Sämtliche Brücken sind bewacht, Koffer werden geöffnet, Metalldetektoren eingesetzt. So ohne Weiteres kommt keiner auf die Grande Île, in das historische Zentrum von Straßburg, Autos sind sowieso verboten. Das Schmuckkästchen an der Ill ist jetzt wieder capitale de Noël, die Hauptstadt von Weihnachten, und in brechend vollen Brasserien blicken die Leute auf die Rauchschwaden, die über stumme Bildschirme mit Live-Reportagen aus der anderen Hauptstadt wabern – kein Anschlag diesmal, sondern Demos. In Paris bestimmen gelbe Westen das Bild, nicht rote Weihnachtsmützen. In Straßburg findet der Aufstand vorerst nur auf der Opernbühne statt. Barkouf, die schärfste musikalische Politsatire des 19. Jahrhunderts, ist 158 Jahre nach ihrer Uraufführung wieder in einer ziemlich angespannten Zeit gelandet.

Angespannt war die Lage nämlich auch, als 1860 in Paris ein Star der musikalischen Komik, Jacques Offenbach, den Sprung auf die große Bühne wagte, aus seinen Bouffes Parisiens in die Opéra Comique, eines der großen Pariser Häuser, und gemeinsam mit dem renommierten Librettisten Eugène Scribe einen durchgeknallten Dreiakter konzipierte. Barkouf, so heißt der Hund, den ein Willkürherrscher als Gouverneur einsetzen lässt. Damit sollen die aufsässigen Bewohner einer Stadt gedemütigt werden, die exotisch Lahore heißt, aber mit dem kaiserlich regierten Paris mehr Ähnlichkeiten hatte, als es den Zensoren passte. Sie diagnostizierten "die fortwährende Verspottung aller staatlichen Autorität in jeglicher Zeit, in jeglichem Land". Wegen allerbester Beziehungen kam es am 24. Dezember 1860 trotzdem zur Uraufführung.

Und wohl auch, weil Kaiser Napoleon III., innenpolitisch unter Druck, zu der Zeit erste Liberalisierungen zuließ. Dass diese opéra bouffe nach nur sieben Vorstellungen wieder vom Spielplan und in Offenbachs Manuskriptstapeln verschwand, lag weder an mangelndem Zuspruch noch am politischen Zündstoff. Eine bürgerliche Pressekampagne rückte die Musik in die Nähe einer Art Invasion aus Deutschland, denn inzwischen hatten in Paris auch die Proben zum Tannhäuser des umstrittenen Richard Wagner begonnen – seinerseits von Napoleon III. unterstützt. Ausgerechnet der Avantgardist Hector Berlioz warf Offenbach im Journal des Débats vor, "der Wind, der durch Deutschland weht", habe ihn zu stümperhaften Gewagtheiten veranlasst. Das will man natürlich hören – schließlich ist Offenbach einer der größten Erneuerer des Musiktheaters.

Doch der 41-Jährige hatte nach seiner Niederlage den Hund so gut begraben, dass nur ein Spurensucher wie Jean-Christophe Keck 150 Jahre später die Noten aufstöbern konnte, der Herausgeber der Offenbach-Edition bei Boosey & Hawkes. Und weil die kleineren Häuser der kleineren Städte oft die mutigeren sind, pilgerten nun Offenbachianer von nah und fern ins schmucke, leicht abgewetzte neoklassizistische Opernhaus von Straßburg, um ein unbekanntes Meisterwerk zu entdecken. Denn das ist Barkouf, vom ersten bis zum letzten Ton all dieser funkelnden, durchtriebenen Couplets, Duos, Ensembles, Chöre, die weitaus dichter aufeinander bezogen und subtiler komponiert sind als im zwei Jahre zuvor entstandenen Kassenschlager Orpheus in der Unterwelt. Und Offenbach nutzt die Farben des größeren Orchesters.

Hier ist es das Orchestre symphonique de Mulhouse – dem anderen Haus der Opéra national du Rhin –, das unter der Leitung von Jacques Lacombe mit Wärme spielt, aber manch schillernde Modulation so selbstverständlich mitnimmt, als wäre Wagners Tristan 1860 längst Teil des Kanons gewesen und nicht ein druckfrischer Insidertipp. Auch die feinen Brüche ließen sich schärfer herauspräparieren. Ein sanfter D-Dur-Akkord der Streicher in launig polterndem F-Dur ist eine von vielen kleinen Abgründigkeiten, die die surreale Ebene des Stücks ahnen lassen neben der politsatirischen, auf der niemand ungeschoren davonkommt – auch nicht der Gelegenheitsrevoluzzer, der im Esprit einer Champagner-Arie den Spaß am Verwüsten, am Splittern des Glases besingt.

Als sich herausstellt, dass die Apfelsinen, mit denen er begeistert Palastfenster kaputt geschmissen hat, Früchte vom Wagen seiner geliebten Marktfrau Balkis sind, sagt sie sarkastisch: "Da siehst du, was Revolutionen kosten!" Die Revolution gelingt dann zumindest halbwegs, weil Maïma, einstiges Frauchen und nun Dolmetscherin des neuen Gouverneurs, dessen Gebell im Sinne des Volkes übersetzt, die Steuern halbiert und einen jener Politiker gründlich reinlegt, die in jedem System ihr warmes Plätzchen suchen. Dieser Großwesir ist eine Traumrolle für jeden Tenorkomiker, Karikatur eines sexuell übergriffigen Machtlüstlings – und Rodolphe Briand ist als singender Louis de Funès der perfekte Widerpart zur glockenreinen Sopranistin Pauline Texier. Maïma, so, wie Offenbach für sie komponiert, liebt vor allem einen – den Hund.

Der Hund, im Libretto nie sichtbar, dient nur durch Zufall den "Guten", die ihrerseits ganz willkürlich vorgehen und dem eigentlichen Herrscher, dem Großmogul, kein Härchen krümmen: Er segnet die kleine Revolution am Ende ab und kann vermutlich gut damit leben, dass in der huldigenden Anrede "Stern der Sterne", "astre des astres", unweigerlich immer das "désastre" mitklingt. Für das in allen acht Rollen gut besetzte Ensemble hat Mariame Clément amüsante Slapsticks inszeniert, aber die Brisanz von Barkouf werden andere Regisseure entdecken können. Lustige Anspielungen auf Politiker von Napoleon III. bis Macron und ein Operettendiktator als Großmogul berühren nicht den Abgrund der Macht, über dem Offenbach seine oszillierenden Bögen spannt und Sprachpartikel zu mechanischem Geplapper erstarren lässt.

Tatsächlich ist diese Oper in ihrer paradoxen Mischung aus Pointe und Subtilität, aus Angst und Komik, einer schwärzeren, härteren Realisierung gewachsen, einer, die auch mitten in schwer bewachten Weihnachtsparadiesen unsere Ängste träfe und befreiend mit ihnen spielte, wie das nur Offenbach kann. Ein Regisseur wie Herbert Wernicke hätte aus einer winzigen Hundehütte vermutlich eine albtraumgroße Pranke hervorschießen lassen. Hier kommt aus einer mittelgroßen Hütte, verziert mit dem Schriftzug "Freiheit, Gleichheit, Trockenfutter", ein echtes Hündchen mit einem Krönchen herausgetapst. Total süß – aber das ist Barkouf so wenig wie die Welt, in der wir leben.

Hinweis der Redaktion: "Die Premiere von "Barkouf", die der Autor besuchte, fand am 7. Dezember statt - mehrere Tage vor dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Straßburg.