Steve McQueen, dem 2013 mit 12 Years a Slave der internationale Durchbruch als Regisseur gelang, lehnt seinen neuen Film an die Machart des Film noir der Vierziger- und Fünfzigerjahre an; vielleicht nicht ganz zufällig. Es ist ein Genre, das einen bestimmten, oft platin- oder weißblonden Typus der Gangsterbraut kultiviert, die Femme fatale. Sie ist meist unbewaffnet, ungefährlich keineswegs, ihre Macht indes ist beschränkt auf die des sexuellen Kalküls. Das unterscheidet sie schon mal von ihren filmgeschichtlichen Enkelinnen. Noch wichtiger aber ist ein anderer Unterschied: Herkömmliche Gangsterbräute waren natürliche Rivalinnen. Die Mitglieder der modernen Frauengangs sind ebendies nicht. Sie haben von den Männerbanden nicht nur den professionellen Umgang mit Einbruchwerkzeug und Pistolen übernommen, sondern vor allem die unbeirrbare Loyalität.

Darum geht es in Widows und in Ocean’s 8, wo ein hochkarätig und witzig besetztes Damenensemble um Sandra Bullock, alias Debbi Ocean, die Männerriege der Ocean’s-Serie um George Clooney, alias Danny Ocean, ablöst. Und darum geht es in Assassination Nation. Glaubt man den Filmen, dann hat die Pionierin 2.0 den Namen: Netzwerk. Und wollte man daraus eine feministische Parole ableiten, dann könnte sie lauten: Macht nicht so ein Gewese um Rang und Posten und deren Quoten. Macht, was ihr im Team am besten könnt. Wenn die eine ein Fluchtauto ersteigern, jedoch nicht vom Parkplatz fahren kann, fährt halt eine andere. Die ohne Führerschein, der zu Beginn von Widows kaum mehr als das Lackieren von Fingernägeln zuzutrauen ist, entpuppt sich dafür als begabte Schützin. Die sozial verpeilte Hackerin in Ocean’s 8 kann außer hacken nur Joints drehen. Um ins digitale Sicherheitssystem des Metropolitan Museum einzudringen, reicht das ja.

Dass die Coups gelingen, hat wesentlich mit dem pragmatisch gedämpften Führungsstil der Gangchefinnen zu tun. Zwar treten sie buchstäblich das testamentarische Erbe männlicher Gangchefs an – Veronica entschlüsselt Harrys Notizbuch, das sie zu den fünf Millionen führt. Debbie Ocean studiert in der Badewanne die Liste rentabler Einbruchsziele, die ihr Bruder Danny Ocean auf einem Blatt Papier notiert hat. Aber den fahrlässigen Größenwahn der vom Verbrechertod ereilten Gangchefs sparen sie sich. Sie konzentrieren sich auf den materiellen Profit ihrer Coups. Vom möglichen Narzissmusprofit ihrer Position machen sie wohlweislich keinen Gebrauch. Und so gibt es in diesen Frauenthrillern eines nicht: die notorische Szene, in der die Gang um die Verteilung von Beute und Prestige streitet.

In cineastischer Hinsicht lassen sich die Filme nur bedingt vergleichen. Sam Levinson, der bei Assassination Nation Regie führt, umgibt seine vier Highschool-Amazonen mit einer rasanten, betont künstlichen, bisweilen schrillen Bilderwelt. Ocean’s 8 ist verlässliches Unterhaltungskino, Widows schon thematisch erheblich mehr. Die Geschichte der Witwen führt tief in die Abgründe des amerikanischen Rassismus und die korrupte Fäulnis kommunaler Politik.

Aber ein nüchterner Leitsatz von Veronica gilt für jede der Frauengangs: "Wir sind im Vorteil, weil niemand denkt, dass wir die Eier haben, das durchzuziehen." Sie spricht im Plural.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio