Junge Taiwaner kämpfen für die Demokratie ihrer selbst regierten Insel. Doch Peking lockt sie mit unwiderstehlichen Angeboten aufs Festland.

Je mehr sie uns schikanieren, desto stärker wird unser Widerstand", zischt Teng Le-Chia. Die 23-jährige Studentin bebt fast vor Wut. Am Flughafen in Shanghai muss sich die Taiwanerin bei "Inländern" einreihen – als stammte sie vom Festland. Neulich am Flughafen Heathrow in London wurde sie mit Fragen gelöchert: Warum sie kein gültiges Visum habe, sie komme doch aus der Republik China? "Ich brauche keines!", gab Teng zurück. Sie zieht ihren grünen Pass hervor: Sie hat "Republik China" mit "Republik Taiwan" überklebt. Der selbst gebastelte Reisepass ist Tengs persönliche Unabhängigkeitserklärung.

Die kleinen Schikanen sind Teil einer größeren Strategie Chinas: Den Taiwanern soll das Leben schwer gemacht werden, bis sie ihre Unabhängigkeit aufgeben und die selbst regierte Insel endlich wieder chinesisch wird. Für Chinas Präsidenten Xi Jinping wäre die Wiedervereinigung ein Meisterstück, Taiwan die Trophäe seiner Amtszeit. Die aus Pekings Sicht abtrünnige Provinz ist das fehlende Mosaiksteinchen in Xis Traum von der "Auferstehung der chinesischen Nation".

Immer aggressiver isoliert China die Insel. Die Taiwaner, besonders die der jungen Generation, leisten Widerstand, so wie die Studentin Teng Le-Chia. Doch sie sind verführbar, sind so postidealistisch und teilweise unterpolitisiert wie ihre Altersgenossen in Europa. Und eine moderne Diktatur wie China weiß diese Schwächen zu nutzen.

Politisch wünschen sich junge Taiwaner Klarheit, wollen sich wie die Bewohner eines normalen Landes fühlen, raus aus der ewigen Ambivalenz, die die Insel wie ein Fluch verfolgt: Sie darf sich nicht Land nennen; ein Taiwaner darf im Ausland seine Nationalflagge nicht schwingen, seine Hymne nicht singen.

Eine stille Mehrheit auf der Insel hält zwar am Status quo fest: keine Unabhängigkeit, keine Wiedervereinigung, kein Krieg. Doch Umfragen zufolge sehen sich mehr als drei Viertel der unter 40-Jährigen ausschließlich als Taiwaner.

Vertreten werden diese Jungen durch neue Parteien, die aus der sogenannten Sonnenblumenbewegung hervorgegangen sind. Deren Erfolgswelle brachte bei den Wahlen 2016 die heutige Präsidentin Tsai Ing-Wen und die traditionell China-kritische Oppositionspartei DDP an die Macht. Seither fährt Tsai einen geschickten Schlingerkurs – der den Ungeduldigen unter ihren Anhängern zunehmend auf die Nerven geht: Sie kündigte einerseits den Ein-China-Konsens von 1992 auf, wonach beide Seiten sich darüber einig sind, dass es nur ein China gibt, aber unterschiedliche Interpretationen. Vom Ziel der offiziellen Loslösung hat ihre Regierung sich andererseits verabschiedet, um Peking nicht aufs Blut zu reizen.

Das Ergebnis: wieder Ambivalenz. Die ehemaligen Sonnenblumen-Aktivisten verlangen ein Referendum über die Unabhängigkeitsfrage – und sie streben jetzt selbst in politische Ämter.

Miao Poya, 31, ist einer ihrer neuen Popstars. "Unsere Wirtschaft wird von Peking als Geisel genommen. Wenn das Festland niest, kriegen wir sofort die Grippe", sagt Miao in ihrem garagengroßen Wahlkampfbüro. Miao trägt kurze Haare und ein Sakko, sie spricht mit Bassstimme und hat den Händedruck eines Boxers.