"Lion Feuchtwanger, 1884–1958, dt. Autor, wahrscheinlich jüd. Kommunist, 19 Romane, Stalin-Bewunderer, zahlreiche Kontakte zu kommunistischen Intellektuellen in aller Welt, bemühte sich bis zu seinem Tod vergeblich um US-Staatsbürgerschaft, wohnhaft Pacific Palisades, CA. Autofahrer. Häufig wechselnder Geschlechtsverkehr."

So ungefähr könnte man sich den Eintrag im Verdachtsregister des amerikanischen Bundeskriminalamts vorstellen – gäbe es nicht Tausende real existierende Protokoll-Seiten des FBI, das den deutschen Schriftsteller zeit seiner 16 Exiljahre an Kaliforniens Küste beschattete. Viermal haben steindumme Beamte den Dichter nach 1945 verhört. Natürlich war der Linksliberale kein Kommunist, aber Stalin, den er 1937 während der Terror-Prozesse in Moskau ausführlich in personam sprechen durfte, hat er maßlos bewundert. Da war er nicht allein. Doch es war ein moralischer Irrtum, dem sein umfangreiches Gesamtwerk während des Kalten Kriegs in Westdeutschland zum Opfer fiel.

Nach 1933 lebte der vorübergehend erfolgreichste Autor der Welt bereits im südfranzösischen Exil, in Sanary-sur-Mer. Die Gesamtauflagen seiner historischen Romane (Jud Süß, Erfolg, Die Geschwister Oppermann, Die Jüdin von Toledo) in mehr als 20 Sprachen übertrafen die Millionengrenze.

Die Namensliste der nach 1933 ausgebürgerten oder geflohenen deutschsprachigen Dichter, Maler, Musiker und Intellektuellen, die sich schließlich in den USA wiederfanden, gleicht nach wie vor einer Schadensbilanz geisteswiderwärtiger Raserei: Theodor Adorno, Hannah Arendt, Hanns Eisler, Paul Hindemith, Arno Schönberg, Max Reinhardt, Erwin Piscator, Fritz Lang, Hermann Broch, Richard Beer-Hofmann, Alfred Döblin, Leonhard Frank, Max Horkheimer, Emil Ludwig, Heinrich und Thomas Mann, Ludwig und Herbert Marcuse, Lion Feuchtwanger, Alfred Polgar, Erich Maria Remarque und so weiter und so weiter. Irgendwann trafen sich die meisten von ihnen auf einer der regelmäßigen Partys in Feuchtwangers Villa Aurora bei Santa Monica in Kalifornien.

Dass nun bereits die zweite Nachkriegsgeneration vom Projekt eines Exilmuseums in Berlin träumt, drängt eine historische Peinlichkeit in den Hintergrund: dass die Vertriebenen und Verfolgten bis auf wenige Ausnahmen auch nach 1945 im geistigen Zwangsexil der Bundesrepublik blieben. Feuchtwangers Wiederentdeckung in der DDR stand das Desinteresse der meisten westdeutschen Verlage (bis auf Rowohlt) gegenüber. Der "Gruppe 47" blieb er fern – oder war es nicht umgekehrt? Schreibstil und Sujets wiesen ihn als einen Mann des assimilierten jüdischen Bildungsbürgertums aus, dessen schiere physische Präsenz im Kulturbetrieb der Nachkriegsjahre wahrscheinlich störend gewirkt hätte. Man las Hans Carossa oder Hermann Hesse und sinnierte über Dürers Hasen. Zugegeben, ein gewisser Marcel Reich-Ranicki lobte Feuchtwanger nach 1945 über den grünen Klee – allerdings wohnte der Kritiker damals noch in Polen, niemand hörte hin. Noch nicht.

Der Ostberliner Aufbau-Verlag hingegen war Feuchtwanger treu geblieben. Der hatte zwar Walter Ulbricht als linientreuen Strohkopf in Moskau erlebt und erfreute sich der Honorare. Doch er entzog sich den Einladungen in die Arbeiter-und-Bauern-Republik, weil er zu Recht fürchtete, nicht mehr in die USA zurückkehren zu dürfen. Auch beklagte er öffentlich das Schicksal seines Aufbau-Verlegers Walter Janka, der 1956 aus tausend verlogenen Gründen inhaftiert und verurteilt wurde – der Mann kannte Erich Mielkes mörderische Vergangenheit als Trotzkisten-Jäger im Spanischen Bürgerkrieg. (Der Stasi-General ließ es sich nicht nehmen, den zarten Janka in seiner Zelle persönlich zusammenzuschlagen. Es war aber, wie uns die Linke immer wieder erklärt, nicht alles schlimm in der DDR.)

