DIE ZEIT: Frau Colmorgen, wie sind Sie auf die Idee gekommen, plattdeutsche Kinderlieder zu schreiben?

Wiebke Colmorgen: Ich habe bemerkt, dass es noch nicht viele gibt, das war der Grund.

ZEIT: Wirklich nicht?

Colmorgen: Es gibt natürlich die Traditionals wie das berühmte An de Eck steiht ’n Jung mit ’n Tüdelband . Eine schön gemachte CD mit plattdeutschen Liedern speziell für Kinder habe ich leider vergeblich gesucht. Im Hochdeutschen gibt es hingegen eine Menge toller neuer Musik für Kinder – so was wollte ich gerne auch op Platt haben. Ich habe einen Sohn und arbeite als Sprachförderkraft in einer Hamburger Kita, habe also sehr viel mit Kindern zu tun, die ich in Kontakt mit der Sprache bringen wollte. Also haben Hardy Kayser und ich überlegt, ob wir nicht etwas in dieser Richtung machen wollen.

ZEIT: Hardy Kayser arbeitet als Gitarrist und Komponist für Ina Müller, Annett Louisan und früher auch für Rocko Schamoni – woher kennen Sie sich?

Colmorgen: Hardy und ich stammen aus demselben Dorf in Schleswig-Holstein. Er wohnt hier direkt in meiner Nachbarschaft. Die Zusammenarbeit ist tatsächlich aus einer Laune heraus entstanden: Wir haben uns auf dem Spielplatz getroffen, mit den Kindern, und haben gequatscht: Was machst du so, was mache ich, wollen wir nicht mal wieder was zusammen machen? Vor Jahren hatten wir schon mal ein paar Songs für Erwachsene zusammen aufgenommen. So kam das – wenn ich erst jemanden hätte suchen und buchen müssen, wäre das nie was geworden.

ZEIT: Wie haben Sie das Projekt angepackt?

Colmorgen: Erst gab es die Idee, mit Traditionals zu arbeiten, sie eben neu, flott und kindgerecht aufzunehmen. Aber dann meinte Hardy: Überleg doch mal, ob dir nicht eigene Texte einfallen, und wenn man auf dem Spielplatz arbeitet, fallen einem am laufenden Band Texte ein. Beispielsweise gibt es einen Song, der heißt: Kiek mal, wat ik kann, das ist etwas, was Kinder zwanzigmal am Tag sagen. Die zehn Songs, die wir jetzt geschrieben haben, ich den Text, Hardy die Musik, waren ganz schnell fertig.

ZEIT: Wer sind die Kinder, die auf der CD singen?

Colmorgen: Das ist der Sohn unserer Nachbarn, dann Hardys Tochter, und die Tochter meiner besten Freundin. Ich hatte erst auch ein Angebot von einem Chor, das hat sich dann aber nicht richtig ergeben. So habe ich einfach in meinem direkten Umfeld gefragt: Hat Matilda Lust, hat Anton Lust, hat Clara Lust? Die waren sofort Feuer und Flamme. Und es hat sich als praktisch erwiesen, dass wir alle in der Nähe wohnen. Die Kinder mussten sich die Stücke natürlich selbst auch immer wieder anhören, für sie ist Platt ja eine Fremdsprache ...

ZEIT: Auch wenn Sie es nicht darauf angelegt haben mögen, folgen Sie mit den Plattkinnern einem Trend: Es gibt ja neuerdings tatsächlich ziemlich viele gute Kindermusik: Tanz den Spatz von Sven van Thom, in Süddeutschland das Café Unterzucker – Musik, die auch Erwachsenen nicht auf den Zeiger geht.

Colmorgen: Ja, deshalb finde ich auch Kinderlieder nicht den richtigen Begriff, das sind eher Popsongs für Kinder – aber eben auch nicht nur für Kinder, sondern für Leute, die Lust auf Platt haben und Kinderthemen nicht komplett blöd finden. Eine Kollegin kommt immer morgens in die Kita und sagt: Gerade habe ich wieder deine Lieder gehört. Auffällig ist aber natürlich, wie eingängig die Refrains sind. Die können die Kinder sofort mitsingen – und gerade wenn man die Sprache vermitteln will, ist das natürlich wichtig.

ZEIT: War das tatsächlich auch Ihre erklärte Absicht?

Colmorgen: Ja – neugierig auf die Sprache zu machen und ein bisschen norddeutsche Kultur zu vermitteln. Ich wollte den Kindern auch einfach ein paar plattdeutsche Ausdrücke ins Ohr setzen, so was wie "Kiek mal", "Ohauerha" oder "So ’n Schiet". Plattdeutsch mit einem Buch zu vermitteln, ohne etwas zum Hören zu haben, ist vergleichsweise schwierig – zumal sich viele Leute nicht mehr rantrauen, weil sie das Gefühl haben, es nicht hundertprozentig zu können. Mit einem Hörbuch ginge es schon besser, aber auch das muss man erst mal verstehen. Musik ist hingegen ideal, man muss nicht alles hundertprozentig verstehen und kann trotzdem mitsingen. Ich habe auf die gleiche Art angefangen, Englisch zu lernen.

ZEIT: Mal ganz platt gefragt: Warum finden Sie das wichtig?

Colmorgen: Ich bin plattdeutsch großgeworden, es ist ein Teil meiner Kultur. Durch meine Arbeit habe ich sehr viel Kontakt zu Kindern aus verschiedenen Nationalitäten, ich sitze da mit kleinen Kindern, die mir erzählen, was Pferd auf Russisch heißt oder auf Türkisch, und ich sage dann: Op Plattdüütsch heet dat Peerd. Sie vermitteln mir einen Teil ihrer Kultur und ich ihnen meine. Das ist mein persönlicher Ansatz. Und generell finde ich es deshalb wichtig, weil Plattdeutsch sich ja auch im Alltag sehr häufig noch wiederfindet – beispielsweise Worte wie feudeln, tüdeln oder püttschern. Oder Planten un Blomen. Und ich finde es schön, wenn die Kinder wissen, woher das kommt.

ZEIT: Für nicht norddeutsche Ohren klingen viele Worte auch wie eine Kindersprache.

Colmorgen: Es ist für Kinder vor allem eine sehr lustige Sprache. Wenn ich sage, verschütte bitte kein Wasser, dann klingt das ganz anders als wenn ich sage: "Nu püttscher mal nich rüm." Die Kinder finden das wahnsinnig witzig. Es ist nah genug am Deutschen dran, um zu erahnen, was es heißen könnte – aber es ist auch weit genug weg, um immer auch eine Art Geheimsprache zu sein.

"Plattkinner. Neue plattdeutsche Songs für Hamburg und den Norden", mit CD; W. Colmorgen, H Kayser, T. Esch; Junius Verlag, 19,90 €