Wie passt das zusammen? Nach den heftigen Protesten der vergangenen Wochen verschiebt die französische Regierung die geplante Einführung von zusätzlichen Steuern auf Benzin und Diesel – und das ausgerechnet an dem Tag, an dem die Weltklimakonferenz in Polen eröffnet wird. Auf dieser Konferenz soll der Kampf gegen die Erderwärmung vorangetrieben werden – unter anderem durch höhere Steuern auf Benzin und Diesel.

Vielleicht so: Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse legt die zentrale politische Problemstellung des 21. Jahrhunderts offen: Wie lässt sich die ökologische Frage mit der sozialen verbinden?

Es ist eben doch nicht ganz so einfach, wie manchmal behauptet wird: dass nämlich die Lösung der ökologischen Frage sozusagen die soziale Frage automatisch gleich mitlöst. Solche Fälle gibt es: Menschen mit wenig Geld wohnen häufiger an viel befahrenen Straßen. Deshalb würden diese Menschen auch profitieren, wenn weniger Auto gefahren wird. Aber Menschen mit wenig Geld wohnen auch in Dörfern oder abgelegenen Stadtvierteln und sind deshalb auf das eigene Auto angewiesen, um zur Arbeit zu kommen. Und wenn das Geld ohnehin knapp ist, können höhere Spritpreise schnell zu einer erheblichen Belastung werden.

Einfach so eine Steuer auf den Sprit einzuführen ist keine sehr gute Idee

Diese Sorge ist der politische Kern der Protestbewegung. Wenn Franzosen in gelben Westen dieser Tage auf die Straße gehen, dann tun sie das also in aller Regel nicht, weil sie gegen die Rettung des Klimas sind. Sie tun es vielmehr, weil sie nicht einsehen, dass sie den Preis dafür bezahlen sollen. Weil sie auch schon zahlen mussten, als vor ein paar Jahren das Bankensystem gerettet werden musste. Und dann der Euro. Und vielleicht auch weil der ökologische Fußabdruck der oberen 50 Prozent deutlich größer ist als jener der unteren 50 Prozent.

Emmanuel Macron glaubte, das ignorieren zu können, es geht beim Kampf gegen den Klimawandel schließlich um die Zukunft des Planeten. Das war ein Fehler. Kein Staatschef kann auf Dauer Politik gegen das eigene Volk machen, auch wenn er edle Ziele verfolgt. Die Reaktion darauf darf aber nicht die Kapitulation sein, denn dem Klima ist es am Ende egal, wer wogegen auf die Straße geht. Eine ökologische Katastrophe würde die Gelbwesten nicht verschonen, genau wie eine Bankenkrise sie nicht verschont hätte. Im Gegenteil: Man kann davon ausgehen, dass es sich gerade in klimatisch herausfordernden Zeiten mit viel Geld erheblich angenehmer leben lässt als mit wenig.

Die erste Lehre aus den Ereignissen von Paris ist deshalb diese: Eine ökologische Politik kann nur gelingen, wenn sie die soziale Unwucht austariert, die der Schutz der Umwelt nach der Methode Macron erzeugt. Konkret: wenn seine Ökosteuer zum Beispiel um einen Ökobonus ergänzt würde. Die Einnahmen würden den Bürgern in voller Höhe wieder gutgeschrieben, aber als eine von der Fahrleistung unabhängige Kopfpauschale, deren Höhe sich am Einkommen bemisst. Ergebnis: Wer viel fährt (oder verdient), der zahlt drauf. Wer wenig fährt (oder verdient), der steht unter dem Strich vielleicht sogar besser da als vorher.

Ein solcher Bonus löst noch nicht das Problem des Pendlers, der nun einmal viel fahren muss. Er wäre deshalb nur ein erster Schritt hin zu einer gerechteren Lastenverteilung. In einem zweiten müsste die Organisation des Lebens in den Städten neu gedacht werden, die Ansiedlung von Firmen, die Praxis bei der Ausweisung von Baugrundstücken. Und auch das ist klar: Ganz ohne Verzicht wird sich das Klima nicht retten lassen, zumindest solange zur Energieerzeugung Kohlenstoff verbrannt werden muss. Wenn der Preis eines Flugtickets nicht mehr künstlich heruntersubventioniert wird, sondern die tatsächlichen ökologischen Kosten des Luftverkehrs widerspiegelt, dann reicht auch ein großzügig bemessener Ökobonus wahrscheinlich am Ende nicht, um mal eben von Köln nach Berlin zu fliegen.

Deshalb ist dies die zweite Lehre aus den Protesten: Angesichts der Dimension des ökologischen Problems stößt eine Politik an ihre Grenzen, die im Modus der Einzelmaßnahmen operiert. Einfach so eine Steuer auf den Sprit einzuführen ist keine gute Idee. Wer will, dass weniger Auto gefahren wird, der muss grundsätzlicher an die Sache herangehen. Sonst ziehen sich die Menschen gelbe Westen an.

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