Bernward Lösse fährt durch seinen Wald, er zeigt mal nach links, dann nach rechts. "Der Fichte da geht es schlecht", sagt er. "Die da ist tot. Und die da wird auch bald sterben." Immer wieder sieht man im Grün und letzten Herbstgold seines Mischwaldes graue Fichtenstämme und vertrocknete Buchen stehen. 300 Hektar Forst am Rande des Dorfes Garbeck im Sauerland gehören dem 61-jährigen Waldbauern. Seine Familie bewirtschaftet das "Jungferngut" seit 1401, und alle seine Vorfahren werden in diesen Jahrhunderten Naturgewalten erlebt haben. Aber so heftig wie Bernward Lösse in nur elf Jahren?

2007 warf der Orkan Kyrill die ältesten Bäume aus Lösses Wald um, die wertvollsten. Eine Tragödie, doch Lösse ließ sich nicht unterkriegen. Er baute mehr Weihnachtsbäume an, um möglichst bald wieder ein Einkommen zu haben. Er pflanzte schnell wachsende Nadelbaumarten. Auch die langsamen Buchen und Eichen ließ er wieder kommen.

Und nun dieser Hitzesommer. Die Trockenheit stresste viele Bäume enorm, sie konnten sich nicht mehr gegen den Borkenkäfer wehren. Lösse musste fällen, um die anderen Bäume zu schützen. Jetzt steht er in robuster Lederhose und olivgrüner Jacke neben Holzstapeln, an denen er womöglich kaum etwas verdienen wird, weil auch andere Waldbauern ihr "Käferholz" vermarkten müssen. Wo Wetter und Borkenkäfer im Wald Licht und Platz schaffen, sagt Bernward Lösse, da wächst neues, junges Grün. Aber das wird dauern.

Nicht überall hat es die Wälder so getroffen wie auf den rauen Höhen des Sauerlandes, wo im Januar auch noch Friederike einen Teil der Wälder brach, der stärkste Orkan seit Kyrill. Aber hier gewinnt man einen Eindruck davon, wie der Klimawandel dem Wald zusetzt, wenn Unwetter und Dürren einander immer rascher folgen.

Anlass genug, sich Gedanken darüber zu machen, wie der Wald in ein paar Jahrzehnten aussehen wird. Er steht unter unerhörtem Anpassungsstress. Doch der Wald ist nicht nur Sorgenkind, er ist auch Hoffnungsträger. Und es sind gewaltige Hoffnungen, die auf ihm ruhen.

Die häufigsten Bäume

Vorkommen der Baumarten in Deutschland in Prozent

Quelle: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Schon jetzt liefert er Papier, Bau- und Brennholz, Biomasse für die Energiegewinnung. Er bietet Reviere für Jäger, Spaziergänger und Sportler, außerdem Lebensraum für zahllose Tier- und Pflanzenarten. Er bewahrt den Boden vor dem Abrutschen, reinigt die Luft und speichert das Wasser. Obendrein aber soll der Wald jetzt noch eines der größten Menschheitsprobleme lösen: Er soll die Überhitzung der Erde stoppen. Und an dieser Aufgabe kann er wachsen – oder zugrunde gehen.

Weltweit geht es um sehr viel Wald. In einem globalen Großprojekt namens Bonn Challenge aus dem Jahr 2011 sagen Regierungen, Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen zu, bis zum Jahr 2020 ungefähr 150 Millionen Hektar aufzuforsten: eine Fläche, etwa 13-mal so groß wie die aller deutschen Wälder zusammen. Bis 2030 wollen die Unterzeichner mit 320 Millionen Waldhektar ihre Anstrengungen sogar verdoppeln. Damit die Pflanzungen nicht bloß ausgleichen, was gleichzeitig abgeholzt wird, soll parallel die globale Entwaldung bis 2020 halbiert und bis 2030 gänzlich gestoppt werden. Darauf einigten sich wiederum Regierungen und eine Vielzahl von Organisationen 2014 in der "New Yorker Erklärung".

Gewaltige Pläne, doch so unrealistisch sie erscheinen – pflanzt die Menschheit nicht sofort Abermilliarden Bäume und hütet sie ihre alten Wälder nicht besser, werden Städte im Meer versinken, Dürren die Ernten verdorren lassen und noch öfter Dörfer von Fluten weggespült werden. Das Wachstum der Wälder bietet die größte Chance, den Klimawandel nicht komplett aus dem Ruder laufen zu lassen. Denn schon jetzt ist klar: Die Staaten werden an ihrem Ziel, die Erderwärmung auf 2 Grad zu begrenzen, scheitern. Dabei halten Klimawissenschaftler schon 1,5 Grad für zu viel. Mit bloßer Einsparung von Kohlendioxid, CO₂, ist das Ziel nicht mehr zu erreichen. Die Weltgemeinschaft muss der Atmosphäre jetzt CO₂ entziehen. Es gibt durchaus Ideen, welche Technologien solche "Negativ-Emissionen" zuwege bringen könnten.

Bevor das CO₂ überhaupt in die Atmosphäre gelangen kann, setzt CCS an, Carbon Capture and Storage. Diese Technik filtert CO₂ aus Abgasen von Kraftwerken und Fabriken. Dann wird es unter die Erde, etwa in alte Erdgaslager, gepresst. Klingt verlockend, ist aber umstritten.