Historische Momente haben leider die Eigenschaft, dass man sie oft erst im Rückblick als solche erkennt. Nehmen wir diesen: Nachdem die Deutsche Bischofskonferenz die von ihr in Auftrag gegebene Studie über tausendfachen sexuellen Missbrauch von Kindern durch Kleriker vorgestellt hatte, wurde in der katholischen Kirche wochenlang über nichts so sehr diskutiert wie über Vertuschung und Klerikalismus. Warum, so der mediale Tenor, übernimmt keiner der Bischöfe persönlich Verantwortung? Wieso reden alle immer nur allgemein von Schuld, dabei ist Schuld doch konkret und individuell?

Und dann stellt sich ein Bischof – und sogar nicht irgendeiner, sondern Robert Zollitsch, der ehemalige Erzbischof von Freiburg und Vorgänger von Reinhard Kardinal Marx im Amt des Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz – erstmals der Öffentlichkeit und der Verantwortung und redet vor der Kamera über eigenes Versagen und Vertuschen. Doch kaum jemand hat das Video bislang in Gänze gesehen. Nur einige Zitate des Gesprächs liefen über die Nachrichtenticker, eine kurze Frequenz erschien im Regionalfernsehen. In dem Video bezeichnet Zollitsch Missbrauch als Verbrechen und räumt ein, mit dem Vorwurf, als langjähriger Personalreferent des Erzbistums Freiburg selbst einen Missbrauchsfall vertuscht zu haben, wohl bis ans Ende seiner Tage leben zu müssen. Zollitsch bittet in dem Gespräch um Verzeihung – auch wenn er sich selbst nicht letztverantwortlich sieht: "Ich war stets eingebunden in die Gemeinschaft der katholischen Kirche und ich habe nie alleine für mich entschieden."

Unabhängig von der Frage, wie tief empfunden die Reuebekenntnisse des Robert Zollitsch sind, ist die Genese des Videos bemerkenswert. Das Gespräch liegt Christ&Welt vor. Wir dokumentieren es hier. Wer aber hat es aufgenommen? Anders als man bei kirchlichen Stellungnahmen mit dieser Tragweite erwarten könnte, sprach Zollitsch nicht mit einem Fernsehsender oder einer überregionalen Zeitung. Vielmehr gab er dem Hamburger Journalistenbüro Crimespot ein Interview. Hinter Crimespot steckt der freischaffende Gerichtsreporter Bastian Schlüter. Der ist ein erfahrener Journalist, verdient sein Geld aber meist mit Berichten über Gerichtsprozesse gegen Mörder, Vergewaltiger und Betrüger. Seine Texte und Videos bietet Schlüter verschiedenen Redaktionen an, er betreibt auch die Internetseite "derGerichtsreporter.de". Mit der Kirche hat er, wie er Christ&Welt am Telefon erzählt, eher wenig zu tun. Wie kommt es, dass ausgerechnet er den einstmals wichtigsten katholischen Würdenträger des Landes exklusiv zu einem so brisanten Thema befragen kann?

Schlüter wurde über Nacht zum Bischofsinterviewer: Ein Anwalt, den er gut kenne, erzählt er, habe ihn am Tag zuvor angerufen und ihm von dem Wunsch des ehemaligen Freiburger Erzbischofs berichtet, sich zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen zu äußern. Offenbar fürchtete man kritische Nachfragen und organisierte das Interview deshalb lieber selbst. Kurz zuvor hatte Zollitschs Nachfolger, Erzbischof Stephan Burger, seinem Vorgänger öffentlich vorgeworfen, vor Jahren schwere Fehler im Umgang mit einem Missbrauchsfall im Schwarzwaldort Oberharmersbach begangen zu haben. Burger ist erst seit vier Jahren Erzbischof von Freiburg. Wie der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer, der kürzlich Missbrauchsvorwürfe gegen einen verstorbenen Amtsvorgänger per Pressekonferenz publik machte, gehört er einer neuen Generation von Bischöfen an: Jung und nicht seit Jahrzehnten verwurzelt in den klerikalen Strukturen, die den Missbrauch zum Systemproblem des Katholizismus machten, sind sie nicht mehr bereit, über vergangenes Versagen hinwegzureden. Anders als ihre Mitbrüder in der Bischofskonferenz thematisieren sie Verantwortlichkeiten und nennen Namen. Den Namen Robert Zollitsch etwa.

