war der begehrt. "Sitzen wir erschte?", fragten meine Freunde. "Erschte", das hieß: erste Reihe, nah beim Fahrer.

Heute fahren wir erst mal in die verkehrte Richtung. Nach Todtnau. Alex erzählt gleich von früher. Von Sven, der sich einmal auf der Fahrt die Haare abgeschnitten und angezündet hat. Das hat gestunken. Oder von Marion, die immer einschlief und an ihrer Haltestelle geweckt werden musste.

Alex lenkt den Bus durch Hofsgrund. Vorbei am Skilift, der im Herbst noch verloren auf der Bergwiese steht. Früher sind wir am Schlepper hängend hochgeschlittert, direkt nach der Schule, mit Straßenschuhen statt Skiern. Ging schneller als Heimlaufen. Alex passiert auch die Kurve, in der ein Kollege von ihm mal mit einem Radfahrer kollidierte, der sofort starb. Höher und höher fahren wir, bis man ganz oben auf dem Pass weit schauen kann. Übers Rheintal nach Frankreich, das Atomkraftwerk Fessenheim glänzt in der Morgensonne. Auf der anderen Seite: Schwarzwaldhügel, Kühe, ein Schneefleck, vor ein paar Tagen hat es zum ersten Mal geschneit.

So behütet wir hier oben aufwuchsen, so schwer war es für Zugezogene, heimisch zu werden. Im Dorf erregte man Aufsehen, wenn man Hochdeutsch sprach. Alex sprach mit einem Akzent, den wir nicht kannten. Manchmal fehlten ihm Wörter, dann erfand er neue. "Hockerle machen", sagte er, wenn sich jemand hinsetzen sollte. Wir mochten ihn trotzdem. Oder gerade deswegen. Rollte er in die Haltebucht, jubelten wir. Alex fährt! Dabei wussten wir kaum etwas über ihn. Als meine Cousine mir erzählte, dass er in Rente geht, fiel mir das auf. Hat Alex Kinder? Woher stammt sein Akzent? Wie heißt er mit Nachnamen? Ich kannte auf keine dieser Fragen eine Antwort.

"Alex", sage ich, "erzählst du mir, wo du herkommst? Und wie du in den Schwarzwald kamst?"

"Ach, Kindchen", sagt Alex.

Während er den Bus von der Passhöhe durch den Wald steuert, vorbei am Wasserfall, der jetzt im Herbst besonders heftig rauscht, erzählt Alex seine Geschichte. Geboren wird er 1955 in Sibirien als Alexander Kisner. Seine Eltern sind Russlanddeutsche, deren Vorfahren aus Hessen an die Wolga ausgewandert waren.