DIE ZEIT: Herr Kubicki, gibt es im Deutschen Bundestag Verbrecher?

Wolfgang Kubicki: Nicht im juristischen Sinne, aber es gibt im Bundestag natürlich Menschen, die schon mal darüber nachgedacht haben, ein Verbrechen zu begehen.

ZEIT: Kennen Sie solche Abgeordneten?

Kubicki: Wenn Sie von sich selbst behaupten, Sie hätten in Ihrem ganzen Leben noch nie darüber nachgedacht, eine Straftat zu begehen, dann können wir das Gespräch beenden. Die allermeisten Menschen in meiner Umgebung haben gelegentlich Gewaltfantasien.

ZEIT: Sie auch?

Kubicki: Selten. Denn einen Teil meiner Aggressionen kann ich dank meiner Tätigkeit als Politiker und Rechtsanwalt legal ausleben. Aber ich treffe manchmal Leute, bei denen ich spüre, dass ich mit ihnen nicht gemeinsam in einem Raum sein will, weil ich merke, dass die mich aggressiv machen.

ZEIT: Wer zum Beispiel?

Kubicki: Anton Hofreiter von den Grünen. Er könnte mich zu Dingen verleiten, die ich eigentlich nicht will: ihm eine knallen zum Beispiel.

ZEIT: Wann haben Sie diesen Drang zuletzt verspürt?

Kubicki: Während der Sondierungsgespräche im Herbst vergangenen Jahres, als es darum ging, womöglich eine Jamaika-Koalition zu bilden. Hofreiter – und dafür kann er vielleicht nichts – ist ein Mensch, der meine Aggressionsschwelle drastisch senkt. Da ich das aber nicht will, vermeide ich es, dass wir zusammen in einem Raum sind. Ich könnte verstehen, wenn ich bei ihm ähnliche Fantasien auslöse.

ZEIT: Von Hofreiter heißt es, er habe zu Ihnen gesagt: "Gegen alles, was Sie, Herr Kubicki, verkörpern, habe ich mein Leben lang gekämpft."

Kubicki: Das hat er zu mir und auch zu Christian Lindner gesagt. Und das würde er heute mit Sicherheit genau so wiederholen.

ZEIT: Das war eine Situation für Gewaltfantasien?

Kubicki: Ich dachte: Noch so’n Spruch – Kieferbruch. Auch wegen der Art, wie Hofreiter es gesagt hat. Er hat es überhaupt nicht freundlich gesagt. Ich kann Ihnen auch in freundlichem Ton zu verstehen geben: Sie haben einen Job, den ich zutiefst verachte. Auch darin steckt die Botschaft: Du bist ein dummes Schwein. Es klingt nur anders.

ZEIT: Sie wurden mal im Bundestag entwaffnet.

Kubicki: Wie bitte? Ich wurde entwaffnet?

ZEIT: Vor einigen Monaten mussten Sie vor dem Zimmer eines Fraktionskollegen Ihr Handy zurücklassen, damit das Gespräch auf keinen Fall abgehört werden konnte. Worum ging es?

Kubicki: Um einen Konflikt mit einem FDP-Kollegen. Er hatte die wahnsinnige Idee, der Kreml würde mich bezahlen. Ich hatte zuvor die Lockerung der EU-Sanktionen gegenüber Russland gefordert. Er glaubte offenbar, ich hätte russische Mandanten. Er wollte dann ein Sechs-Augen-Gespräch mit mir und dem Parlamentarischen Geschäftsführer der FDP-Fraktion, Marco Buschmann. Als der Kollege eintraf, bat er darum, dass alle Handys draußen bleiben, weil sonst unsere amerikanischen, russischen oder chinesischen Freunde alles mithören könnten. Das war nicht bloß übertrieben, es hatte für mich schon pathologische Züge. Während des Gesprächs sagte er dann zu mir, ich solle zugeben, dass die Russen mich bezahlen, es komme doch sowieso alles raus.