Vergangenheit, Erinnerung, kann furchtbar lästig sein. Ballast, der alle stört, die frisch in die Welt hinausschreiten. Oder -segeln. Obwohl die Reise dann auch schnell wieder zu Ende ist. Denn ohne Ballast kentert das Schiff beim ersten Sturm, in Hamburg weiß man das.

In Hamburg wusste man das mal. Aber von diesen Kenntnissen scheint nicht viel übrig zu sein. Historische Ausstellungsprojekte von überregionalem, gar internationalem Anspruch gibt es schon lange nicht mehr; die Leitung der renommierten Arbeitsstelle für Hamburgische Geschichte an der Universität ist seit Jahren vakant; für ein neues "Hafenmuseum", 2015 beschlossen, liegt bis heute kein Konzept vor. Jetzt lassen gleich drei akute Fälle herzlich daran zweifeln, ob in Deutschlands zweitgrößter Stadt überhaupt noch jemand die historische Kultur im Sinn respektive im Blick hat.

Da ist zum einen der schwelende Skandal um das Staatsarchiv, wo in diesem Jahr mehr als eine Million Totenscheine aus der Zeit von 1876 bis 1953 ohne Not und offenbar in blanker Unkenntnis ihrer Bedeutung geschreddert wurden. Eine einzigartige Dokumentation zur deutschen Sozialgeschichte und zur Erforschung der Medizin- und Justizverbrechen der NS-Zeit verschwand wie in einem U-Bahn-Loch – doch anders als in Köln unrettbar und für immer. Das Archiv unter seinem umstrittenen Chef Udo Schäfer hat zunächst versucht, das Desaster zu bagatellisieren, dann, nach ungläubigem Nachfragen aus aller Welt, mit trüben Floskeln zu entschuldigen: Verfahrensfehler, Versäumnisse, Missverständnisse. Von Verantwortung und personellen Konsequenzen ist bis heute keine Rede.

Nicht minder grotesk entwickelt sich die Einrichtung eines NS-Dokumentationszentrums im Stadthaus, ehemals Präsidium der Polizei und Folterstätte der Gestapo, nach dem Krieg Sitz städtischer Behörden und neuerdings zu einer Einkaufspassage mit Hotel umgefunkelt. Während andere Großstädte an entsprechenden Terrororten längst für Aufklärung gesorgt haben, hatte Hamburg, getreu der fatalen Public-Private-Partnership-Ideologie, dem Investor selber das schwierige Thema in die Hand gelegt. Er möge bitte die Erinnerung an den Schreckensort irgendwie in seine Happy-Shopping-Mall hineinquetschen. So sieht es jetzt auch aus – eine würdelose, unhaltbare Situation. Nach massiven Protesten kam aus der Kulturbehörde unter Leitung von Senator Carsten Brosda zunächst nichts und dann eine bizarre Idee: Man will vor dem Haus ein Denkmal aufstellen. Nicht nur angesichts der vielen vermurksten und verlogenen Hamburger Mahnmale und Gedenktafeln zur NS-Geschichte, vom Justizforum bis zum Heine-Denkmal auf dem Rathausmarkt, ein verwegener Einfall!

Weniger verwegen als völlig abwegig, und das ist der dritte Fall in dieser bemerkenswerten Reihe, bleibt der Umgang mit der Synagoge in Hamburgs Neustadt. Dieses 1844 errichtete prachtvolle Bethaus war der Ur-Tempel des reformierten Judentums nicht nur in Deutschland. Kurz vor 1933 von der Gemeinde verkauft, wurde es im Krieg durch eine Bombe stark zerstört; heute dient die Ruine als Autowerkstatt und Schmiede. Während in München, Berlin, Frankfurt, Essen, aber auch in kleineren Städten wie Halberstadt oder Rendsburg Jüdische Museen Zeugnis ablegen vom Glanz der jüdischen Kultur in Deutschland, hält man in Hamburg ein solches Haus für überflüssig. Dabei wäre hier, in unmittelbarer Nähe zum Museum für Hamburgische Geschichte, der Ort, die große jüdische Tradition der Stadt zu dokumentieren. Stattdessen überlässt man die Ruine spekulierendem Verfall. Man sei "im Gespräch" und habe beim jetzigen Eigentümer "schon mehrfach eine Sicherung des Bestandes angemahnt". Das ist alles, was die Kulturbehörde dazu mitzuteilen weiß.

Glücklich ist, wer vergisst: Hamburgs Regierung scheint zu diesem Glück fest entschlossen. Ob das die Bürgergesellschaft hier und über die Stadtgrenzen hinaus auch so sieht? Von der Indolenz zur Ignoranz ist es nur ein kleiner Schritt. Hamburg schreitet rüstig voran.