Kapstadt – eine Stadt, die so hart sein kann, dass du heute nicht weißt, ob deine Hütte morgen noch steht. Zum Beispiel jene von Siyolise Galeni, 28. In einer Juli-Nacht schlich sie sich mit ihren Mitstreitern auf einen sandigen Flecken Niemandsland zwischen Straße, Dünen und Sumpf. Ein paar Stunden nur, dann hatten sie ihre Wellblechhütten aufgestellt. Verlegten Leitungen, um Strom zu klauen, stellten Dixi-Klos auf, schleppten Wasser aus der Nachbarschaft heran. Galeni und ihr Mann bauten aus Rohren und Autoreifen einen Spielplatz, strichen drei Wellblechhütten bunt an und setzten einen Schriftzug darauf: Genesis Educare Center. Lange hatten sie für ihre Kinderkrippe gespart, einen Kredit aufgenommen. Dann setzten sie alles auf eine Karte und nahmen ein Stück Land in Besitz, das ihnen nicht gehörte.

Wenn sie Glück haben, wird die Regierung Nummern auf die Wellblechhütten pinseln lassen, Wasser- und Stromleitungen legen und ihre inoffizielle zu einer offiziellen Siedlung erklären. Wenn sie Pech haben, schickt sie stattdessen Bulldozer in die neue Siedlung Island, Township Khayelitsha.

Siedlungen wie Island gibt es in Kapstadt zuhauf. Die Wellblechhütten kriechen Sanddünen hinauf, säumen Sümpfe, Straßen und Autobahnen. Sie werden abgerissen und wieder aufgebaut. 3,3 Millionen der 56 Millionen Südafrikaner leben in informellen Siedlungen, die meisten von ihnen sind schwarz; dazu kommen 1,9 Millionen Menschen, die ihre Baracken in Hinterhöfen aufgestellt haben, und weitere Millionen, die über Stromanschlüsse verfügen und trotzdem weiterhin in Wellblechhütten hausen.

Die ungerechte Verteilung des Landes ist seit Langem ein drängendes Problem, viele sagen: das drängendste Problem Südafrikas. Um Menschen wie Siyolise Galeni eine Perspektive zu bieten, legt die Parlamentsmehrheit die Grundlagen für eine weiter gehende Landreform. Am Dienstagnachmittag dieser Woche hat es sich dafür ausgesprochen, den Paragrafen 25 der Verfassung zu ändern. Dann könnte Land ohne Entschädigung enteignet werden. Das kann nicht nur Farmen betreffen, sondern auch städtischen Grund und Boden, denn 60 Prozent der Südafrikaner leben in Städten. Seit die radikal linken Economic Freedom Fighters (EFF) den Vorschlag im Februar ins Parlament eingebracht haben, befindet sich Südafrika in größter Aufregung. Denn in der Landfrage bündeln sich wie unter einem Brennglas die beiden schmerzlichsten Probleme, die unauflöslich miteinander verwoben sind: die krasse ökonomische Ungleichheit und die Benachteiligung nach Hautfarbe.

Kapstadt – eine Stadt, so schön, dass es dir den Atem nehmen kann. Der Tafelberg, die sanft geschwungene Bucht, das Abendlicht auf den Wellen. Paul Turner, 57, steigt eine Treppe zum Strand von Clifton hinab. Die Aussicht bezaubert ihn nach all den Jahren noch immer. Einst kam der Brite Turner als Tourist hierher, heute arbeitet er als Lizenzpartner der Immobilienfirma Engel & Völkers. Gerade erst hat er die luxuriöse Bungalow-Villa verkauft, deren Tür er jetzt öffnet. 2,3 Millionen Euro, der Preis hat sich in nur drei Jahren verdoppelt. Im Schnitt, sagt Turner, hätten sich die Preise in den vergangenen zwei Jahrzehnten verfünf- oder versechsfacht. Kapstadt sei bei europäischen Investoren sehr beliebt, vor allem bei Deutschen. "Schließlich fühlt sich hier alles sehr europäisch an." Turner meint nicht die Wellblechhütten von Khayelitsha, sondern die Straßen mit den schicken Cafés, in denen weiße Männer und Frauen vor ihren Laptops sitzen: "Viele Leute hier sind sehr reich geworden, nur weil sie ein Haus oder ein Grundstück besaßen."

Und nun? Müssen Turners Kunden ernsthaft um ihren Reichtum bangen? Manche weiße Südafrikaner sind bereits weggezogen. Vor einer Verfassungsänderung warnen nicht nur die Lobbyisten der Landbesitzer, sondern auch Unternehmer, die um das internationale Image ihres Landes fürchten. Weiße Suprematisten weltweit schlachten das Thema aus, fabulieren über einen "Genozid" an weißen Südafrikanern.

Die Gräben in der Gesellschaft sind tief

Kapstadt – eine Stadt, so geteilt, dass man es kaum fassen kann. 2018 feierte Südafrika den 100. Geburtstag Nelson Mandelas und damit auch seine Vision der Regenbogen-Nation. Der Immobilienmakler Turner nennt ihn "einen fantastischen Marken-Botschafter". Aber Südafrika hat sich weit von Mandelas Vision entfernt. Nach Zahlen der Weltbank gibt es in keinem Land der Welt größere Ungleichheit. Und seit dem Ende der Apartheid hat sie sogar noch zugenommen. Sie zeigt sich in vielen Bereichen: Bildung, Gesundheit, Einkommen, Wohlstand, Erbe. Kein Thema aber ist heute umkämpfter als das des Landbesitzes.

Es hat nach dem Ende der Apartheid zu Beginn der Neunzigerjahre durchaus Versuche gegeben, das Land gerechter zu verteilen. Doch noch immer befinden sich 72 Prozent des südafrikanischen Farmlands im Besitz der neun Prozent weißer Bürger. Noch immer sind die Städte weitgehend nach Hautfarben segregiert. Wie genau die Regierung das mit ihrer Landreform ändern will, wem danach die Enteignung droht, ist noch unklar. Aber schon jetzt hat die Auseinandersetzung darum offengelegt, wie tief die Gräben in der südafrikanischen Gesellschaft sind.

Nande Mtshamba, 29, ist aus Wut darüber zum Aktivisten geworden. Der schmale Mann mit Intellektuellenbrille stellt mit sanfter Stimme harte Forderungen: "In Afrika ist es so: Fordern die Menschen friedlich etwas, bekommen sie es nie. Man hört nur auf sie, wenn sie zu Gewalt greifen." Er lächelt dabei freundlich. Mtshamba stapft über die Reste einer Siedlung von Landbesetzern hinweg, die in der Nacht zuvor abgerissen wurde, geblieben sind ein paar Latten, Socken und ein rosafarbener BH. Der Soziologiestudent ist Landaktivist und Provinzsekretär der Studentenvereinigung der Economic Freedom Fighters, jener Partei, die die Verstaatlichung allen Landes fordert.

Er kritisiert die Haltung der Regierungspartei, des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC): "Er erklärt, Südafrika gehöre Schwarzen, Weißen und Indern. Wir sagen ganz klar: Das Land gehört den Natives, den Schwarzen." Und die müssten sich endlich befreien. Es reiche ihm nicht, wenn ein Weißer ihm freiwillig Land zurückgebe: "Das wäre ja so, als hätte er Mitleid mit mir. Die Weißen haben unsere Würde und Kultur vergewaltigt. Und damit wir frei werden, müssen wir ihnen vielleicht das Gleiche antun. Ich kann einen Weißen nicht als Menschen sehen. Dafür müssten erst mal die historischen Erinnerungen aus meinem Gedächtnis gelöscht werden."

Dann schiebt er einen Satz nach, als wolle er sein Gegenüber beruhigen: "Wir sagen nicht, dass wir die Weißen rausschmeißen werden." Aber er lacht und macht eine Kunstpause, als wolle er andeuten: Vielleicht tun wir es eines Tages doch.

Mehr als zwei Jahrzehnte nach Abschaffung der Apartheid zerfällt die südafrikanische Gesellschaft zunehmend nach Hautfarben. Weiße hetzen unvermindert gegen Schwarze. Schwarze hetzen gegen Weiße und schwarze Südafrikaner gegen Migranten aus den Nachbarländern.

