Am 30. März 2016, fast neun Monate vor dem Anschlag auf den Berliner Breitscheidplatz, schreibt ein Tunesier mit dem Kampfnamen Abu Hodeifa eine womöglich folgenreiche Nachricht an den späteren Attentäter Anis Amri: "Der Bruder, den du kontaktieren solltest, wie ich dir gesagt habe, kennst du ihn?"

Abu Hodeifa kämpft zu diesem Zeitpunkt für den "Islamischen Staat" (IS) in Libyen, Amri pendelt zwischen Berlin und dem Ruhrgebiet. Amri antwortet: "Ja, ich kenne ihn." Die Unterhaltung ist Teil einer intensiven Kommunikation. 67-mal korrespondieren die beiden miteinander.

Der "Bruder", den Abu Hodeifa offenbar vermittelt, ist ein Terrorist, der sich hinter dem Pseudonym "Moumou1" verbirgt und Amri während des Anschlags über das Chatprogramm Telegram Anweisungen geben wird.

Am Tattag, dem 19. Dezember 2016, meldet Amri um 19.33 Uhr an "Moumou1": "Alles ist erfolgt". Amri hat da gerade den Lastwagenfahrer Łukasz U. mit einem Kopfschuss getötet. Jetzt ist er dabei, dessen Sattelschlepper zu kapern. Acht Sekunden später schickt Amri ein Foto aus dem Inneren des Lkw an "Moumou1". Eine halbe Stunde später steuert er das Fahrzeug auf den Weihnachtsmarkt und tötet an diesem Tag zwölf Menschen.

Rückblickend wird deutlich, wie intensiv Amri den Kontakt zum IS suchte. Und nicht nur das. In den vergangenen Wochen hat die ZEIT die Ermittlungsakten zum Fall Amri ausgewertet, dazu interne Dokumente von Ministerien, Polizei und Geheimdiensten, mehr als 100.000 Seiten. Zudem sprachen Reporter mit Ermittlern und Zeugen.

Seit dem Anschlag ist die Weihnachtszeit auch eine Zeit der Angst. Marktplätze werden mit Betonklötzen abgeriegelt; Polizisten patrouillieren mit Maschinenpistolen. Erst am vergangenen Dienstag tötete ein Mann auf dem Weihnachtsmarkt in Straßburg zwei Menschen und verletzte weitere.

Die Angehörigen der Opfer wünschen sich bis heute Antworten auf zentrale Fragen. Denn Amri, so viel ist mittlerweile klar, war umstellt von V-Leuten. Die deutschen Behörden waren ihm so nah, wie man einem Attentäter sein kann. Er hatte nicht nur Komplizen beim IS, sondern offenbar auch Mitwisser in Berlin. Der IS rekrutierte nicht ihn, Amri rekrutierte sich selbst. Er drängte sich geradezu auf.

1. Wie eng waren Amris Verbindungen zum IS?

Aus den Dokumenten wird deutlich, dass sich Anis Amri fast das gesamte Jahr 2016 über mit Mitgliedern des IS austauscht. Einige der Männer stammen wie er aus dem tunesischen Ort Ouslatia. Amri kennt sie offenbar aus Jugendzeiten. Jetzt sollen sie ihm den Weg zum Märtyrertum ebnen.

Amri und der Instrukteur "Moumou1" sind zum Zeitpunkt des Anschlags bereits seit Wochen in Kontakt. Anfang November hat "Moumou1" Amri eine 143 Seiten lange Anleitung des IS geschickt: "Die frohe Botschaft zur Rechtleitung für diejenigen, die Märtyreroperationen durchführen."

Nicht alle Chats mit "Moumou1" sind erhalten, Amri hat den Verlauf der Nachrichten immer wieder gelöscht. Doch selbst das, was die Ermittler später auf seinem Handy finden, belegt, dass er Verbindungen zum IS unterhielt.

Ungeklärt ist, wer genau sich hinter dem Kampfnamen Abu Hodeifa verbirgt. Die Identität von "Moumou1" glauben die deutschen Ermittler hingegen enthüllt zu haben.

