Ein Flüchtlingszug mit vertriebenen Sudetendeutschen (undatiertes Archivfoto) © dpa

Wenn die Straße sich schließlich aus dem Flachland hoch in die sanften Hügel des tschechischen Isergebirges windet, sind Monika und Franz Hanika schon fast fünf Stunden unterwegs. Im hessischen Fulda sind sie aufgebrochen, ihrem Wohnort, um an ein Ziel zu gelangen, das für sie eine Art von Heimat ist. Aus dem Autofenster streift Monika Hanikas Blick über die Kirchtürme und Bauernhöfe des tschechischen Grenzlands. Kein sonderlich spektakulärer Anblick, würde ein Unbeteiligter sagen, aber Monika Hanika sagt etwas anderes. "Jedes Mal, wenn ich hierherkomme, geht mir das Herz auf."

Die Frau, die das sagt, ist in Deutschland geboren. Der Ort, den sie immer wieder aufsucht, schon seit Jahrzehnten, liegt in Tschechien und heißt heute Hejnice. Sie nennt ihn anders: Haindorf, so hieß der Ort, als ihre Vorfahren hier nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurden.

Für Monika Hanika ist in Hejnice jeder Anblick kostbar: der Nußstein, ein Berg, der sich über dem Ort erhebt, die mächtige Kirche, die viel zu groß wirkt für das Städtchen mit seinen knapp 3.000 Einwohnern, wenn man nicht weiß, dass dies einmal eine der bedeutendsten Wallfahrtskirchen in der österreichisch-ungarischen Monarchie war. Monika und Franz Hanika werden Einheimische treffen, die für sie inzwischen alte Bekannte sind, sie werden mit dem Pfarrer reden und einen Abstecher zu dem Haus unternehmen, in dem viele Generationen von Monikas Familie lebten, bis vor 70 Jahren.

Haindorf liegt im einstigen Sudetenland – jenem Landstrich im heutigen Tschechien, der über Jahrhunderte von Deutschsprachigen geprägt wurde. Das Zusammenleben der beiden Bevölkerungsgruppen endete in der Katastrophe: Blutig wüteten die Deutschen im besetzten Land, nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben die Tschechen sie, oft kam es dabei zu Massakern. Zwischen 2,5 und 3 Millionen Deutsche verloren ihre Heimat. Dann fiel der Eiserne Vorhang.

Man kann nicht sagen, dass die Regierungen nach dem Zweiten Weltkrieg die Versöhnung ihrer Völker sonderlich gefördert hätten. Aus tschechischer Sicht waren die Deutschen die Erben der Nazis von einst und wegen ihrer revanchistischen Gelüste eine ständige Bedrohung. In Deutschland gaben lange die Vertriebenenverbände den Ton an, mit ihrer Neigung zur Verharmlosung der Nazi-Verbrechen und der Formel, man verzichte auf Rache und Vergeltung – als hätten sie darauf Anspruch gehabt. Bis vor zwei Jahren vertrat die Sudetendeutsche Landsmannschaft einen "Rechtsanspruch auf die Heimat" und ausdrücklich auch das Ziel ihrer "Wiedergewinnung".

Aber es gab auch andere, auf beiden Seiten der Grenze. In Deutschland Leute wie die Hanikas, die sich der Heimat ihrer Eltern verbunden fühlen ohne finstere Hintergedanken. Und im heutigen Tschechien, das früher zur Tschechoslowakei gehörte, Leute wie Monika Fillová. Sie ist eine noch recht junge Frau mit blonden Haaren, Mutter zweier Kinder – und auf tschechischer Seite so etwas wie eine Tabubrecherin. Vorsicht vor den Deutschen? Ach was!

Die Großeltern von Monika Fillová kamen 1946 aus der heutigen Slowakei, weil hier im tschechischen Grenzland nach der großen Vertreibungswelle Tausende Häuser leer standen. Einige der neu Angesiedelten lockten die Jobs in der Schwerindustrie, andere waren Roma, die damals gezielt in entlegenen Regionen angesiedelt wurden, wieder andere fanden als zweit- und drittgeborene Kinder von Landwirten auf dem heimischen Hof keinen Platz mehr. Und dann waren da die Flüchtlinge, die selbst im Krieg weiter östlich ihre Heimat verloren hatten.

"Ich finde, irgendwo muss man hingehören", sagt Monika Fillová, "und für mich ist das dieser Ort hier." Hier in Hejnice ist sie aufgewachsen, etwas über 35 Jahre ist das her, zum Studieren ist sie nach Österreich gegangen, aber dann kam sie zurück. Und weil zu dem Ort, dem sie sich zugehörig fühlt, auch die Vergangenheit gehörte, nicht nur die der kurzen Zeitspanne nach dem Krieg, durchwühlte sie Archive und suchte nach Zeugen und Zeugnissen.

Die Wallfahrtskirche Maria Heimsuchung in Hejnice

Monika Hanika wurde 1947 geboren, in Hessen, zwei Jahre nach dem Krieg. "Ich kann es selbst nicht richtig erklären, warum ich Haindorf als Heimat empfinde", sagt sie. Der Ort habe über alle die Jahre in ihrer Familie eine Rolle gespielt, am Esstisch sprach man über die Stadt, die alten Nachbarn, die Natur. "Als ich nach der Wende das erste Mal im Leben hier hinkam und den Nußstein gesehen habe, hätte ich weinen können."

Zwei Suchende, ein Ziel. Monika Hanika hatte in Deutschland über die Jahrzehnte alles zusammengetragen, was sie über die alte Heimat ihrer Familie finden konnte, Fotos, Chroniken, Baupläne, Zeitungsartikel. "Und dann kommt da plötzlich jemand aus Tschechien, der sich dafür interessiert", sagt sie. Wenn sie von ihrer ersten Begegnung mit Monika Fillová erzählt, dann spürt man noch heute die Rührung, die sie damals empfand. Sie setzten sich zusammen, die beiden Monikas, und blätterten in all den uralten Papieren. "Wir haben uns richtig angefreundet", sagt Monika Hanika.

Jetzt stehen die beiden in der Kirche von Detrichov, einem kleinen Dorf einige Kilometer entfernt von Hejnice. Draußen regnet es in Strömen, unter ihrer Regenjacke hat Monika Fillová den dicken Schlüsselbund herausgezogen. Die Holztür ist wurmstichig, sie knarrt in den Angeln. Fillová geht voran in den kleinen Barockbau, der nur ein paar Holzbänke auf jeder Seite fasst; das Licht fällt durch bunte Glasfenster ins Innere.