Nun hat ausgerechnet der Aufbau-Verlag dem Ruf des fast vergessenen Autors den Todesstoß versetzt. Er hat Feuchtwangers groteske Tagebücher aus den Jahren 1906 bis 1940 veröffentlicht. Sie stammen aus dem Nachlass seiner Sekretärin Hilde Waldo, mit der er ein Verhältnis hatte. Hilde stand der Witwe Marta bis zu deren Tod 1987 in der Villa Aurora bei Santa Monica geflissentlich zu Diensten, als gelte es, Jean Genets Herr-und-Knecht-Parabel Die Zofen tagein, tagaus unter Kaliforniens ewig blauem Himmel nachzuspielen.

Jahrelang hatte ihr Lion F. seine literarischen Texte in immer neuen Varianten diktiert, jetzt diktierte Marta F. der Sekretärin, was im Haushalt zu tun sei. Aber Hilde W. besaß die Tagebücher – es sind die peinlichsten und zugleich langweiligsten der deutschen Literaturgeschichte. Der Autor und seine Witwe hätten sie mit Sicherheit niemals veröffentlicht. Im Gegenteil. Jetzt sollen also die alt gewordenen Feuchtwanger-Fans die Chronik seiner sexuellen Passionen zur Kenntnis nehmen. Philip Roths Star-Onanierer Portnoy war ein keuscher, abstinenter Jüngling im Vergleich zum kleinen Lion Feuchtwanger. Der war nur 1,65 Meter groß, und vielleicht erklärt sich sein bizarrer Drang, unermüdlich zu onanieren, zu "huren" und zu "vögeln" und zugleich fast täglich darüber Buch zu führen, aus einem obsessiven Unterlegenheitsgefühl. Wie man damals in Berlin sagte: "Klein, aber oho!"

Literaturhistorisch verraten diese Eintragungen nichts Neues. Dass sich die Exilanten regelmäßig bei Feuchtwangers trafen, dass sie ihn anpumpten und ob seines Erfolgs beneideten, dass sein kalifornischer Nachbar Thomas Mann ihn lächerlich machte – alles bekannt. Neu und überhaupt nicht wissenswert sind die Mitteilungen des Unterleibsprotokollanten über seine sexuellen Aktivitäten: "Mit Marta sehr gehurt. Dann abends noch fortgegangen, eine Hure zu suchen. Ein reichlich hässliches Mädel gefunden", "Marta beklagt sich, dass ich sie so wenig vögele. Abends mit Eva gevögelt. Dann mit Marta gevögelt", "Toller und Frau da, ganz nett. Helen da. Nett. Nicht gevögelt". Helen war das Zimmermädchen und eine Eintragung wert. "Regler da, später Becher, die Seghers. Döblin. Döblin sehr wirr. Abends Lilo. Sie endlich gevögelt", "Mit Eva nach Cannes gefahren. Sehr gevögelt. Dann nachmittags und abends gespielt. Sehr spät nach Hause gekommen und nochmals gevögelt". Eva war die geduldete Geliebte, eine ungewöhnliche Schönheit.

Schockierend, weil am 25. Januar 1937 in Moskau notiert, der Eintrag: "In der Frühe mit Eva gevögelt. Nicht zum Prozess gegangen." Es handelte sich um den Prozess gegen den angeblichen Trotzkisten Karl Radek – er wurde zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt und später umgebracht. Zurück im südfranzösischen Exil, am 13. Dezember: "Abends Diskussion mit Eva über meine und Huxleys Hässlichkeit. Verstimmung auf beiden Seiten. Dann doch sehr gevögelt." Kein Wort über seine Frau Marta, die stets dabei war. Oder doch, am 13. März 1938: "Im Radio den Anschluss Österreichs gehört. Jämmerlich. Zu spät ins Bett. Marta gevögelt."

1940 schließen die Tagebücher ab. Weitere sind nicht gefunden worden, gottlob!

Die fünf fleißigen Herausgeber gestehen im Nachwort des Werkes, bei der Transkription der stenografischen Notizen die Erwähnung "intimer Kontakte" gekürzt zu haben: "Von rund 750 erwähnten 'gevögelt' finden rund 100 Aufnahme, von rund 650 'gehurt' 40." Wie bitte? Handelt es sich hier um "Editionsterror", wie man früher sagte, als man philologisch noch empfindlicher war, oder um einen Gnadenakt des Verlags? So oder so – ein überflüssigeres Buch hat es im Jahr eins der #MeToo-Bewegung nicht gegeben. Diese Leichenfledderei hat Feuchtwanger nicht verdient. Und seine "Mädels, Hürchen, Huren" auch nicht – von Marta Feuchtwanger ganz zu schweigen.

Lion Feuchtwanger: Ein möglichst intensives Leben. Die Tagebücher; mit einem Vorwort von Klaus Modick; zahlreiche Fotografien; Aufbau-Verlag, Berlin 2018; 639 S., 26,– €