Welcher Jazz passt zu der pochierten Gillardeau-Auster an grünen Erbsen und geröstetem Zwiebelsaft? Arndt-Helge Grap sitzt im Gourmetrestaurant Haerlin und grübelt. Grap wurde am Sommelier-Hochtisch neben dem legendären Weinschrank platziert, die Sicht ist gut, auf all die Flaschen, die servilen Kellner, auf Gänge und Gäste, dieses Alsterhamburg, das sich im Haerlin wie in einer riesigen Vitrine ausstellt. Nicht dass Grap des exponierten Platzes bedurft hätte, um gut zu sehen, mit seinen zwei Metern überragt er die meisten Esser leicht. Er vermerkt für sich: hanseatischer Geldadel, arabische Touristen, Anzugchecker. In einer Ecke kosten ein paar Fernsehköche das Menü, an dem nichts auszusetzen ist. Zwei Michelin-Sterne, 19 Gault-Millau-Punkte, nein, das Dinner war noch nie ein Problem im Haerlin, diesem sehr teuren, sehr klassischen Restaurant des Hotels Vier Jahreszeiten. Aber die Musik, die könnte eins sein. Deshalb ist Grap hier. Das Haerlin benötigt neue Musik, er soll liefern.

Es wird ein langer Abend. Einer, bei dem man, sähe man in Graps Kopf, eines Schnellfilms ansichtig würde. Grap redet mit Tempo, es muss angenommen werden, dass er noch schneller denkt: ... kein Rap ... kein Rock ... keine Klassik ... Jazz ja, nur nicht zu alt ... und nichts Symphonisches ... Charts nein ... Die Entscheidung für eine Musik beginnt bei Grap immer mit der Entscheidung gegen andere Musiken, es ist eine große Aussortiermaschine, die sofort anspringt.

Zaz – J’aime à nouveau, Berry – Plus loin, Benjamin Biolay – Les joggers sur la plage, Rose – La liste, Henri Salvador – Petit fleur, Pink Martini – Dansez-vous, Carla Bruni – Tu es ma came, Coralie Clement – L’ombre et la lumière
Playlist im Carls an der Elbphilharmonie

Wann und wo haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser, zuletzt eine Jeans gekauft? Waren Sie im Carls lunchen? Waren Sie dann bei Fitness First, Kohlenhydrate wegjoggen? Danach womöglich bei Staples, eine Mappe kaufen, die Sie benötigen, wenn Sie vom Hamburger Flughafen zum Termin fliegen? Nun, wenn Sie an einem der Orte waren, werden Sie Graps Musikprogramme gehört haben. Man kann einen ganzen Tag durch die Stadt laufen und überall von der kuratierten Musik Graps beschallt werden. Andersherum ist es schwierig: durch Hamburg zu gehen und Graps Musik nicht zu hören.

Der Mann ist kein gewöhnlicher DJ, er ist der Gottvater des Corporate Sound, auch akustische Markenführung, Sonifikation oder Soundscape genannt. Auf dem Feld war Arndt-Helge Grap nicht nur einer der Ersten, sondern gilt als einer der Besten. Sagen seine Kunden. Graps Firma Radiopark ist in mehr als 40 Ländern aktiv. Bespielt werden Hotels in Dubai und auf Mauritius, Filialen von Daimler und Joop!, Robinson-Clubs und Vodafone-Läden. In Berlin das Adlon, das Hyatt, das Ritz. In Hamburg die genannten und noch mehr, von Europa-Passage über Globetrotter bis zu Mälzers Bullerei.

Arndt-Helge Grap bietet mit seiner Firma Abomodelle an, Mindestlaufzeit: ein Jahr. Sie liefern unterschiedliche Playlists und aktualisieren sie auf Wunsch auch, passen sie an die Jahreszeit an. Pro Monat, die der Kunde die Musik nutzt, muss er zahlen. Grap ist, vielleicht muss man es so sagen, der berühmteste DJ, den keiner kennt. Wer ihn mehrfach trifft und begleitet, merkt bald, wie wenig eigenständig unser aller Konsumentscheidungen getroffen werden. Dabei ist das Wissen um die Wirkweisen von Musik nicht neu. 1956 beschrieb der amerikanische Philosoph Leonard B. Meyer in einem Buch, wie die Musik unsere Emotionen steuert, wie sie uns befriedigt durch ein Wechselspiel aus Spannungsaufbau und -auflösung. Spätere Studien wiesen nach, dass wir bereit sind, länger zu warten, wenn wir die Klänge, die dazu laufen, als angenehm empfinden. Corporate Sound steht in dieser Tradition. Grap kompiliert Musik, die letztlich dafür sorgen soll, dass Menschen, die ihr lauschen, länger bleiben und mehr kaufen. Theodor W. Adorno, Vater der Musik- und Konsumkritik, hätte eine zornige Freude gehabt an diesem Mann.

Diana Krall – Peel Me a Grape, Carmen Cuesta – Shape of My Heart, John Pizzarelli – These Foolish Things, Rebekka Bakken – Powder Room Collapse, Chet Baker – I Fall in Love Too Easily, Astrud Gilberto – Corcovado
Playlist im Park Hyatt Hotel in der Innenstadt

Ein paar Wochen nach dem Testessen, in den Büros von Radiopark, Große Bleichen, schon wieder fantastische Sicht. An den Wänden die Stones, Norah Jones, eine blecherne Bluesgitarre, die Grap kurz anspielt. Hier entstehen die Playlists, die sie in alle Welt schicken. Fünf Musikredakteure beschäftigt er, zwei davon fest. Die Stimmung: lässig und amerikanisch, was sich im Vokabular niederschlägt. In dieser Branche ist ein Ansatz immer ein approach, der Hingucker ein eye-catcher, die Nachfrage ein demand. Das kann man affektiert finden, es spiegelt letztlich nur die Welt, in der Grap unterwegs ist. Er sitzt am Konferenztisch und beschwärmt den Abend an der Alster: "Das Haerlin ist eine Institution, das ist speziell, und wir sind die Ersten, die da musikalisch reindürfen!" Einen Monat haben sie an der Playlist gebastelt und sie gestern installiert. "Ich darf nicht auf Club machen, das geht nicht", sagt Grap. Was geht: zu früher Stunde, die Ersten tröpfeln in den Saal, eine sanfte Stimme, damit du nicht einsam bist, selbst wenn es leer ist. Danach, zu Aperitifs, Wechsel ins Loungige. Grap dekliniert den Abend über alle Gänge durch. "Unser Programm ist gut, wenn es nicht auffällt. Wenn die Leute gehen und sagen, das war toll, ich weiß gar nicht genau, wieso. Muss am Essen gelegen haben. Wir wissen dann: Stimmt, lag am Essen. Lag aber auch an uns."