Wenn man eine brennende Kerze unter ein Marmeladenglas stellt, geht sie aus. Das kennt jeder und den Grund auch: Die Flamme verzehrt den Sauerstoff und erstickt. Auch im Labor der Firma Wagner in Langenhagen bei Hannover erlöschen Flammen aus Atemnot. Zum Beispiel die eines in den Raum gehaltenen Feuerzeugs. Jedoch muss sie den Luftsauerstoff nicht erst verbrauchen. Es ist hier ohnehin viel weniger davon drin: nur 15 Prozent statt knapp 21, wie es 55 Meter über dem Meeresspiegel (so hoch liegt Langenhagen) normal wäre. Hier im Labor herrschen damit Bedingungen, wie man sie aus dem Gebirge kennt, aus etwa 3.000 Meter Höhe. Dem Menschen macht das nichts aus, zumindest kurzfristig nicht, der Feuerzeugflamme schon: Sie erstirbt.

Die Firma Wagner ist darauf spezialisiert, Räume mit dünner Luft zu füllen. Dafür ersetzt sie einen Teil des Sauerstoffs durch Stickstoff, "sauerstoffreduzierte Atmosphäre" nennt sich das. Es ist eine Brandschutztechnik, die vor Bränden schützt, indem sie erst gar keine entstehen lässt – ersticken statt löschen. Vor gut einem Jahrzehnt entwickelt, ist die Idee heute die Grundlage eines weltweiten Geschäfts. Spezialisten wie Wagner konkurrieren mit Industriegasherstellern wie dem Unternehmen Messer aus Bad Soden oder der Südtiroler Firma Isolcell, die ihr Wissen aus der Begasung von Äpfeln und Birnen zwecks Konservierung nun auch zur Brandbekämpfung nutzt. Sie alle wollen Geld damit verdienen, dass sie an der Zusammensetzung des Alltäglichsten überhaupt herumdrehen, der Atemluft nämlich. Herumdrehen? Im Fachjargon heißt es natürlich anders, nämlich "kontrollierte Atmosphäre".

Besser noch als eine prompt eingreifende Feuerwehr oder eine sofort anspringende Sprinkleranlage ist es allemal, wenn erst gar kein Brand entsteht. Denn selbst wenn ein Feuer schnell gelöscht wird, kann das Löschwasser als Nebenwirkungen des Einsatzes komplette Haushalte und ganze Warenbestände vernichten. Oder gar Kulturgüter: Als im Jahr 2004 in Weimar die Herzogin Anna Amalia Bibliothek brannte, wurden Bücher, Drucke und Gemälde von unschätzbarem Wert zerstört. Und zwar nicht nur durch die Flammen, sondern auch durch Löschwasser. Als Auslöser des Brandes gilt ein defektes Elektrokabel, das einen Schmorbrand ausgelöst hat.

Wie wäre es, wenn eine überlastete Leitung oder ein Trafo schmoren könnte, ein Motor heiß laufen oder ein Kurzschluss einen heißen Lichtbogen spannen könnte, ohne dass Papier, Holz oder Kunststoffe in der Nähe zu brennen anfingen? Niklas Möller, bei Wagner in Langenhagen für Qualität und Applikationsmanagement zuständig, setzt im Labor einen ummantelten Draht mächtig unter Strom. Das Metall wird glühend heiß. Ein hochsensibler Detektor registriert erste Rauchpartikel, ein rotes Lämpchen leuchtet auf. Zu sehen ist ansonsten nichts. Kein Rauch, keine Flamme. Einzig die Nase, dieser Spezialist für feinst verteilte Aerosole und Partikel, meldet eine Wahrnehmung. Der Elektriker würde sagen: "Hier riecht es nach Ampere."

Im echten Leben, zum Beispiel in der EDV-Zentrale, würde nach der Meldung des Rauchdetektors ein Techniker kommen und den Fehler beheben. Bis zu einem Sauerstoffgehalt von 13 Prozent (eine solche Atmosphäre braucht ein sicher geschütztes Papierlager) fühlt sich das für den Techniker an wie ein Aufenthalt in 3.800 Meter Höhe, das hält er gut auch auf Dauer aus. Darunter – 11 Prozent Luftsauerstoffanteil ist zum Schutz brennbarer Flüssigkeiten nötig – empfiehlt sich eine Schutzmaske. Darüber, bis 17 Prozent, muss sich der Mitarbeiter nur regelmäßig einem Arzt vorstellen.

Gewöhnlich muss, sobald es einen Feueralarm zu klären gibt, im gesamten betroffenen Bereich der Strom abgeschaltet werden, um ein gefahrloses Arbeiten zu ermöglichen. Erst wenn dort gelöscht, aufgeräumt und instandgesetzt wurde, geht es weiter. Was so ein Betriebsausfall etwa für eine Datenzentrale heißt, kann man sich ausmalen. Der Schaden bleibt dann nicht auf eine Firma begrenzt, ist die Wirtschaft doch von ausfallsicheren Netzen abhängig und verlassen sich ganze Industriebranchen heute darauf, dass es auch sonst praktisch nie zu Betriebsausfällen kommt. Geschieht dies doch, sind leicht Millionenschäden bei Kunden und Zulieferern zu verzeichnen. Dann geht es nicht nur um eine Halle samt Inhalt, sondern womöglich um das ganze Geschäft. Typische Objekte, die Wagner sichert, sind automatische Hochregal- oder Tiefkühllager (bei denen überdies eine Löschung mit Wasser besonders schwierig wäre).