DIE ZEIT: Herr Ahmad, Sie sind zwar kein Christ, aber bitte erlauben Sie eine typische Adventsfrage: Freuen Sie sich schon auf Weihnachten?

Salah Ahmad: Ich freue mich immer auf Weihnachten, weil die Leute dann wärmer miteinander umgehen, sich verabreden und beglückwünschen. Als Therapeut kann ich Ihnen versichern, das tut jeder Seele gut, unabhängig vom Glauben. Die Quelle der Freude sind nun mal Beziehungen zu anderen Menschen. Wer Schwierigkeiten hat, sich zu freuen, weil er depressiv ist oder traumatisiert, der zieht sich zurück. In meiner Familie nehmen wir uns Weihnachten jedenfalls Zeit füreinander, mein Bruder und seine Kinder kommen, und meine Frau brät die dicksten Gänse und Enten.

ZEIT: Sie wurden 1959 in der irakischen Stadt Kirkuk geboren, seit 1981 leben Sie in Berlin. Wie gewöhnt man sich an christliche Feiertage, wenn man aus einem muslimischen Land kommt?

Ahmad: Das fiel mir leicht, denn meine Frau ist Dänin, und die Dänen sind nicht sehr religiös. Als unsere Söhne klein waren, verbrachten wir die Feiertage im Ferienhaus, mit Weihnachtsbaum, Geschenken, fettem Essen und guten Wein. Heute zündet meine Frau im Advent jeden Tag Kerzen an. Das Licht hellt tatsächlich auch mein Gemüt auf, wenn ich zu viele düstere Geschichten von Patienten gehört habe. Und Musik hilft erst recht.

ZEIT: Fanden Sie am Christentum wirklich nichts Befremdliches? Nicht mal, dass der Heiland am Ende gekreuzigt wird?

Ahmad: Nein! Das kannte ich ja von den Christen im Irak. Ich wurde an Heiligabend immer eingeladen, und es war Sitte, dass christliche oder jesidische Kollegen an ihren Festen freihatten. Unter den Muslimen kursierte der Scherz: Ich werde Christ, dann habe ich zweimal frei! Gewundert hat mich an der deutschen Weihnacht nur, dass sie am 24. Dezember beginnt, denn die Christen im Irak feiern im Januar. Das konnte mir noch keiner überzeugend erklären.

ZEIT: Sie haben in Deutschland Psychologie studiert und nach 15 Jahren Arbeitserfahrung die Jiyan Foundation for Human Rights gegründet, die heute elf Traumazentren in den Kurdengebieten betreibt. Ihre Patienten sind Kriegs- und Folteropfer aller Konfliktparteien. Sind die Mitarbeiter ausnahmslos Kurden wie Sie?

Ahmad: Nein, um Himmels willen! Wir haben Kurden, Araber und Turkmenen; wir haben Muslime, Christen und Jesiden. Ich achte darauf, dass sie sich immer mal wieder beim Tee über ihre verschiedenen Sitten austauschen. Je mehr wir voneinander wissen, desto näher sind wir uns. Das gilt in der Gesellschaft ebenso wie in der Familie.

ZEIT: Haben Sie das schon immer gemacht, unter Kollegen über den Glauben zu sprechen, oder erst, seit die Religionen wieder Konflikte befeuern?

Ahmad: Erst in letzter Zeit. Nicht nur unsere Patienten, die verletzt, vergewaltigt und gefoltert wurden, stellen sich die bittere Frage: Warum ich? In unseren Teams herrscht eine angenehme Ruhe, seit wir über den Glauben reden. Es macht uns bewusst, dass unsere Vorfahren seit Ewigkeiten im selben Land lebten. Ich benutze ungern das Wort Minderheit, wir haben es aus allen Texten der Jiyan Foundation entfernt, denn jedem gebührt Respekt, egal wie groß die Gruppe ist, zu der er gehört. Im November luden wir in der Stadt Chamchamal 250 Kinder verschiedener Religionen zum "Fest der Freude und Freiheit" ein, dank der Spenden einer deutschen Schule. Manche irakische Eltern sagten, sie hätten ihre Kinder noch nie so fröhlich erlebt. Ein Kind wollte gleich bei uns einziehen.

ZEIT: Was ist das Geheimnis der Freude? Und wie weckt man sie bei denen, die Schreckliches durchlitten haben?

Ahmad: Das Geheimnis ist, sich von negativen Gefühlen nicht beherrschen zu lassen. Die Erinnerung an den Schmerz bleibt, aber Angst, Demütigung und ohnmächtiger Zorn lassen sich überwinden. Ich spreche auch aus eigener Erfahrung. Meine Geburtsstadt Kirkuk leidet seit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches unter Konflikten. Die verfeindeten Gruppen sind zwar alle Sunniten, aber sie streiten um Erdöl und Gas. Ein Sprichwort lautet: Ich wünschte, Kirkuk hätte kein Öl! Seit meiner Geburt hat die Stadt keinen friedlichen Tag gesehen, jeder hat Verwandte, die verhaftet oder gefoltert wurden. Auf den illegalen Besitz einer Schreibmaschine stand unter Saddam die Todesstrafe. Verdächtige Familien bekamen einen roten Stempel in den Pass. Man schlief keine Nacht ohne Angst.

ZEIT: Woran hatten Sie dennoch Freude?

Ahmad: Wenn ich gute Noten bekam. (lacht) Oder wenn wir im Freien feierten, was verboten war.

ZEIT: Wie alt waren Sie, als Sie weggingen?

Ahmad: 21. Eigentlich wollte ich Lehrer werden.

ZEIT: Was müssen Sie als Therapeut beachten, damit Sie nicht selbst in Freudlosigkeit versinken?

Ahmad: Ich darf keine Furcht haben, mich selber schwach zu zeigen und meinem Supervisor zu sagen, wenn mich ein Patient überfordert. Bei manchem habe ich ein Jahr lang die Zähne nicht gesehen, weil er nie lachte. Oft sagen Patienten, dass sie in einem dunklen Loch sind. Oben ist es ein bisschen hell, aber um sie herum alles dunkel. Es ist ein Bild dafür, dass sie sich eingeengt und unverstanden fühlen. Oft begreift die Familie nicht, warum der heimgekehrte Vater so unfroh ist, warum er die Frau beleidigt, die Kinder schlägt. Er verletzt andere, weil er so verletzt ist, dass er sich innerlich niemandem mehr zugehörig fühlt. Ein Patient hatte dreieinhalb Jahre in Isolationshaft gesessen, hatte durch ein winziges Fenster nur mit den Spatzen geredet.

ZEIT: Konnten Sie ihm helfen?