Hanna Jacobs, 30, ist Pfarrerin im "raumschiff.ruhr", einem Gemeindepionierprojekt in Essen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Manchmal ist es mir ein bisschen viel Religion, vor allem jetzt im Advent. Verschiedene Adventskalender, Print und online, drängen sich mir auf, mit besinnlichen Bildern und anregenden Texten. Ich würde mich ja gern auch mal abregen, die Welt ist schon aufgeputscht genug. In meinem Briefkasten landet alle paar Tage ein Programmheft für Tagungen und Fortbildungen kirchlicher Akademien – Schweigen im Schwarzwald oder lieber über das Pfarrbild der Zukunft diskutieren? Über die Zukunft diskutiere ich ohnehin schon viel.

Wenn ich mit Kolleginnen und Kollegen zusammentreffe, geht es um die Zukunft der Predigt, des Sonntagsgottesdienstes, der ganzen Kirche gar! Ebendiese Fragen greift die aktuelle dänische Serie "Die Wege des Herrn" auf, über die sich – wie sollte es auch anders sein – die Schnittmenge aus hochverbundenen Kirchenmitgliedern und Arte-Zuschauern ausgiebig austauscht. Beim Kochen höre ich im Radio eine Reportage über die Islamkonferenz und schalte dann mitten in ein Feature über Chanukka. Bei so viel Religion und Sinndeutungsangeboten auf allen Kanälen fühle ich mich an diese Marktplatzszenen in Filmen über das Mittelalter oder Luther erinnert. Es ist immer ziemlich wuselig und laut, damit der Zuschauer auch ja mitbekommt, dass das eine religiös aufgeladene Stimmung war, damals. Alle waren auf der Suche nach dem Seelenheil beziehungsweise auf der Suche nach der Sicherheit, dass ihre Seele beim Jüngsten Gericht heil davonkommt. Einen anderen Sinn brauchte es nicht.

Heute wird einem Sinn an jeder Ecke angeboten. Man kann ihn finden oder sich selber zusammensuchen, und das ganz unabhängig vom langfristigen Seelenheil. Kürzlich schrieb die twitternde Historikerin Hedwig Richter in einer solchen Kurznachricht: "Sich ans Smartphone klammern wie ans Seelenheil." Eine geistreiche Analogie, dachte ich, selbst das Smartphone in der Hand haltend. Eine jüngere Journalistin fragte nach, was Seelenheil bedeute. Zunächst hielt ich das für einen Witz, dann war ich perplex. Sie wusste mit diesem Begriff tatsächlich nichts anzufangen. Jahrhundertelang war das Seelenheil, die Erlösung von der Sünde, das einzige Ziel quasi aller Menschen der nördlichen Hemisphäre.

Heute ist nicht nur das Wort vom Aussterben bedroht, sondern auch die Frage danach, was mit der Seele nach dem Tod passiert. Anders als im Mittelalter gibt es keinen Konsens mehr über Himmel, Hölle und die Rolle, die der Glaube an Jesus Christus dabei spielt. Umso mehr könnte heute in aufgeklärter Freiheit darum gerungen werden. Was ist Erlösung? Wo und wie ist das (Seelen-)Heil zu suchen und zu finden? Sie werden lachen, aber darüber rede ich als Pastorin erstaunlich selten. Kein Wunder, dass twitternde Journalistinnen vermutlich denken: Bei Kirche, da geht es irgendwie um Religion.