Sollte der Feind tatsächlich bald die Landesgrenzen übertreten, sie wollen wenigstens vorbereitet sein. In den vergangenen Monaten haben sie den Katastrophenschutz in Alarmbereitschaft versetzt, die Feuerwehr und die Fliegerstaffel der Polizei. Sie haben Notfallpläne erarbeitet und Warnschilder aufgestellt. Sie haben sich ausgerüstet mit Drohnen, Elektrozäunen und Schutzanzügen. Sie haben den Gegner, so viel kann man sagen, nicht unterschätzt.

Cathrin Pritschau ist Sauenhalterin. Ihren Hof in Schleswig-Holstein sichert sie wie ein Atomkraftwerk. © Amrai Coen für DIE ZEIT

Jetzt wollen sie den Ernstfall proben.

Mehr als hundert Männer und Frauen haben sich auf einem Gelände versammelt, groß wie 104 Fußballfelder. Es liegt, umsäumt von dichten Sträuchern und Bäumen, im hessischen Odenwald. Im Kalten Krieg hatten die Amerikaner hier einen Militärstützpunkt eingerichtet. 120 grasbedeckte Bunker beherbergten ein riesiges Munitionsdepot, in Erwartung eines möglichen Angriffs der Sowjets.

Wie im Szenario von damals rückt der Feind von Osten her vor, er hat die Ukraine überrannt, Weißrussland, Rumänien, Polen, das Baltikum. Nun steht er an der Grenze zu Deutschland.

Deshalb sind Jäger auf dem ehemaligen Militärgelände eingetroffen, unterstützt von Förstern, Tierärzten und Landwirten. Sie sind angereist aus Bayern, Baden-Württemberg und Hessen. Die Truppe drängt sich frühmorgens in ein Zelt, ein provisorisches Ausweichquartier – der Andrang ist größer als erwartet.

Michael Sallmann steht vorn am Pult, räuspert sich und spricht ins Mikrofon: "Das große Interesse zeigt, womit wir es hier zu tun haben."

Sallmann, 57, ein schmaler Mann mit ergrautem Haar, leitet das Veterinäramt des Odenwaldkreises. Man wolle, sagt er, vorführen, wie im Ernstfall reagiert werden müsse, wie Kadaver geborgen würden, wie eine gründliche Desinfektion auszusehen habe und wie ein Risikogebiet gesichert werden könne. "Wir wollen der Seuche im Notfall so schnell wie möglich Herr werden!"

Die Seuche, von der Sallmann spricht, ist die Afrikanische Schweinepest. Ein Virus, das dem Menschen nichts anhaben kann, das aber tödlich ist für Haus- und Wildschweine. Es rafft die Tiere innerhalb kürzester Zeit dahin, ein Ebola der Schweine, unaufhaltsam und unerbittlich. Ein Ausbruch in Deutschland könnte gravierende wirtschaftliche Folgen haben. Würde nur ein einziges infiziertes Schwein in Deutschland entdeckt, könnte der gigantische Markt für Schweinefleisch zusammenbrechen, Tausende Sauen müssten geschlachtet werden, Landwirte müssten um ihre Existenz fürchten. Der Schaden, so schätzt der Deutsche Bauernverband, läge in Milliardenhöhe.

Es ist, da sind sich im Zelt alle sicher, keine Frage mehr, ob die Seuche Deutschland erreicht, sondern nur noch: wann. Im September wurden die ersten infizierten Wildschweine in Belgien tot aufgefunden, nur 60 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner sagte daraufhin: "Die neue Situation nehme ich sehr ernst. Die Afrikanische Schweinepest stellt seit Längerem auch für Deutschland eine Bedrohung dar, und unsere Vorbereitungen auf den Krisenfall laufen."

Es gibt nur wenige Menschen in Deutschland, die sich so gut auskennen mit Tieren und Seuchen wie Michael Sallmann. Seit 1987 ist er Tierarzt, seit 1992 im Veterinäramt, in seiner Freizeit malt er Tiere. Sallmann hat die Maul- und Klauenseuche bekämpft, den Rinderwahn, die Geflügelpest. Doch seine ganze Erfahrung nützt ihm gerade nichts. "Was wir jetzt erleben, ist etwas völlig Neues", sagt er.

Eine Seuche erfasst die halbe Welt. In den Nachrichten kann man in diesen Wochen Bilder wie aus einem Katastrophenfilm sehen: Tausende Schweine, die notgeschlachtet werden, Tierkadaver, die in Flüssen treiben. In China wurden Straßensperren errichtet, Hygienebeamte patrouillieren durch Pekings Großmärkte. In Tschechien sind Scharfschützen der Polizei auf Wildschweinjagd gegangen, in Weißrussland soll es Helikopterjagden gegeben haben. Tausende Menschen in Osteuropa haben ihre Jobs verloren. Die dänische Regierung lässt einen Metallzaun an der Grenze zu Deutschland bauen, um Wildschweine abzuhalten. In Bayern treffen sich Bauern und beten zu Gott, auf dass er ihnen die Afrikanische Schweinepest vom Leib halte.

Ware aus Rheda-Wiedenbrück auf Pekings größtem Markt für tiefgefrorenes Fleisch © Xifan Yang für DIE ZEIT

Bei der Übung des Ernstfalls im Odenwald übergibt Michael Sallmann das Mikrofon an seine Mitarbeiterin von der "Taskforce Tierseuchenbekämpfung". Sie will erklären, wer der Feind ist, mit dem man es hier zu tun hat. Die Frau öffnet eine PowerPoint-Präsentation, auf der Leinwand hinter ihr taucht ein schwarzer Fleck auf, der Erreger. Er habe, sagt sie, seinen Ursprung südlich der Sahara. Seit rund 100 Jahren sei er dort unter afrikanischen Warzenschweinen verbreitet, sie trügen ihn in sich, ohne dass er ihnen schade. Die Warzenschweine hätten im Laufe der Zeit Antikörper entwickelt. Nicht so die europäischen Schweine. Sie seien vollkommen schutzlos gewesen, als der Erreger in Europa einfiel.

Auf der Leinwand erscheint ein neues Bild, eine Müllhalde ist zu sehen, Wildschweine wühlen in den Abfällen nach Fressbarem. "Das ist in Poti, einer Hafenstadt in Georgien", sagt die Frau von der Taskforce. "Wir gehen davon aus, dass der Erreger auf dieser Deponie erstmals in Europa auftrat." Ein Frachtschiff aus Afrika hatte im April 2007 in Poti angelegt, an Bord das Virus, wahrscheinlich versteckt in Speiseresten. Die Speisereste landeten auf der Müllhalde. Dort stöberten die hungrigen Wildschweine und infizierten sich.