"Archäologe meldet spektakulären Fund in Israel", verkündete ein katholisches Nachrichtenportal im Sommer dieses Jahres. Der israelische Archäologe Mordechai Aviam hatte am See Genezareth einen Basaltblock gefunden, bei dem es sich seiner Einschätzung nach um einen Reliquienschrein der Apostel Petrus, Andreas und Philippus handeln könnte. Es ist nicht der erste aufsehenerregende Fund aus frühchristlicher Zeit, den der Archäologe vermeldet: Im vergangenen Jahr hatte Aviam die Grabungsstätte Al-Araj nahe des Sees Genezareth als Standort Bethsaidas identifiziert, jener Stadt, die im Johannesevangelium als Geburtsort derselben drei Apostel genannt wird.

Es war eine von vielen Schlagzeilen in jüngerer Zeit, die Funde aus den Lebzeiten Jesu verkündeten. Im Sommer vergangenen Jahres wurde gemeldet, eine Gruppe von Archäologen habe eine archäologische Stätte namens Khirbet Qana in Galiläa als jenen Ort identifiziert, an dem die Hochzeit von Kana stattfand, bei der Jesus Wasser in Wein verwandelt haben soll. Im Frühling 2017 hieß es, italienische Archäologen hätten herausgefunden, was beim letzten Abendmahl auf dem Tisch gestanden habe: neben Brot und Wasser auch Lammfleisch, Fischsuppe, Bohneneintopf und Datteln. Zudem hätten Jesus und seine Jünger nicht auf Stühlen, sondern Kissen oder Teppichen auf dem Boden gesessen. Anfang 2017 behauptete der britische Archäologe Ken Dark, das Haus in Nazareth gefunden zu haben, in dem Jesus seine Kindheit verbrachte. Zuvor hatten Archäologen im einstigen Magdala in Galiläa Überreste einer Synagoge aus dem ersten Jahrhundert gefunden, in der, so behauptete der leitende Archäologe des Projekts, höchstwahrscheinlich Jesus gelehrt habe.

Was steckt hinter all den spektakulären Funden? Auf den zweiten Blick oft weit weniger, als die Schlagzeilen vermuten lassen. Das zeigt das Beispiel Bethsaida, jener Stadt, in der Jesus 5.000 Menschen mit fünf Broten gesättigt haben soll. Tatsächlich ist die Stadt bereits zweimal "entdeckt" worden: Jahrzehntelang hielten viele Archäologen eine zwei Kilometer weiter nördlich gelegene Grabungsstätte namens Et-Tell für den Standort Bethsaidas. Auch für Kana gab es schon vor der jüngsten Verortung mehrere konkurrierende Kandidaten: Traditionell gilt das Dorf Kafr Kanna nordöstlich von Nazareth als jene Stelle, an der Jesus Wasser in Wein verwandelte, bis heute zieht es christliche Pilger an. Viele libanesische Christen wiederum sind überzeugt, dass die Hochzeit von Kana in einem gleichnamigen Dorf im Süden des heutigen Libanons stattfand.

Als gesichert gelten nur wenige Standorte biblischer Städte wie Nazareth, Tiberias, Kafarnaum. Ansonsten: Schätzungen, Vermutungen, Kontroversen, wohin man blickt – was, so könnte man denken, zu Bescheidenheit einladen sollte. Doch die Lust, spektakuläre Funde zu vermelden, scheint die wissenschaftlich gebotene Vorsicht zu übertrumpfen. Zwei zutiefst menschliche Bedürfnisse stehen dahinter, die auch biblischen Geschichten nicht fremd sind: der Wunsch nach Anerkennung – und Geld.

Zum einen ziehen christliche Stätten Touristen an, und die lassen sich das Gefühl, auf den Spuren Jesu zu wandeln, gern etwas kosten. 3,6 Millionen Besucher kamen 2017 nach Israel, ein Rekord in der Geschichte des Landes. In diesem Jahr könnte die Zahl nach Angaben des Tourismusministeriums noch getoppt werden. Über die Hälfte der Touristen sind Christen. Jerusalem, Tiberias und der See Genezareth zählen zu den beliebtesten Zielen. Viele Reiseveranstalter bieten Touren auf den Spuren Jesu an, Tausende Touristen wandern jedes Jahr den "Jesus Trail", einen 65 Kilometer langen Wanderweg von Nazareth bis zum See Genezareth. Im Terra-Sancta-Museum in Jerusalems Altstadt, gegründet von Franziskanermönchen, wurde kürzlich ein neuer archäologischer Flügel mit Funden aus frühchristlichen Zeiten eröffnet. Er verspricht Besuchern eine "Zeitreise in Jesu irdisches Leben". In Kfar Kanna steht an jener Stelle, an der Jesus angeblich sein Wunder vollbrachte, eine im 19. Jahrhundert erbaute "Hochzeitskirche". In der können Besucher ihr Eheversprechen erneuern. Und Fachleute schätzen, dass Israel sein Potenzial für christlichen Tourismus noch längst nicht ausgeschöpft hat.

Doch der Eifer, mit dem vermeintliche Sensationsfunde aus den Lebzeiten Jesu präsentiert werden, findet sich nicht nur unter israelischen Reiseveranstaltern. Auch Archäologen und Journalisten stimmen gern ein in die Begeisterungsrufe. Schließlich freut sich jeder Reporter über eine aufregende Schlagzeile. Und Archäologen konkurrieren miteinander um Anerkennung, wie die Kontroverse um Bethsaida zeigt. Der Archäologe Rami Arav von der University of Nebraska, der seit 30 Jahren in Et-Tell forscht, hält die Stätte weiterhin für den Standort des wahren Bethsaidas. Seiner Einschätzung nach sind die kürzlich in Al-Araj entdeckten Funde zu neu, als dass sie zu Lebzeiten Jesu hätten existieren können. Er vermutet hinter Al-Araj stattdessen ein römisches Heerlager. Die dort grabenden Archäologen, sagt er, "wollen das natürlich nicht zugeben, weil es eine weniger große Sache ist, ein Lager zu finden, als Bethsaida zu entdecken".

Die Aufmerksamkeit aus Fachwelt und Medien, die Entdeckungen aus neutestamentlichen Zeiten versprechen, mag die Tendenz erklären, dem einen oder anderen Fund das Jesus-Etikett etwas voreilig aufzukleben. Der deutsche Archäologe Dieter Vieweger, Direktor des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in Jerusalem und Amman, hat dies bei seinen eigenen Grabungen beobachtet. Bedeutende Funde ohne Bezug zu populären Geschichten würden oft nur Fachkollegen beachten. "Wenn aber etwas mit Jesus verbunden ist, wird es sofort zur Sensation." Zudem haben spektakuläre Entdeckungen einen zweiten erfreulichen Nebeneffekt: "Das bringt manchmal auch Drittmittel", sagt Vieweger lachend, "da kann mancher nicht widerstehen."