Die CDU hat die Ära Merkel beendet, aber den Bruch mit der Kanzlerin vermieden. Die Vorstellung, aus der Christlich Demokratischen Union sei eine Art Anti-Merkel-Partei geworden, war immer irrig. Das hat der Hamburger Parteitag mit dem warmen Abschied für die scheidende Vorsitzende und der Wahl ihrer Favoritin Annegret Kramp-Karrenbauer gezeigt.

Nur fiel die Entscheidung so knapp aus, dass von ihr keine Befriedung der Richtungskämpfe in der CDU zu erwarten ist. Für die deutsche Parteienlandschaft gilt das Gegenteil. Eine Erneuerung durch Konfrontation, wie sie mit Friedrich Merz als CDU-Chef verbunden worden war, bleibt aus. Kramp-Karrenbauer bedeutet Kontinuität. Nicht nur für die Union, sondern für das System insgesamt. So schnell geht die Ära Merkel dann doch nicht zu Ende.

Das gilt selbst dann, wenn die Wirtschaftsliberalen und Konservativen in der CDU jetzt darauf pochen – quasi als Kompensation der Niederlage –, den künftigen Kurs der Partei zu bestimmen. Ihre "Wann-wenn-nicht-jetzt?"-Stimmung überdauert den Abgang ihres Hoffnungsträgers. Während Merz sich wieder in die Sphären der Wirtschaft zurückzieht, bleiben die Erwartungen und Projektionen lebendig, die sich an seine Bewerbung knüpften.

Für die Neue an der Spitze, deren Autorität kaum gefestigt und deren Position entsprechend labil ist, verspricht das einen denkbar schwierigen Start. Sie erbt von Angela Merkel nicht nur das Amt, sondern auch die Defensive, in der die scheidende Chefin es am Ende ausfüllen musste. Seit Wochen schon signalisiert Kramp-Karrenbauer dem konservativen Flügel Entgegenkommen. Genutzt hat es ihr nicht. Selbst wo sie sich geradezu reaktionär gebärdet, wie bei ihren Vorbehalten gegen die Homo-Ehe, oder rücksichtslos, wie bei Abschiebungen nach Syrien, erkennen die Gegner in ihr am Ende doch immer nur Merkels Erbin.

Dabei verweigern die enttäuschten Merzianer die Antwort, wie eine konservativ gewendete CDU auch ihre liberal oder schwarz-grün gesinnten Anhänger halten könnte. Selbst die Tatsache, dass es der Union in der Vergangenheit auch mit scharfen Parolen in der Migrationsdebatte nicht gelungen ist, die Basis der AfD zu schmälern, scheint die Befürworter einer Kurskorrektur nicht zu irritieren. Merz muss sein Versprechen, die AfD zu halbieren, nicht mehr einlösen. Umso gefährlicher für die Siegerin ist der Mythos, er allein hätte es schaffen können.

Wo die Konservativen und der Wirtschaftsflügel das Profil der Partei schärfen und damit zwangsläufig verengen wollen, versucht die neue Vorsitzende, die Widersprüche auszutarieren. Das wird nicht besonders markant, sondern, wie schon bei ihrer Vorgängerin, eher lavierend ausfallen. Wenn sie sich mit ihrem Pragmatismus und ihrer Kompromissbereitschaft durchsetzen kann, lässt das die deutsche Parteienlandschaft erst einmal unverändert. Und damit auch deren Probleme. Gegen die schleichende Unterwanderung der Demokratie durch eine ununterscheidbare Mitte verspricht die neue CDU-Vorsitzende keine Abhilfe.

Selbst ihre Akzentverschiebungen nach rechts werden die AfD-geneigten Wähler nicht beeindrucken. Dass Kramp-Karrenbauer nun als Erstes ankündigt, sie werde eine breite Debatte über die Flüchtlingspolitik 2015, Migration und Sicherheit führen, klingt eher wie eine Kapitulation vor den Merkel-Kritikern in und außerhalb der Union. Der AfD im Wahljahr wird das gefallen – und den Grünen kaum schaden. Je zwanghafter die Nachfolgerin versucht, dem Verdacht der Merkel-Nähe durch Distanzierungsgesten zu entfliehen, umso selbstverständlicher können die Grünen das liberale, flüchtlingsfreundliche Erbe der Kanzlerin beanspruchen. Nur die SPD steht vor ihrem alten Dilemma. Denn profiliert hat sich Kramp-Karrenbauer vor allem als Sozialpolitikerin. Und so viele Signale nach rechts, dass die SPD plötzlich als liberaler Nothelfer gegen die Union gebraucht würde, kann die neue Vorsitzende gar nicht aussenden.

Einen fulminanten Aufschwung der Partei verspricht Kramp-Karrenbauer ebenso wenig wie eine Revitalisierung des demokratischen Systems. Und doch bleibt der CDU nur die Chance, ihre Vorsitzende zu stärken. Stürzt sie sich stattdessen in neue innerparteiliche Kämpfe, wird sie sich wundern, wie tief nach unten es noch gehen kann.

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