Die deutsche Rechte lebt von ihrer Lautstärke. Bei der AfD ist die Stimulation von Ängsten Kerngeschäft: je schriller, desto besser. Umso schwerer wiegt ihr Schweigen zu manchen Themen – wie etwa zur neuen Aufrüstung Russlands, die vom Kreml gern mit Folklore aus ruhmreichen Sowjettagen garniert wird. Dabei zählte einst die Mahnung vor der Gefahr aus dem Osten zum rechten Standardrepertoire. Doch im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, der sich gerade wieder zuspitzt, neigt man rechts der Lesart Moskaus zu. AfD-Politiker setzen sich für eine Aufhebung der Sanktionen gegen Russland ein. Zeugt diese Orientierung nun von einem Bruch historischer Traditionen im deutschen Nationalismus?

Tatsächlich schien die Abneigung lange zu überwiegen. Schon das Kaiserreich fürchtete eine "gelbe Gefahr" aus der Tiefe Asiens, nach der Oktoberrevolution wurde die Angst vor neuen Mongolenstürmen auf den Bolschewismus übertragen. Antikommunismus und der rassistisch grundierte Glaube an die deutsche Kulturmission im Osten bildeten die Grundlage für Ressentiments, die sich im Zweiten Weltkrieg zur mörderischen Feindschaft steigerten.

Aber das war nicht alles. Noch misstrauischer als gen Osten blickten Deutschlands Konservative nach Frankreich, dem "Erbfeind" im Westen. An Russland hingegen war Napoleon gescheitert, bereits im 19. Jahrhundert wurde das Zarenreich als Garant der konservativen Ordnung in Europa hofiert; St. Petersburg seinerseits alimentierte deutsche Höfe. Während des Krimkrieges 1853 bis 1856 drängte eine Gruppe preußischer Hochkonservativer, auf russischer Seite zu kämpfen. Damals stritt Russland gegen ein Bündnis aus westlichen Mächten und dem Osmanischen Reich. Doch Preußen hielt sich aus dem Konflikt heraus.

Im 20. Jahrhundert überschattete vor allem die Feindschaft gegen die Sowjetunion alte Sympathien. Nach der Implosion der UdSSR indes und dem Beginn der Putinschen Politik, Russland als illiberalen Staat wiederzuerrichten, lebte die verschüttete Liebe wieder auf.

Die Konservativen lockte im Osten stets Dunkles, abstoßend und anziehend zugleich. Ein perfekter Sehnsuchtsort, denn für manche Angehörigen der wilhelminischen Intelligenz war das Deutsche Reich selbst kein Teil des "Westens". Angesichts der rasenden Modernisierung wuchs der Drang nach Mystik, die im Osten zu schlummern schien. Im Glauben an "Ursprünglichkeit" und "Seele" fanden sich die eigenen Zweifel auf Russland projiziert. Dessen sprichwörtliche Rückständigkeit schien Trost zu spenden (obwohl es sich in seinen westlichen Provinzen längst modernisierte). "Östliche" Antirationalität lockte als Ausgleich, als Gegengift zum "westlichen" Rationalismus.

Befeuert wurde diese Sicht von einem wahren Dostojewski-Fieber nach der Jahrhundertwende. Die erste deutsche Dostojewski-Gesamtausgabe bei Piper betreute ausgerechnet Arthur Moeller van den Bruck. Der autodidaktische Kulturkritiker sprach zwar kein Russisch, hatte aber klare Vorstellungen, was der Romancier in seinen Schriften eigentlich gemeint hatte. Angesichts der Reichweite der Piper-Ausgabe sollte dies für das Bild von Russland fatale Konsequenzen haben. Auf der Suche nach einer eigenen höheren Bestimmung nahmen deutsche Leser Moeller van den Brucks mystische Deutungen des Ostens dankbar an. Inspiriert worden war er dazu durch den russischen Symbolisten Dmitri Mereschkowski, der ebenfalls das Licht im Osten erblickt hatte.