Auf dessen Spur brachte sie eine Überweisung: Am 9. 12. 2016, eine Woche vor dem Anschlag, bittet Amri einen Bekannten, 700 Euro an einen Mann namens Chaker D. in Tunesien zu überweisen. Chaker D. wiederum hat einen Verwandten, Meher D., der sich auf Facebook zum IS bekennt. Und da ist noch mehr: Mehers Online-Spitzname ähnelt einem Eintrag in Amris Handy zu "Moumou1". Zudem war Meher D. am Tag des Anschlages just zu der Zeit online, als Amri mit seinem Instrukteur chattete. Und auch die IP-Adressen deuten darauf hin, dass er "Moumou1" ist.

Das alles sind Indizien, keine Beweise. Im September 2017 übermitteln die tunesischen Behörden jedoch ihre Ermittlungsergebnisse nach Deutschland. Hinter "Moumou1" verbirgt sich demnach tatsächlich Meher D.

Keinen Terrorverdächtigen jagen die deutschen Fahnder seither mit größerem Aufwand. Wahrscheinlich hält sich Meher D. in Libyen auf. Die Ermittler beschäftigt derzeit aber auch die Frage, ob eine Verbindung nach Berlin besteht: In Prenzlauer Berg soll Amri in einem arabischen Restaurant verkehrt haben, dessen Inhaber möglicherweise mit Meher D. verwandt ist.

Nach oben Link zum Beitrag

2. Welche Rolle spielten Amris Freunde?

Knapp zwei Monate nach dem Anschlag am Breitscheidplatz erreicht die deutschen Ermittler ein Bericht aus Italien. Spezialisten einer Anti-Terror-Einheit kommen darin zu einem spektakulären Schluss: "An dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am 19. Dezember 2016 war nicht nur Anis Amri beteiligt, sondern auch andere Gesinnungsbrüder." Mindestens zwei Personen hätten die Pläne für den Anschlag erdacht, ein Dritter habe Amri bei der Flucht geholfen.

Als Beleg führen die Italiener in ihrem 173 Seiten langen Bericht Telefonate an, die sie abgefangen haben. An der Adria-Küste hatten italienische Polizisten zwei Wochen vor dem Attentat zwei Berliner Freunde Amris festgesetzt, die über Griechenland in die Türkei reisen wollten und von dort wohl weiter nach Syrien, zum IS.

Die Männer zählen zum harten Kern der Fussilet-Moschee, die in einem runtergekommenen Ladengeschäft im Stadtteil Moabit residierte und auch Amri als zweites Zuhause diente. Das Gebetshaus war jahrelang ein Rückzugsort für radikale Salafisten. Mittlerweile ist sie geschlossen.

Nach dem Attentat werden die italienischen Ermittler nach Berlin reisen, um ihre Erkenntnisse zu präsentieren. Die Deutschen sind allerdings nicht überzeugt. Sie glauben, dass die Italiener die abgehörten Telefonate fehlerhaft übersetzt haben und deshalb falsche Schlüsse ziehen. Sie bleiben dabei: Es habe keine Mittäter gegeben.

Auffällig ist allerdings, wie eng die Männer aus dem Umfeld der Fussilet-Moschee und der Berliner Islamistenszene mit Amri verbandelt sind. Sie beten mit ihm, essen mit ihm, übernachten mit ihm in der Moschee.

Da ist Bilel B., ein Tunesier, der schon in früheren Terrorermittlungen als Amri-Bekannter in Erscheinung getreten ist und ihn am Vorabend des Anschlages in einem Restaurant trifft. Er wird kurz nach der Tat als Beschuldigter geführt, aber bereits am 1. Februar 2017 nach Tunesien abgeschoben, aus Sorge, ihn mangels harter Beweise nicht anklagen zu können. Als B. längst in Tunesien ist, finden die Ermittler auf seinem Handy Fotos, die im Februar und März 2016 aufgenommen wurden, also ein Dreivierteljahr vor den Anschlägen. Sie zeigen exakt die Stelle am Breitscheidplatz, an der Amri später auf den Weihnachtsmarkt rasen wird. Die Fotos deuteten "auf eine Ausspähung des späteren Tatorts hin", notiert das BKA im März 2017. Und im Mai: Bilel B. sei "zumindest als Mitwisser in Betracht zu ziehen". (Die komplette Geschichte von Bilel B. können Sie hier nachlesen).

Da ist Soufiane A. Wie tief er in der Szene steckt, belegt die Tatsache, dass er noch im Herbst 2016 mit einem hochrangigen deutschen IS-Kader in Syrien chattet: mit Denis Cuspert, dem ehemaligen Berliner Gangster-Rapper. Der Verdacht, dass Soufiane A. von Amris Plan wusste, wird auch durch sein Verhalten im Internet genährt. Nur einen Tag vor dem Anschlag abonniert er einen bei IS-Anhängern beliebten Nachrichtenkanal bei Telegram. Um 20.39 Uhr am Tattag wird dort der Anschlag gemeldet. Eine gute Stunde später meldet A. sich wieder ab.

Da ist Ahmad M., ein polizeibekannter Islamist, der so eng mit Amri befreundet ist, dass er für Amri im Sommer 2016 nach einer Ehefrau sucht. Am Tattag trifft sich Amri mit dem Bruder von Ahmad M. sowie einer dritten Person. Die Männer gehen Döner essen, unterhalten sich. In einer Vernehmungen sagt dieser dritte Mann, er könne sich nur schwer erinnern, worüber man geredet habe. Im Gespräch mit der ZEIT erinnert er sich dann doch ein bisschen. Amri habe ihnen zum Abschied ein bei Salafisten beliebtes Zahnpflegehölzchen geschenkt, sie umarmt und gesagt: "Wir sehen uns bald." Ahmad M. postet um 15.51 Uhr, vier Stunden vor dem Anschlag, öffentlich auf Facebook: "Nichts weitererzählen."

Und schließlich ist da Feysel H., der – wie Amri – öfter im Keller der Fussilet-Moschee geschlafen hat, dicht an dicht campierten sie dort. Als Amri die Moschee eine knappe Stunde vor der Tat ein letztes Mal besucht, ist auch Feysel H. da. Weihte Amri ihn ein?

Feysel H. kann man nicht befragen. Er wurde in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Doch vieles spricht dafür, dass Amri einem kleinen, verschworenen Kreis von Freunden erzählt hat, was er plante. Im Januar 2017 jedenfalls, einen Monat nach der Tat, berichtet eine V-Person dem LKA Berlin, "dass der Feysel H. den Anis Amri nicht nur gekannt, sondern auch von dessen Anschlagsplanungen in Berlin zuvor gewusst haben soll".

Nach oben Link zum Beitrag

3. Was wussten die V-Leute?

Als Amri im Sommer 2015 erstmals nach Deutschland einreist, dauert es nicht lange, bis er mit einem staatlichen Zuträger in Kontakt kommt. V-Leute oder V-Personen (VP) nennen die Behörden ihre Informanten, das "V" steht für Vertrauen. Jede Behörde hat ihre eigenen V-Personen.

Die V-Leute verkaufen zwar Informationen, aber nur selten ist klar, wem ihre Loyalität wirklich gilt. Die Terroristen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) waren von mehreren V-Leuten eingekreist. Trotzdem konnten die Behörden die Mordserie des NSU nicht verhindern.

So ist es auch bei Anis Amri. In den eineinhalb Jahren, in denen er in Deutschland lebt, haben acht V-Leute der Polizei und des Verfassungsschutzes Kontakt mit Amri – manche zufällig und sporadisch, andere gezielt, weil sie auf ihn angesetzt sind. Doch keine der Quellen liefert, als es darauf ankommt.

Im Herbst 2015 läuft Amri den ersten beiden V-Leuten über den Weg. Ein Informant der nordrhein-westfälischen Polizei registriert, wie Amri in Emmerich, wo er anfangs in einem Flüchtlingsheim wohnt, in einer Moschee als Imam auftritt. "Er kannte sämtliche Suren und Verse des Koran, die Gläubigen hingen an seinen Lippen, wenn er betete", so wird es der V-Mann zu Protokoll geben – allerdings erst nach dem Anschlag. Auch der Hinweis eines Informanten des LKA Hessen, der Amri bei einem Islamseminar in Kassel beobachtet, geht erst nach dem Anschlag ein.

Ein V-Mann des LKA Nordrhein-Westfalen dagegen ist schon vor der Bluttat auskunftsfreudig. Dieser Mann, der von der Behörde als "VP-01" geführt wird, arbeitet seit September 2011 für das LKA.

In 40 Quellenvernehmungen, die der ZEIT vorliegen, berichtet er ausführlich über "Anis", erstmals am 16. November 2015. Schnell zeichnet "VP-01" ein präzises Bild des späteren Terroristen. Der sei korankundig, "sehr radikal" und wolle "in Deutschland für den IS aktiv werden".

"VP-01" chauffiert Amri durch das halbe Bundesgebiet, hilft bei Behördengängen, sie kochen gemeinsam. Auch als Amri nach Berlin umzieht, bleiben sie in Kontakt. Einmal übernachtet "VP-01" mit Amri in der Fussilet-Moschee. Er liefert dem LKA Informationen über Amris dortige Kontaktpersonen.

Bis dahin funktioniert das System gut. Aber danach geht so ziemlich alles schief.

In der Szene um die Fussilet-Moschee tummelt sich damals auch der Berliner Landesverfassungsschutz mit seinen V-Leuten. Die Geheimdienstler haben einen jungen Mann angesprochen, der ihnen mehr über einen der besten Freunde Amris erzählen soll: Soufiane A., der beim Verfassungsschutz mit seinem Umfeld unter dem Codenamen "Feuerrot" läuft. Amris Überwachung wird "Siena" getauft.

Als eine Gruppe von Islamisten im April 2016 die Moschee verlässt, schießt die Quelle ein paar Fotos. Die Aufnahmen zeigen bärtige Männer beim Überqueren der Straße. Ganz vorne: Amri.

Intern soll sich der V-Mann allerdings erst einmal bewähren. "Quelle in Erprobung" nennen die Beamten das. Und weil die Fussilet-Moschee als ein Fall für die Polizei gilt, wird der V-Mann nicht weiter auf das Gebetshaus angesetzt.

Die Berliner Polizei ermittelt tatsächlich zum harten Kern aus der Moschee. Sie hat gleich drei V-Leute im Einsatz, die mit Amri in Berührung kommen. Zwei von ihnen kommen aus der Drogenszene, einer von ihnen wird nach dem Anschlag aussagen, Amri habe möglicherweise kurz vor dem Attentat in einem Internetcafé IS-nahe Websites angeschaut. Ein dritter V-Mann kennt Amri zwar aus der Fussilet-Moschee, will jedoch nie mit ihm gesprochen haben.

Und dann ist da noch ein V-Mann vom Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), dessen Wege sich mit Amris kreuzen. Er wird vom BfV seit etwa 2013 geführt und gilt als Topquelle. Kategorie "nachrichtenehrlich". Das heißt: Die Beamten vertrauen ihm. Wie gut der V-Mann ist, zeigt die Zahl der Fotos von Verdächtigen, die ihm die Verfassungsschützer vorlegen und zu denen er Auskunft geben soll. Allein 2016 sind es rund 900. Das BfV hat ihn auf ein Milieu angesetzt, das als besonders gefährlich gilt: Tschetschenen und Dagestaner, die in der Islamistenszene aktiv sind.

Das ist das Netz, das um Amri gelegt ist. Und Anfang 2016 schlägt es auch an: Die "VP-01" des LKA Nordrhein-Westfalen erzählt den Ermittlern, Amri wolle nach Frankreich reisen, um Kalaschnikows zu kaufen. Amri kenne dort einige "Brüder", die in Paris "noch mal Anschläge verüben wollen". Er wolle es ihnen in Deutschland gleichtun. Die Behörden beratschlagen im Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ), was zu tun ist.

Die Verfassungsschützer des BfV setzen ihre Topquelle nun erstmals gezielt auf Amri an. Die Beobachtungen zu Amri und einem seiner Bekannten "werden intensiviert", heißt es in einem als "VS-Vertraulich" eingestuften Vermerk des Verfassungsschutzes, Stand 7. März 2016.

Zwischen März und Juni 2016 legen die Beamten ihrem V-Mann viermal Bilder von Amri und dessen Freunden vor. Bei einem Treffen am 16. Juni 2016 gibt man dem Informanten ausdrücklich den Auftrag, "bei seinen zukünftigen Moscheebesuchen nach Amri Ausschau zu halten" und "auf ihn zu achten" – so steht es in einem "geheim" eingestuften Dossier des BfV.

Amri und der Spitzel verkehren seit Längerem beide in der Fussilet-Moschee. Die Gemeinde ist nicht groß, sie besteht aus 40 bis 50 Gläubigen. Man kennt sich.

Im Sommer 2016 zieht sich Amri aus der Szene zurück, er verkauft Drogen, ist selbst oft high und möchte am liebsten nach Tunesien ziehen. Hat Amri sich gewandelt? Den Berliner Polizisten, die sein Handy abhören, entgeht die Veränderung nicht. Sie lassen die Überwachung auslaufen. Doch ein paar Monate später, im Herbst 2016, gibt es eine weitere Wendung. Amri, der noch immer mit Abu Hodeifa in Kontakt ist, scheint spätestens jetzt entschlossen, ein Blutbad anzurichten.

Anfang November 2016, als sich Amri bereits mit konkreten Anschlagsplanungen befasst, ist der V-Mann des BfV beim Freitagsgebet vor Ort. Diesmal übernimmt Amri sogar die Rolle des Vorbeters. Doch der V-Mann, der den expliziten Auftrag hat, Amri zu überwachen und Dutzende Fotos von ihm gesehen hat, verschweigt das Zusammentreffen. Erst zwei Tage nach dem Anschlag wird er der Behörde beichten, dass er Amri Anfang November beobachtet hat. So steht es jedenfalls in den internen Akten des BfV.

Der Verfassungsschutz behauptet bis heute, Amri und der V-Mann hätten sich persönlich nicht näher gekannt. Der V-Mann habe sich im Herbst 2016 nur noch "selten und kurzzeitig" in der Moschee aufhalten können, es gebe keinen Hinweis darauf, dass er etwas von den Anschlagsplänen mitbekommen hätte. Angesichts der 849 Dokumente, die sich in den Akten des BfV zu Amri finden, eine desaströse Bilanz.

Acht V-Männer, doch nur ein einziger, "VP-01" aus Nordrhein-Westfalen, hat offenbar ehrlich, frühzeitig und ausführlich berichtet. Ausgerechnet er verlor drei Monate vor dem Anschlag seinen Zugang zu Amri, weil er enttarnt wurde und das Milieu fluchtartig verlassen musste. "Im Grunde war das eine wundervoll überwachte Struktur", sagt ein Beamter. Im Grunde.

Nach oben Link zum Beitrag

4. Welche Rolle spielten der marokkanische Geheimdienst und die CIA?

Wochen vor dem Anschlag, im September und Oktober 2016, meldet sich der marokkanische Geheimdienst bei BKA und BND. In vier Lieferungen übermitteln die Marokkaner Bilder von Amri, dazu Handynummern, seine Wohnanschrift und den Namen seines Mitbewohners. Sie betreiben in Berlin offenbar eine eigene Geheimdienstoperation, in deren Mittelpunkt Amri und seine Freunde stehen.

Am 2. November 2016 beschäftigt sich im GTAZ erneut eine Runde von Polizisten und Nachrichtendienstlern mit Amri. Die Beamten beauftragen das BfV, in Rabat nachzufragen, was die Marokkaner sonst noch wissen. Doch die Verfassungsschützer treffen eine fatale Entscheidung: Sie beschließen, nicht in Marokko nachzufragen – entgegen dem Auftrag. Gegenüber der ZEIT sagte ein Behördensprecher, man habe den Marokkanern nicht getraut.

Stattdessen wenden sich die Verfassungsschützer am 8. November an die CIA. Sie übermitteln den Amerikanern nicht nur die Essenz der marokkanischen Details, sondern auch ein Dossier mit eigenen Erkenntnissen zu Amri. Die Amerikaner melden sich nicht sofort zurück, sind aber offenbar umtriebiger, als es die Deutschen wissen. Nach dem Anschlag liefern sie schnell: "Auf Basis Daten FBI war es BKA möglich, ab 14.12. ein Bewegungsprofil des Amri in Berlin zu erhalten", notieren die deutschen Ermittler. Das heißt: Entweder haben die US-Behörden Amri schon länger im Visier – oder sie erheben in großem Stil Telekommunikationsdaten in Berlin.

In den grauen Tagen Anfang November 2016, als es noch fünf Wochen bis zum Anschlag sind und Amri bereits sein Bekennervideo aufgezeichnet hat, beginnt die entscheidende Phase: Die Berliner Polizei hat Amri aus den Augen verloren, der nordrhein-westfälische V-Mann "VP-01" musste sich aus der Szene zurückziehen. Die Marokkaner warnen vor Amri. Der V-Mann des BfV beobachtet Amri in der Fussilet-Moschee. Doch niemand führt die Fäden zusammen.

Nach der Tat werden die Behörden Schuldige suchen. Der Verfassungsschutz habe wegen der marokkanischen Hinweisen "nach Auffassung von BKA und BND spätestens mit der GTAZ-Sitzung vom 2.11.2016 eine Holschuld gehabt", heißt es in einem Geheimvermerk des BND. Aber die Verfassungsschützer haben weder etwas geholt noch etwas von ihrem V-Mann gehört. "Wenn wir zu dem Zeitpunkt gewusst hätten, was wir wussten, wäre womöglich vieles anders gekommen", sagt ein leitender Ermittler heute.

Nach oben Link zum Beitrag

5. Wie weit ist die Aufklärung gediehen?

Ein Terroranschlag ist kein gewöhnliches Verbrechen, er ist ein Angriff auf die Gesellschaft. Daher gibt es nach einem Attentat immer mehrere Wahrheiten: eine juristische, eine politische und eine historische. Amri ist tot, die Ermittlungen gegen Amris Freund Bilel B. sind eingestellt. Gegen Amris mutmaßlichen Instrukteur Meher D. alias "Moumou1" wird noch ermittelt, aber ein Prozess gegen ihn ist nicht absehbar. Das ist die juristische Wahrheit.

Die politische Wahrheit ist komplexer. Gleich drei Untersuchungsausschüsse beschäftigen sich mit der Frage, wie Amri seinen Plan umsetzen konnte. Zwei Ausschüsse tagen in Berlin, einer in Düsseldorf.

Als Erstes wurde das nordrhein-westfälische Parlament tätig – auf Drängen der damaligen Oppositionspartei CDU nicht ganz zufällig drei Monate vor der Landtagswahl im Mai 2017. Der nach der Wahl eingesetzte zweite Ausschuss arbeitet geräuschloser, aber bis heute ohne wesentliche Akten. Dieses Schicksal teilen die Abgeordneten mit ihren Kollegen im Berliner Abgeordnetenhaus.

Im Bundestag hat der Untersuchungsausschuss einen ersten Skandal erlebt. Wie sich herausstellte, arbeitete die Vertreterin des Bundesinnenministeriums, die an den internen Beratungen der Parlamentarier teilnahm, früher für den Verfassungsschutz – zuständig ausgerechnet für die Beobachtung des Umfelds von Amri. Das ist in etwa so, als würde man einer Zeugin in einem Mordverfahren einen Platz im Beratungsraum der Richter verschaffen.

Entscheidende Dokumente erhalten die Parlamentarier zudem oft nur großflächig geschwärzt. Konstantin von Notz (Grüne) sagt: "Es ist, auch und gerade gegenüber den Opfern und Hinterbliebenen, unerträglich, wie die Bundesregierung die Aufklärung des Anschlags bremst und verhindert." Immerhin seien zwei nach dem Anschlag verbreitete Thesen der Behörden bereits widerlegt worden, sagt die Obfrau der Linken im Bundestagsausschuss, Martina Renner: "Amri war kein Einzeltäter, und die Beobachtung seiner Person war kein reiner Polizeifall. Fragen zu weiteren Mittätern und zur Rolle der Geheimdienste sind noch offen."

Stephan Herrlich, ein Opfer-Angehöriger, sagt: "Auf dem Zeugnis für die Politik steht ein 'Ungenügend'." Herrlichs Bruder Christoph war mit einer Bekannten auf dem Breitscheidplatz. Als der Lkw auf die beiden zuraste, stieß Christoph Herrlich seine Bekannte zur Seite und rettete ihr das Leben. Er selbst wurde überrollt. Heute, zwei Jahre danach, sagt Stephan Herrlich: "Mein Eindruck ist, dass man sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt, herauszufinden, was wirklich passiert ist, und, was vielleicht noch schlimmer ist: daraus zu lernen."

Auch Astrid Passins Vater ist tot. Klaus Jacob wurde von dem Sattelzug von hinten erfasst. Passin widmet sich seither der Aufklärung des Anschlags, verpasst keine Sitzung der Berliner Untersuchungsausschüsse. Sie sagt: "Der Berliner Polizeipräsident musste gehen, das ist die einzige politische Konsequenz in diesem Fall. Ansonsten hat sich nichts verändert. Ich sehe keine Transparenz. Ich weiß, dass es wehtun würde, alles zu wissen, was da schiefgelaufen ist, aber dann wäre die Wahrheit endlich da."

Noch hat sie die Hoffnung nicht aufgegeben.

Mitarbeit: Frida Thurm

Nach oben Link zum Beitrag