Schon lange wird der im Zusammenhang mit der Vertuschung des Missbrauchs in Oberharmersbach genannt. Über Jahre missbrauchte der dortige Pfarrer Dutzende Kinder und Jugendliche. Als Zollitsch 1991 in seiner damaligen Funktion als Personalreferent von den Vorwürfen erfuhr, machte er den Fall nicht publik und meldete ihn auch nicht der Staatsanwaltschaft. Das Bistum versetzte den Mann in den Ruhestand – offiziell aus Krankheitsgründen. Erst als sich Opfer des Priesters Jahre später trauten, gegen ihren Peiniger auszusagen, schaltete sich die Staatsanwaltschaft ein. Kurz darauf nahm sich der Beschuldigte das Leben.

Schon einmal äußerte sich Zollitsch zu den Vorgängen in Oberharmersbach. Im Jahr 2010 gab er in einem Zeitungsinterview zu, den Fall nicht angezeigt zu haben, sei ein Fehler gewesen. Er klang aufrichtig, aber auch seltsam distanziert. Damit schien die Sache für ihn abgeschlossen. Für viele Menschen im Erzbistum Freiburg ist sie genau das nicht. Sie sind über das Verhalten Zollitschs immer noch enttäuscht und wütend. Mit der Veröffentlichung der von den deutschen Bischöfen in Auftrag gegebenen Missbrauchsstudie bekam die Wut neue Nahrung. Bonaventura Gerner, der heutige Pfarrer von Oberharmersbach, forderte jüngst Konsequenzen für Zollitsch: Der Alterzbischof solle nicht mehr im Namen des Bistums auftreten. Statt Zollitsch fuhr sein Nachfolger Stephan Burger nach Oberharmersbach – sein Besuch provoziert eine Frage: Warum sagt Zollitsch auch nach der Vorstellung der Missbrauchsstudie nichts zu seiner Schuld?

Und dann, nach langem Zögern, äußerte er sich doch – im geschützten Raum des bestellten Interviews, im dem unerwartete Fragen kaum zu fürchten sind.

Gerichtsreporter Bastian Schlüter war gerade in München, als ihn der Anruf des Anwalts erreichte. Kennt er jemanden, der das von Zollitsch gewünschte Interview drehen könnte? Schlüter war nun schon im Süden, die Kamera hatte er im Auto. Da übernahm er den Job gleich selbst. Einen Tag später saß er dann am Vormittag in Zollitschs Haus in der Freiburger Innenstadt. Zollitsch sei nervös gewesen, erinnert sich Schlüter. Er habe gewirkt, als wolle er etwas loswerden. Im Vorgespräch reden sie über die Botschaft, die das Gespräch vermitteln soll. Zollitsch will auch auf seine Zwänge hinweisen. "Seine zentrale Aussage sollte aus meiner Sicht sein", sagt Schlüter, "dass er nicht alleine gehandelt hat, sondern in Strukturen eingebunden war, dass die Kirche gehandelt hat." Welche Strukturen das waren und welche Verantwortung er persönlich trägt, lässt Zollitsch offen. Bastian Schlüter fragt auch nicht nach. Die politische Bedeutung seines journalistischen Schnelleinsatzes sei ihm erst später klar geworden. "Mit dem Wissen von heute", sagt er, "würde ich auch mehr nachfragen." Schlüter, so die Absprache, sollte das Video an potenziell interessierte Redaktionen verschicken. Es war ja die Idee, dass Zollitschs kontrollierte Entschuldigung auch den Weg in die Medien findet. Die Strategie geht nur teilweise auf. Die Sätze verbreiten sich vor allem über Nachrichtenagenturen, Online-Seiten und Zeitungen. Das Video aber wird nie in einer längeren Fassung gesendet.