Das Verderben schimmert kurz schon mal durch im Moment der größten Vorfreude, des größten Glanzes in den Augen meiner Kinder. Es ist ein Ritual: Kaum tauchen die Alpen am Ende der Autobahn Ulm–Lindau auf, wird im Autoradio das erste Stück unserer "Pisten-Playlist" aufgedreht, Schifoan von Wolfgang Ambros, was sonst. Die Jungs grölen mit und versuchen sich sogar am Dialekt: Schifoan is’ des Leiwandste, wos ma si nur vurstö’n ko. Für sie klingen in diesem Song alle Wonnen des Winterurlaubs an, da stellen die beiden sogar ihre dauernden Rückbank-Kabbeleien ein.

Der Harmonieschub im hinteren Teil des Wagens und die Aussicht auf ein paar Tage im Schnee lassen auch in mir Glücksgefühle aufsteigen. Aber Glück, heißt es, sei nur ein Mangel an Information. "Des Leiwandste"? Kurzer Etymologie-Check: Man nimmt an, dass der dialektale Ausdruck "leiwand" sich seit dem Mittelalter aus "linwat", also "Leinwand", entwickelt hat und wegen des damals hohen Wertes von Leinen in der Wiener Mundart für alles Besondere und Kostbare gebräuchlich wurde. Mit anderen Worten: für das, was man sich eigentlich nicht leisten kann. Wie zum Beispiel Urlaub in den absurd teuer gewordenen Skigebieten der Alpen. Sollten wir den alten Hüttenhit als Warnung verstehen?

Bei den anderen fragen wir uns ja auch immer: wie die das nur wieder machen, eine ganze Woche Skifahren. Vermutlich machen sie es so wie wir. Ist der Sommerurlaub mit all seinen Ausgaben lange genug her und Weihnachten mit all seinen Ausgaben noch in sicherer Entfernung, fängt die Schönrederei an. Ach komm, wenn wir wieder so eine günstige Ferienwohnung nehmen, müsste es doch gehen. Hat der Steuerberater nicht gesagt, dass Anfang des Jahres eine kleine Rückzahlung drin ist? Diesmal schmieren wir uns auch wirklich Brote für mittags. Oder willst du den Kindern erklären, dass sie diesen Winter auf Skiurlaub verzichten sollen?

Sollen sie ja nicht. Im Skiurlaub schauen die Jungs für mehrere Stunden am Tag nicht aufs Smartphone, wir sind zusammen aktiv, auf längeren Liftfahrten fängt der Pubertierende sogar wieder Gespräche mit uns an. Wir sind wieder eine Familie. Und abends sind alle immer so wunderbar schlapp. Erinnere dich, letztes Mal sind die beiden tatsächlich freiwillig ins Bett gegangen. Wer weiß, wie lange die überhaupt noch mit uns verreisen wollen.

Alles nur Gerede, worum es eigentlich geht: Neuschnee, glatt planierte Pisten in der Morgensonne, rasante Abfahrten, Alpenglühen, Germknödel mit Vanillesoße. Diese Bilder, Gefühle und Geschmäcker tragen meine Frau und ich tief in uns. Seit Kindertagen gehört es für uns einfach dazu, einmal im Jahr Skiurlaub zu machen. Steigen diese Bilder nun zwischen Sommer- und Weihnachtsferien auf, ist es um uns geschehen. Wir klicken wie ferngesteuert auf "Buchung abschließen".

Dann Ankunft in der Winterurlaubsrealität. Stimmt, das gehörte ja auch dazu: grauer Matsch, tropfende Eiszapfen, unsichere Schneeverhältnisse in Zeiten des Klimawandels und ein schlechtes Umweltgewissen als ständiger Begleiter. Die Bilder von geschundenen Grasnarben an sommerlichen Berghängen kennen wir ja auch, aus TV-Dokus über die Umweltschweinerei des alpinen Massenskitourismus. Und dann immer dieses unglaubliche Riesengerappel mit der Ausrüstung: sie ausleihen, durch die Gegend schleppen, das eigene Auto kaum wiederfinden, weil es in kürzester Zeit so verdreckt, dass man es fast nicht wiedererkennt. Sich bei jedem Öffnen der Kofferraumklappe schmutzig machen – was man sehr oft tun muss, weil man im Skiurlaub andauernd irgendwas sucht: Handschuhe, Stirnbänder, Mützen, Skibrillen. Feststellen, was man alles vergessen hat und nun völlig überteuert nachkaufen muss. Sich schließlich zur Liftkasse schleppen und ganz hinten anstellen.

Es folgt ein Moment des sozialen Fremdelns. Gehöre ich hier wirklich noch dazu? Der schneidige Look dieser modernen eng anliegenden Skianzüge und Schneebrillen verwandelt heute jeden Wintersportler in einen gefühlten SUV-Besitzer, einen potenziellen McKinsey-Berater oder Lobbyisten der Waffenindustrie. Zu dem Eindruck mag auch die Tarnfarbe beitragen, die die Autos in der Schlammschlacht hier oben annehmen.

Vor diesem, anscheinend von keinerlei Selbstzweifel angekränkelten, Publikum habe ich nun eine der härtesten Proben zu bestehen: Die Stimme der Frau mit den Skipässen, die wohl nicht ohne Grund hinter Panzerglas sitzt, verkündet mir über einen schnarrenden Lautsprecher gut hörbar für alle Mitwartenden den Gesamtbetrag für den Drei-Täler-Familienpass. Macht dann 560 Euro!