Alexander Gauland in Deutschland, Marine Le Pen in Frankreich, Matteo Salvini in Italien, Geert Wilders in den Niederlanden – überall in Europa haben rechtsextreme Politiker in den vergangenen Jahren Zulauf erhalten. Nur ein Land schien gegenüber der rechten Versuchung weitgehend immun zu sein: Spanien. Dort hatte bislang keine Rechtsaußen-Partei Wahlerfolge erringen können. Das ist seit dem vergangenen Sonntag anders.

Die rechtsextreme Partei VOX hat bei den Regionalwahlen in Andalusien aus dem Stand 12 Prozent der Stimmen gewonnen. Andalusien ist mit 8,4 Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste Region des Landes – und war eine Hochburg der Sozialisten (PSOE), die derzeit die spanische Regierung stellen. Seit dem Ende der Diktatur vor 36 Jahren hat die PSOE Andalusien ununterbrochen regiert. Der Wahlerfolg von VOX ist auch deshalb bemerkenswert. Er beendet eine Ära sozialistischer Dominanz in Andalusien. Und er bringt die Zentralregierung in große Schwierigkeiten. Denn die verfügt in Madrid nur über eine hauchdünne Mehrheit, die nun immer wackeliger wird.

Ein wenig liegt Spanien also im europäischen Trend, in den meisten EU-Ländern sind in den vergangenen Jahren rechtspopulistische Parteien entstanden oder gewachsen. Und doch gibt es für diesen Wahlausgang auch einen ganz eigenen Grund – und der liegt im Wiedererwachen des spanischen Nationalismus.

Mit Ausnahme der Fußballweltmeisterschaften wurden landesweit wahrscheinlich noch nie so viele Nationalflaggen geschwenkt wie 2017. Das war das Jahr, in dem Separatisten mit der Abtrennung Kataloniens von Spanien ernst machen wollten. Die Krise zog sich über viele Wochen hin. Auf den Straßen der katalanischen Hauptstadt Barcelona demonstrierten an einem Tag die Separatisten mit ihren katalanischen Fahnen, am nächsten Tag die Gegner der Abspaltung mit der spanischen Flagge. Es waren jeweils Hunderttausende Menschen.

Am Ende setzte die Zentralregierung die Autonomie aus, Katalonien wurde aus Madrid zwangsverwaltet, und die Justiz inhaftierte führende Separatisten. Sie werden wegen Rebellion angeklagt, ihnen drohen viele Jahre Haft.

Für viele Spanier bedeutete die mögliche Abspaltung eine existenzielle Bedrohung des eigenen Landes. Der katalanische Separatismus hat darum den schlummernden spanischen Nationalismus neu befeuert.

All das geschah zu einem Zeitpunkt, da die Bindekraft der nationalen konservativen Partei, der Partido Popular (PP), bereits stark nachgelassen hatte. Über fast vier Jahrzehnte war es ihr erfolgreich gelungen, das gesamte rechte Spektrum Spaniens zu integrieren. Die PP war selbst die politische Heimat von Anhängern der bis 1975 währenden Franco-Diktatur. Und doch gelang es der PP immer weniger, den rechten Rand einzubinden. Parteiführer Mariano Rajoy, der während der Katalonien-Krise Ministerpräsident war, hat die Partido Popular personell stark verändert und inhaltlich liberalisiert. Viele Konservative hat er damit verprellt und der Partei entfremdet. Sie suchten nach Alternativen und fanden sie nun nicht nur – aber offenbar auch – in VOX.