Ein Professor lädt rechte Autoren in ein Seminar über Meinungsfreiheit ein. Seitdem liegen an der Uni Siegen die Nerven blank.

Noch weiß niemand, wann der große Streit an der Universität Siegen in die nächste Runde geht. Noch ist auch ungewiss, wie viele Runden folgen werden. Zehn Runden, zwanzig, hundert? Klar ist aber, dass gerade die größte Auseinandersetzung in der Geschichte dieser Hochschule stattfindet und dass es am Ende nur einen Gewinner geben wird: Thilo Sarrazin, den umstrittenen Bestsellerautor, ein SPD-Mitglied, das die Partei loswerden wollte, was sie aber nicht geschafft hat. Thilo Sarrazin wird am Ende vielleicht noch bekannter sein, als er es jetzt schon ist, wenn der Streit in Siegen so weitergeht.

Im Januar, so viel steht fest, soll eine weitere Sitzung des Seminars "Denken und denken lassen. Zur Philosophie und Praxis der Meinungsfreiheit" stattfinden, und Sarrazin soll dazu sprechen. In diesem Wintersemester sind mehrere Referenten eingeladen, neben Sarrazin beispielsweise auch der AfD-Chefideologe Marc Jongen und der rechte Althistoriker Egon Flaig. Regulär sind nur 23 Studenten der Philosophie als Teilnehmer angemeldet; das Seminar steht aber allen Hochschulangehörigen offen. Der Allgemeine Studierendenausschuss (Asta) läuft gegen die Veranstaltung bereits seit Semesterbeginn Sturm.

Der Professor, der die Referenten eingeladen hat, heißt Dieter Schönecker, ist seit 13 Jahren in Siegen beschäftigt und 53 Jahre alt. Er findet, die Gastredner müssten in Deutschland einen enormen öffentlichen Druck aushalten, nur weil sie ihre Meinung zu Themen wie Migration, Europa oder der Rolle der Frau äußerten.

Gleich zu Beginn des Gesprächs in seinem Büro zeigt der Professor auf seine philosophische Muse: Immanuel Kant blickt von einem Bild über dem Bücherregal herüber. Es sieht so aus, als habe sich Kant vorgenommen, den Professor zu beruhigen.

Schönecker war bewusst, dass seine Idee viele Studenten und Wissenschaftler provozieren würde, vielleicht legte er es sogar darauf an. Er ahnte aber nicht, sagt er, dass er sich bis heute mit dem Widerstand würde beschäftigen müssen. Einige Studenten, die sich gegen die Gastauftritte in seinem Seminar wehren, regen sich darüber so sehr auf, dass sie kaum noch schlafen können. Eine Wissenschaftlerin glaubt, sie werde verfolgt und bedroht. Sie alle werfen dem Professor vor, er arbeite an einer politischen Agenda, die der Universität einen Weg nach rechts bereite.

"Dass ich diese Autoren eingeladen habe, bedeutet nicht, dass ich ihnen zustimme", sagt Schönecker. Er selbst sei in ethischen Fragen zwar sehr konservativ. Abtreibung? Moralisch falsch. Ehe? Nur zwischen Frau und Mann. Kopftuch? Nicht gut. Schönecker hält sich dennoch für liberal – was ihm sogar die Antifa in Siegen attestiert. Abtreibung etwa findet er zwar moralisch falsch – er ist aber nicht für ein Verbot, weil es nicht an ihm sei, darüber zu entscheiden. Er sagt: "Ich finde es unfair, dass ich nun in die rechte Ecke gestellt werde, nur weil ich für Meinungsfreiheit einstehe."

Neulich klebte ein "FCK AfD"-Sticker an seiner Bürotür. Kollegen fluteten sein E-Mail-Postfach mit Protestschreiben. Der Asta und Wissenschaftler anderer Hochschulinstitute äußerten sich kritisch zum "Pseudodiskurs der Rechten, die darauf hinarbeiten, Minderheiten zu diskriminieren, Frauen zurück an den Herd zu zwingen und die Gesellschaft zu spalten. Die Rechten können nun dank Professor Schönecker die Uni als Bühne nutzen." Die Universität bewilligte Schönecker nicht die von ihm beantragten zusätzlichen Mittel, um das Seminar mit Sarrazin abzuhalten, was der umstrittene Professor wiederum als Behinderung seiner Arbeit interpretiert. "Ich werde in meiner Wissenschaftsfreiheit eingeschränkt. Das ist laut Artikel 5, Absatz 3 Grundgesetz schlicht verfassungswidrig", sagt Schönecker. Diese Zensur, wie er es nennt, werde er nicht kampflos hinnehmen.

Hört man sich auf dem Campus der Universität um, halten Studierende entweder euphorische Lobeshymnen auf die "neue Meinungsfreiheit" oder sie beschweren sich über den "Freischein für Rassismus, Sexismus und Homophobie". Viele von ihnen stecken mitten im Studium, wollen Lehrer werden. Fallen die Namen Sarrazin und Schönecker, dann erröten viele Gesichter, Tränen fließen, Hände zittern. Jene Studierenden, die sich als Antifa bezeichnen, erklären, dass sie sich "auf den Besuch von Sarrazin im Januar intensiv vorbereiten". Und wie genau? "Wir verraten nicht unsere Strategie", sagt einer von ihnen.

Aber es gibt auch die anderen. Da steht dann eine Studentin mit blaugrün gefärbten Haaren und verteidigt Professor Schönecker: Sie freue sich auf Sarrazin. Ein grau gekleideter Naturwissenschaftler hingegen meint, das sei der Anfang eines Rechtsrucks, den man verhindern müsse. Die beiden Lager verbindet, dass sie sich organisiert haben: links und rechts, böse und gut, richtig und falsch.