DIE ZEIT: Herr Zühlke, der Aktienkurs von Bayer ist eingebrochen, nun will der Konzern 12.000 Stellen abbauen. "Ihre Enttäuschung ist unsere Enttäuschung", hat Bayer-Chef Werner Baumann gesagt – allerdings zu Investoren, nicht gegenüber der Belegschaft. Setzt er die falschen Prioritäten?

Oliver Zühlke: Nein. Noch bevor Baumann mit den Investoren gesprochen hat, war er bei einer Belegschaftsversammlung mit 10.000 Mitarbeitern. Da hat er klargemacht, wie sehr er sich als Kind von Bayer sieht und dass der Stellenabbau notwendig ist, ihm aber keinesfalls leichtfällt.

ZEIT: Sie nehmen ihm die Betroffenheit ab?

© Bayer

Zühlke: Wir haben mit ihm und dem ganzen Vorstand jedenfalls hart darüber gestritten, wie Kostensenkungen erreicht werden können. Und wir haben erreicht, dass es bis Ende 2025 keine betriebsbedingten Kündigungen geben wird.

ZEIT: Ein bedeutender Anteil der 12.000 Stellen soll in Deutschland wegfallen. Wie viele genau?

Zühlke: Das ist noch unklar. Aber wir haben dem Vorstand ein Bekenntnis zu den deutschen Standorten abgerungen. Die Konzernzentrale sowie die Steuerung der Divisionen Pharma und Crop Science von Bayer werden in Deutschland bleiben. Auch konnten wir zum Beispiel vereinbaren, dass die Europazentrale des Digital-Farming-Geschäftes nach Deutschland kommt und die Biologietechnologie weiter in Deutschland gefördert wird.

ZEIT: Und doch soll jede zehnte Stelle wegfallen, einen Kündigungsverzicht gab es bis 2020 ohnehin schon. Haben Sie in Wahrheit sehr wenig erreicht?

Zühlke: Nein. Wir haben bis wenige Minuten vor der Unterzeichnung unserer gemeinsamen Erklärung mit dem Vorstand gekämpft, der erst mal gar keinen Kündigungsverzicht angeboten hatte. Wir haben erreicht, dass der nun länger läuft als die meisten Projekte bei Bayer, und das gilt sogar für den Bereich Animal Health, den der Konzern jetzt verkaufen will. Das gibt den Beschäftigten Sicherheit. Und es gibt ihnen eine Perspektive: Der Vorstand hat Investitionen von zwei Milliarden Euro zusätzlich in Deutschland zugesagt.

ZEIT: In Wuppertal wird eine neue Produktionsanlage für Medikamente ausgemustert, die 600 Millionen Euro gekostet hat, 350 Stellen fallen weg. Können Sie das nachvollziehen?

Zühlke: Wuppertal war als zusätzlicher Standort zu Berkeley geplant, wo wir schon länger dieselben Medikamente produzieren. Wir hatten eine Menge gute Argumente und haben intensiv darüber verhandelt, an dem Standort festzuhalten. Allerdings hat sich die Nachfrage schlechter entwickelt als gedacht, und das wird sich wohl auch nicht ändern. Aufgrund dieser Rahmenbedingungen hat der Vorstand eine Entscheidung getroffen. Jetzt ist wichtig, dass Bayer allen Betroffenen gute Angebote für Abfindungen, Jobwechsel im Konzern und Frühverrentungen macht. Wir fordern, dass Kollegen, die nun vorzeitig in den Ruhestand gehen, einen Ausgleich für Renteneinbußen bekommen.

ZEIT: In Wuppertal haben bereits Mitarbeiter gegen das Sparprogramm demonstriert ...

Zühlke: Sicher sind Kollegen geschockt und enttäuscht. Aber viele sagen: Jetzt krempeln wir die Ärmel hoch. Viele Kollegen bedanken sich auch bei uns, dass wir so eine langfristige Perspektive für sie erkämpft haben und dass wir nach der Übernahme des US-Konzerns Monsanto eben nicht eine amerikanische Kultur einführen.

ZEIT: Womit haben Sie Baumann in dem Kampf um Kündigungsschutz gedroht?

Zühlke: Wir haben natürlich einen Plan B aufgestellt, falls der Vorstand sich nicht auf unsere Forderungen einlässt. Der ist jetzt in der Schublade gelandet, und ich rede nicht drüber.

ZEIT: Stattdessen sind Sie jetzt in der paradoxen Situation, die Einigung mit Baumann loben zu müssen – obwohl Sie gleichzeitig die schmerzhaften und tiefen Einschnitte beklagt haben.

Zühlke: Ich muss nichts loben und niemanden verteidigen. Wie gut die Einigung ist, das müssen die Mitarbeiter bewerten, wenn demnächst deutlich wird, was für sie in dem Paket genau enthalten ist.

ZEIT: Die Aktionäre bewerten schon – und bleiben skeptisch. Die Aktie dümpelt weiter in ihrem Sechsjahrestief.

Zühlke: Mit den Aktionären ist es wie mit den Mitarbeitern: Sie brauchen eine langfristige Perspektive und werden erst mit der Zeit bewerten können, wie sich die Veränderungen im Portfolio auswirken.

ZEIT: Sie sprechen oft von Portfolio. Ist der Konzern nur noch eine Holding, die ein Portfolio managt, also je nach Lage Firmen kauft und abstößt?

Zühlke: Eine Holding war Bayer von 2003 bis 2017. Seitdem gehen wir genau den umgekehrten Weg: Das Pharma- und das Agrarchemiegeschäft waren eigenständige Töchter, nun sind Pharma und Crop Science wieder Divisionen des Konzerns.