Nirgends, in keiner anderen Sammlung von Weltrang, ist es so windstill wie hier. Die schönste Kunst, doch kaum jemand will sie sehen. Zig Jahrhunderte haben Vermeer, Rembrandt, Botticelli überdauert, und jetzt hängen sie da, verwaist und weltverloren. Hängen, als wären sie nicht aus-, sondern abgestellt, hier, in der Gemäldegalerie der Hauptstadt Berlin.

Ins Amsterdamer Reichsmuseum kommen alljährlich zwei Millionen Besucher. Fast drei Millionen sind es im Prado in Madrid, über fünf in der Nationalgalerie in Washington. Und in Berlin? Kaum mehr als 300.000 Menschen finden ihren Weg in die Gemäldegalerie, gleich hinterm Potsdamer Platz gelegen.

Auch die anderen staatlichen Museen, dirigiert von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zeigen zwar die erstaunlichsten Schätze, die Nofretete zum Beispiel, landen jedoch im internationalen Wettbewerb weit abgeschlagen im hinteren Mittelfeld. Alle Ausstellungshäuser der Stiftung zusammen – immerhin 19 Stück, breit über die Stadt verteilt – haben im Jahr nicht halb so viele Besucher wie der Louvre in Paris. Hier sind es 3,5 Millionen, dort über acht.

Woran das liegt? Am Geld wohl kaum. In Berlin wird teuer geplant, teuer saniert, teuer erweitert, keine andere Stadt ist so vernarrt in ihre Museen, zumindest was die Zahl der Baustellen anbelangt. In dieser Woche wird wieder einmal ein neues Gebäude gefeiert, glitzernd weiß erhebt es sich über der Spree, entworfen vom großen David Chipperfield. 140 Millionen Euro hat das neue Entree der Museumsinsel gekostet – das teuerste Eingangsgebäude der Welt. Für dieselbe Summe errichtet man andernorts, in Mannheim etwa, gleich zwei neue Museen.

Als die Idee für diese besonders erhabene Form einer Garderoben- und Toilettenunterkunft aufkam, vor über zehn Jahren, war man sicher, dass bald schon gewaltige Besucherströme die Staatlichen Sammlungen fluten würden. Diese Ströme wollte man kanalisieren, in unterirdische Promenaden umleiten, wo der Massentourismus an den wichtigsten Exponaten vorbeigeschleust werden sollte. Nun sind die Berliner Touristenzahlen tatsächlich angeschwollen, seit 2010 um 40 Prozent. Jedoch konnten die Museen davon nicht nur nicht profitieren, sie erlebten im Gegenteil eine dramatische Erosion: Noch vor sieben Jahren hatten sie ein Drittel mehr Besucher als heute.

Hat sich das Publikum womöglich sattgesehen an Nofretete, Beuys, Picasso und all den anderen Schätzen der Stiftung mit ihren 5,3 Millionen Kunstobjekten? Oder liegt es daran, dass sich im Baustellenwirrwarr niemand zurechtfindet? Immer ist irgendein Haus wegen Sanierung geschlossen, und das schreckt manche Leute ab.

Der tiefere Grund der Misere ist aber ein anderer. Nicht vorübergehende Schließungen, sondern übermäßige Eröffnungen sind das Problem. Seit Jahren hat die Stiftung neue Sammlungen eingemeindet und weitere Quartiere ausgebaut. Dass sie trotz des ewigen Wachstums schrumpft, lässt vor allem einen Schluss zu: Die Expansion wird ihr zum Verhängnis.

Wo immer es zwickt und zwackt, beschließt die Stiftung, ihr Heil im nächsten Bauprojekt zu suchen. Kaum war der Hamburger Bahnhof zu einem Museum für Gegenwartskunst hergerichtet worden, musste rückwärtig für den Sammler Flick ein weiterer, heute meist menschenleerer Flügel angeschlossen werden. Kaum hatte man dem Sammler Berggruen ein eigenes Haus in Charlottenburg gewidmet, sollte ein weiterer Trakt dazukommen, der für viel Ärger, hohe Kosten, aber keineswegs für mehr Besucher sorgte. Ähnliches nun wieder: Entstehen soll, angestoßen durch den Sammler Pietzsch, ein mächtiger Zusatzbau für die Neue Nationalgalerie, die gerade durchsaniert wird, für schlappe 110 Millionen Euro. Mehr als doppelt so viel – es kursiert sogar die Summe von 400 Millionen! – will man für den Neubau ausgeben, und wieder scheinen alle fest davon überzeugt, so die Berliner Museumsmisere mit einem Schlag beenden zu können. Mehr Platz für die Kunst! Höhere Besucherzahlen! Und endlich Schönheit für das Kulturforum, das mit seiner steppenähnlichen Tristesse nicht unbedingt dazu beiträgt, die Massen in die benachbarte Gemäldegalerie zu ziehen.

Doch wie bei fast allen Plänen der Stiftung: Die Euphorie ist verpufft, noch ehe sie aufkommt. Der Entwurf für den Neubau, den alle nur noch "Scheune" nennen, ist von der Kritik einhellig verrissen, ja vernichtet worden, auch die Architektenschaft ist entsetzt über die ungeschlachte Einfallslosigkeit. Das schert die Stiftung wenig. Sie hat die Pläne zwar leicht nachbessern lassen, die vielen triftigen Einwände schlägt sie zugleich nonchalant in den Wind. Schließlich hat der Bund das Geld bewilligt, jetzt muss es ausgegeben werden, egal, was da kommt und ob irgendwer das Ding wirklich braucht.

Natürlich brauchen wir’s, sagen die Kuratoren. Doch das Publikum? Längst weiß man, dass viele Besucher nichts mehr fürchten als die Grabesstille einer ständigen Sammlung, in der alles auf immer bleibt, wie es war. Genau das aber soll der Neubau bieten: das 20. Jahrhundert, auf ewig gestellt, in möglichst labyrinthischer Fülle.