Das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS), ein Künstlerkollektiv, das sich selbst als eine "Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit" sieht, hat eine Internetseite freigeschaltet, die weder schön noch politisch ist. Eine neue Aktion der "aggressiven Humanisten", die schon tote Flüchtlinge nach Deutschland überführten und Tigern zum Fraß vorwerfen wollten. Oder Flugblätter in Istanbul fliegen ließen, auf denen sie zum Tod des Diktators aufriefen.

Die Seite heißt "Soko-Chemnitz", die Anspielung aufs Polizeiliche ist natürlich gewollt, denn hier wird ermittelt, zivilgesellschaftlich gewissermaßen (denn die Behörden tun ja nichts, so die Suggestion, sonst müsste es diese Seite nicht geben). "Ganz Deutschland will wissen: Waren in Chemnitz besorgte Bürger oder Feinde der Verfassung am Werk?", schreiben die Künstler. Gemeint sind die Demonstrationen vom Sommer, auf denen Neonazis neben Pegida-Anhängern, AfD-Politikern und einfachen Bürgern aufliefen. Nachher stritt das Land tagelang darüber, ob es dort Hetzjagden gegen Ausländer gegeben habe oder nicht. Der damalige Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, legte sich früh darauf fest, dass es keine gegeben habe. Fast wäre darüber die Regierung zerbrochen.

Das muss man sich alles noch mal vor Augen führen, wenn man diese Aktion betrachtet, bei der alles so einfach scheint und die einfach nur wissen will: "Gesucht: Wo arbeiten diese Idioten?" Man solle "noch heute" seinen Kollegen, Nachbarn oder Kollegen anzeigen und helfen, die entsprechenden "Problemdeutschen" zu "entfernen". Unweigerlich denkt man: Aus dem Volkskörper, oder was? Zwischen den Zeilen steht: Leute, wir müssen das selbst in die Hand nehmen, denn die Institutionen versagen im Kampf gegen den Rechtsradikalismus. Man kann ihnen nicht trauen: "Die Fahndung läuft: Über 3000 Hinweise aus der Bevölkerung. If you see something – say something!"

Bilder von Demonstranten in Chemnitz werden eingeblendet, schwarz-weiß, mit einem bläulichen Schein, wie in einem Videospiel, Gesichter in der Menge werden mit einem beim Betrachter Unwohlsein auslösenden weißen Rahmen umlegt. Sie werden erfasst, diese Gesichter, in einem "Katalog der Gesinnungskranken". Die bislang Identifizierten kann man dort begutachten, bei einigen ist ein Foto (mit schwarzem Balken über den Augen) zu sehen, bei anderen fehlt das Bild, dort sieht man das Konterfei des Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke als Platzhalter.

Was haben diese Denunzierten verbrochen? Sie waren auf einer Demonstration. Keiner für Demokratie und Menschenrechte, das ist wahr. Aber einer genehmigten.

Sobald man auf den Button "Wer ist das?" neben den Bildern klickt, öffnet sich ein neues Fenster mit einer "intellektuellen Vita" (Verachtung für die Ungebildeten ist Teil der Denunziation) der Person. Dann steht da der Grund für den Fahndungsaufruf – bei allen ist ein Stempelaufdruck mit der Aufschrift "Verdacht auf unerlaubte Entfernung von der Demokratie" zu lesen.

Doch selbst diese Entfernung wäre nicht verboten. Es kostet viel Kraft, Abtrünnige wieder zurückzuholen. Wahrscheinlich mehr Kraft, als sie im Internet zu verpetzen. Tatsächlich scheinen einige der Gezeigten Straftaten begangen zu haben, indem sie den Hitlergruß auf der Demo gezeigt haben. Manche sind Anhänger von rechtsradikalen Kameradschaften oder Bürgerwehren. Bei anderen Beispielen bleibt man ratlos zurück, etwa bei Dietmar R.: Der habe Anti-Merkel-Artikel geteilt. Als Betrachter stellt man sich unweigerlich die Frage, was es der Demokratie nützt, wenn nun dieser Dietmar R. seine Arbeit verliert. Wenn er kein Geld mehr verdient. Wäre dieser "Problemdeutsche" damit tatsächlich "entfernt"? Wahrscheinlicher ist, dass seine Verachtung steigt.

Politik sucht die Auseinandersetzung, sucht den Raum für Möglichkeiten und Hoffnung, vielleicht nicht immer radikal genug. Manchmal mit einer Lethargie und Fehlern, die einen wahnsinnig machen. Petzen ist da einfacher. Kunst darf alles, zumindest vieles, im Kampf gegen rechts erst recht? Wer traut sich da, noch etwas zu sagen, wenn das Ziel ein so moralisches ist? Nur – rettet es Deutschland, sich wie ein Fascho aufzuführen, um Faschos zu bekämpfen?