Das Ausmaß der Korruption im Land ist legendär

Siyolise Galeni auf dem Spielplatz ihrer Kinderkrippe © Angela Köckritz für DIE ZEIT

Die Stimmung im Land werde immer radikaler, sagt Fadiel Adams: "Egal, ob schwarz, weiß oder braun." Dabei ist Adams, 43, von Beruf Klempner, selbst einer der besonders Radikalen. Adams ist "farbig", nicht schwarz und nicht weiß. Für ihn sind nicht die Schwarzen die Ureinwohner, sondern die Khoi, Buschmänner, die er zu seinen Vorfahren zählt. Mit seinen Verbündeten, Farbigen wie er, hat Adams die Vereinigung gat@vol gegründet, Afrikaans für "Schnauze voll". Und die Schnauze voll hat Adams von den Schwarzen, "die von der Ostküste kommen und glauben, dass sie einfach so Anspruch auf ein Haus hier haben". Die Zuwanderer brächten Arbeitslosigkeit und Gewalt. Außerdem nähmen sie ihnen, den Farbigen, in Kapstadt die Jobs weg. Für fast jeden Job gebe es nach Hautfarbe ausgeschriebene Quoten, klagt er, die sich nach dem nationalen Durchschnitt richteten. Dabei würden die Schwarzen mit 80 Prozent gewichtet.

Das verzerre die Verhältnisse in Kapstadt, wo die Farbigen die Hälfte der Bevölkerung stellen: "Es ist ein Rennen um Ressourcen", sagt Adams. Außerhalb der Arbeit würden sich Schwarze und Farbige nicht mischen. "Jeder lebt für sich."

Der Mann, der diese zersplitterte Gesellschaft nun einen muss, ist Cyril Ramaphosa, 66, der neue Präsident des Landes, der als pragmatisch und ausgleichend gilt. Er hat im Februar ein schweres Erbe angetreten. Sein Vorgänger Jacob Zuma hatte den ANC in weiten Teilen in ein feudales Patronagenetzwerk verwandelt. Das Ausmaß der Korruption im Land ist legendär.

Das größte Problem Ramaphosas aber ist, dass der ANC enorm an Glaubwürdigkeit verloren hat – vor allem in der Landfrage. Seit 1994, als der ANC an die Macht kam, sollte das Land gerechter verteilt werden. Tatsächlich, sagt Ruth Hall, Professorin an der Western Cape University, habe Südafrika Rückschritte gemacht, was den Zugriff armer Schwarzer auf Land betrifft.

Unter anderem, weil die Regierung traditionellen Stammesführern die Verfügungsgewalt über Land übertragen hat, um sich deren politische Unterstützung zu sichern. Einige von diesen haben korrupte Deals mit Bergbauunternehmen und Großkonzernen geschlossen, an die arme Bauern dann ihr Land verloren. Die Verfassungsreform, meint Hall, sei im Grunde nicht nötig: "Es ist jetzt schon unter gewissen Umständen erlaubt, ohne Entschädigung zu enteignen." Der ANC treibe die Verfassungsänderung nur voran, um von früheren Versäumnissen abzulenken.

Tatsächlich könnten viele Probleme bereits jetzt pragmatisch gelöst werden. So versichert etwa der für Wohnungsbau zuständige Stadtrat, dass es in Kapstadt zahlreiche ungenutzte Grundstücke gebe, die man sofort bebauen könnte – wenn sie der Staat nur zur Bebauung freigeben würde.

Menschen wie Siyolise Galeni müssten dann nicht mehr Land besetzen und in rechtlicher Unsicherheit leben. In der Siedlung Island räumt Galeni am Abend ihre Kinderkrippe auf. Sie ist müde, es war ein langer Tag. Sie erwarte nicht viel von der Regierung, sagt sie: Strom, Wasser und dass ihre dreieinhalbjährige Tochter – anders als sie – eines Tages zur Schule gehen könne.

Und vielleicht wäre ja eine Landreform möglich, die nicht nur den Populisten zugutekäme, sondern Menschen wie ihr.