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Sie kamen im Morgengrauen, am 11. September, gegen sechs Uhr. Die Antiterroreinheit zeigte den Befehl zur Festnahme vor und wandte sich unverzüglich der Stelle mit den meisten "Tatbeständen" im Haus zu: der Bibliothek. Dort fand sie die gesuchten Beweise: Bücher. Jede Menge Schriften über die linke Bewegung der Türkei.

Der 29-jährige österreichische Journalist Max Zirngast interessierte sich seit etwa zehn Jahren für die Türkei. Erst lernte er Türken und Kurden in der Diaspora in Österreich kennen. 2015 ging er in die Türkei, um Politikwissenschaft an der Universität des Mittleren Ostens zu studieren, an der auch ich einst meinen Master machte. Nebenbei schrieb er Artikel über den zunehmenden Autoritarismus in der Türkei und beteiligte sich an Demonstrationen. Gründe genug, ihn festzunehmen. Auf dem Weg zur Wache war er ruhig. Die Nacht verbrachte er unter einer dünnen Wolldecke zitternd auf einer Pritsche.

Tagelang wurde er verhört: über die linken Bücher in seiner Wohnung, zu einem Plakat einer Gedenkveranstaltung für einen sozialistischen Autor, über seine auf sozialistischen Websites erschienenen Texte. Und dazu, ob er Verbindungen zu einer Terrororganisation habe. Sie glaubten, er sei der Autor eines Buches über kurdische Politik, auch dazu vernahmen sie ihn. Sie fragten: "Hast du etwas mit der Friedrich-Ebert-Stiftung zu tun?" Und warfen ihm vor, in einem Artikel für das sozialistische US-Magazin Jacobin Erdoğan beleidigt zu haben.

Zirngast erklärte, in keiner Verbindung zu irgendeiner geheimen Organisation zu stehen: Die Gruppe, der er angeblich angehöre, kenne er gar nicht. Bei den Schriften in seiner Wohnung handele es sich um Lektüre für ein Referat an der Uni. Er fand kein Gehör.

Obwohl es keinerlei Beweise gab, erging Haftbefehl wegen Mitgliedschaft in einer Vereinigung, von der unklar ist, ob es sie überhaupt gibt. Seine Akte wurde unter Geheimhaltung gestellt, nicht einmal der Anwalt erhielt Zugang.

Neun Tage saß er in Gewahrsam, dann wurde er in ein Gefängnis überstellt. Nun ist er selbst Objekt und Zeuge des Autoritarismus, den er seit drei Jahren in der Türkei studierte. Wird die türkische Regierung ihn, wie andere vor ihm, für einen diplomatischen Deal nutzen?

Nach Zirngasts Verhaftung hatte der österreichische Bundeskanzler und derzeitige EU-Ratsvorsitzende Sebastian Kurz in einer Erklärung konkrete Beweise verlangt. Gebe es die nicht, sei Zirngast unverzüglich freizulassen.

Die Forderung der österreichischen Außenministerin Karin Kneissl nach einem "fairen Prozess" entlockte Kennern der türkischen Justiz ein Lächeln.

In einem Artikel für die Washington Post beschrieb Zirngast letzte Woche seine Zelle: "Der Putz bröckelt von den Wänden, Eisenteile sind verrostet. Das Wasser aus dem Hahn ist faulig. Die Heizung funktioniert nicht, das Personal erschwert Besuche extrem. Immerhin wird uns Zeit zum Sprachenlernen (...) zugestanden. Ich verbringe die Tage damit, (...) Schriften über die türkische Linke und über Faschismus zu lesen." Manchmal lehrt einen das Leben mehr als Bücher.

Zirngast wartet nun in der Zelle auf Gerechtigkeit. Unterdessen appelliert Präsident Erdoğan wegen des im saudischen Konsulat ermordeten Journalisten Jamal Khashoggi an die Welt, sich für die Pressefreiheit einzusetzen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe