Die aufgeregte Stimmung glich jener, wie man sie heute bei einem Popkonzert oder am Fußballplatz erleben kann. Am 25. Februar 1925 drängelten sich 900 Leute im ausverkauften mittleren Saal des Wiener Konzerthauses, um den Stegreifredner Anton Kuh zu hören. Angekündigt war ein Vortrag mit dem Titel Der Affe Zarathustras, der, wie eine Zeitung angekündigt hatte, "ein Bild des Wirkens und der Persönlichkeit Karl Krausens zu entfalten gedenkt". Auf dem Podium: ein Stuhl, ein Tisch und ein Glas Kognak. Gespannte Erwartung im Publikum, wo bereits vereinzelte "Hoch Kraus!"-Rufe zu vernehmen sind.

Dann legt Kuh los. In einer eineinhalbstündigen Tour de Force prügelt er auf den Herausgeber der Fackel ein, mit dem ihn seit vielen Jahren eine innige Feindschaft verbindet. Er beschimpft den "irrsinnigen Interpunktionsmönch" Kraus als "Intelligenz-Plebejer", der eine "Nachhausebegleitungssprache" entwickelt habe und der seine bedingungslos ergebene Anhängerschaft in die "Realitätslosigkeit und An-sich-Gescheitheit" treibe. Die Sprache scheint sich von dem Redner zu lösen und ein Eigenleben zu entfalten. Die Pointen fliegen dem Publikum um die Ohren wie Geschosse. Motto: "Nur nicht sachlich werden. Es geht ja auch persönlich."

Am Ende des Abends: Krach, Tumult, Aufruhr. Denn die hingebungsvolle und lautstarke Gefolgschaft des Karl Kraus, vom Polemiker Kuh sarkastisch "Früchterln" genannt, will es nicht hinnehmen, dass ihr Idol geschmäht wird.

Der Schmähredner Anton Kuh hatte stets ein Monokel vor das linken Auge geklemmt. © Imagno/akg-images

Der Germanist Walter Schübler, Herausgeber des Gesamtwerkes von Anton Kuh, erzählt in seiner soeben erschienenen Biografie des Feuilletonisten, der heute zu Unrecht nur noch wie eine Fußnote der Wiener Kaffeehausliteratur erscheint, von diesem aufgeregten Auftritt und von zahlreichen anderen Ereignissen aus dem Leben eines "Schmutzfinken der Aufrichtigkeit", wie Kuh sich selbst nannte. Die Biografie ist ein hoch verdichtetes Epos des Ephemeren. Zugleich entfaltet Schübler ein intellektuelles Panorama, das eingewebt ist in die Geschichte des Ersten Weltkriegs und der Ersten Republik und mit einem Hang zu Fakten und Akten ausgestattet ist, der den Leser gelegentlich zu überfordern droht.

Dabei ist der Einstieg so fulminant und gelungen, wie man das in biografischer Literatur selten gelesen hat. Anton Kuh wird da auf wenigen Seiten derart plastisch modelliert, dass man am Schluss den Eindruck gewinnt, er stehe vor einem. Meist im O-Ton, denn, so schreibt Schübler im Vorwort, "ihn zu referieren ist nicht annähernd so unterhaltsam wie ihn zu zitieren".

Kuh ist ein "Besitzloser aus Überzeugung" und ein Meister des "Schnorrens mit Stil"

© Wallstein Verlag

So ersteht das Bild eines Mannes jüdischer Herkunft – Sohn des bedeutenden Journalisten Emil Kuh, Chefredakteur des Neuen Wiener Tagblatts –, der, 1890 geboren, in Wien aufwächst und schnell Anschluss an die Literatenszene im Café Central und Café Herrenhof rund um Peter Altenberg und Alfred Polgar findet. Er ist starker Raucher und bekennender Neurastheniker, der seine Idiosynkrasien in den Nervenläufen der Großstadt zelebriert. Kuh trägt Monokel und englisches Tuch, das er sich vom Nobelschneider Kniže maßschneidern lässt, obwohl er ständig pleite ist oder "Besitzloser aus Überzeugung", wie er seine kargen Verhältnisse nennt. Gleichwohl entwickelt er jedoch die hohe Meisterschaft eines "Schnorrens mit Stil". Er hegt und pflegt seine Abneigungen, namentlich jene gegen die "Feschität", die sich mal als Offiziersschneid, dann wiederum als fideles Operettengedüdel offenbart. Dem passionierten Nachtschwärmer ist der Morgen "kein Anfang sondern ein Ausklang"; Begriffe wie décadence, Eros, Geliebte, Aroma, Freude und Anarchismus schwingen im Hintergrund leise mit. Gern stellt der Schriftsteller, der seinen Namen hasst, sich mit den Worten vor: "Kuh – alle Witze schon gemacht." Um dann doch noch zu erzählen, wie ihn ein Kollege einmal tiefsinnig beiseitegenommen habe: "Kuh, warum machst du nicht Muh?"

So viel zur Person Anton Kuh. Worin aber besteht nun seine Bedeutung, seine Wirkmacht, seine unverwechselbare künstlerische Eigenart? Obwohl die von Walter Schübler herausgegebene Gesamtausgabe immerhin sieben Bände und 4.235 Seiten umfasst, so entsteht doch der Eindruck, dass das Geschriebene nur eine Facette des Gesamtkunstwerkes Kuh ausmacht. Zwar nahm er, der sich als "physiologisch linksstehender Mensch" beschrieb, mit Verve an den Debatten seiner Zeit teil, schrieb in Wiener, Prager und Berliner Blättern über Sex und Politik, legte sich mit den Nazis an und umkreiste in seinem Denken und Schreiben mit talmudischer Subtilität die mannigfaltigen Problematiken einer jüdischen Existenz. Der Kern seiner Tätigkeit jedoch war flüchtig und immateriell. Denn zum Publikumsmagneten, ja zu einem Popstar seiner Zeit wurde Anton Kuh in seiner Rolle als Redner, der ohne Manuskript sprach und zu einem erheblichen Teil den Eingebungen des Augenblicks vertraute. Anlässlich eines Vortrages über Die Erotik des Bürgers in der Prager Urania im Jahr 1921 mäkelte ein Rezensent im Prager Tagblatt: "Man kann im Wege der Improvisation nicht den Zarathustra oder die Kritik der reinen Vernunft hervorbringen." Mit diesem Verdikt sollten die Grenzen des "Sprechstellers", wie Kurt Tucholsky das Lästermaul nannte, aufgezeigt werden. Dass der Autor der Kritik Anton Kuh selbst war, dass es sich somit nicht um eine Polemik, sondern um eine Selbstbeschreibung handelt, ist nur eine jener Überpointen, mit denen der geniale Aphoristiker zeit seines Lebens brillierte.