Wenn die Deutschen jemanden gut finden wollen, können sie ziemlich unbeirrbar sein. Annegret Kramp-Karrenbauer, die neue Vorsitzende der CDU, scheint so ein Fall zu sein. Schon während des parteiinternen Wahlkampfs lag die 56-Jährige in Umfragen konstant vor ihren Mitbewerbern, mochten die Harte-Kante-Anhänger noch so mäkeln. In der ersten bundesweiten Wahlumfrage legt die CDU/CSU nach der Kür Kramp-Karrenbauers nun erstmals seit Langem wieder zu, um drei Prozentpunkte. Und Annegret Kramp-Karrenbauer ist selbstbewusst genug, diese Prozentpunkte auf ihrer Habenseite zu notieren.

Auf der anderen Seite stehen rund 30 bis 40 Parteiaustritte in Baden-Württemberg und ein miserables Ergebnis (62,8 Prozent) für ihren Generalsekretär Paul Ziemiak, den viele für einen "Verräter" halten. Gerüchte über Dolchstöße und neue Parteigründungen machen die Runde.

Der Riss durch die Partei, den Kramp-Karrenbauer und Merkel so gern vermeiden wollen, ist da. Er geht durch Ost und West, Nord und Süd, Männer und Frauen, kreuz und quer. Kramp-Karrenbauer alias AKK muss nun alles dafür tun, damit aus diesem Riss kein Spalt wird. Sie muss versöhnlicher sein als die Unversöhnlichen, weiter denken als die Wut reicht. Sie muss so klug sein wie ihre Vorgängerin Angela Merkel, mit der sie ein einzigartiges Verhältnis verbindet. Eine schwebende Übereinkunft, die auch davon lebt, dass beide einander grundsätzlich erst mal das beste anzunehmende Motiv unterstellen, anstatt das böseste. Dass Merkel AKK in der Wahlnacht von Hessen noch einmal ausdrücklich ermuntert hatte, öffentlich zu sagen, die Kanzlerin bleibe Parteichefin, hat das Verhältnis durchaus strapaziert. Aber das Band ist nicht gerissen. Nun macht sich die ungewöhnlichste Seilschaft der Politik daran, die nächste Stufe zu erklimmen: AKK muss die CDU erneuern, während die Alte, Merkel, noch da ist. Merkel weiß das, und AKK weiß es auch. Und beide wissen, dass etwas zu wissen und etwas dann auch auszuhalten, zweierlei sind.

In keinem CDU-Landesverband war so heftig und siegesgewiss für Friedrich Merz getrommelt worden wie in Baden-Württemberg. Nicht nur von ganz oben – von Günther Oettinger, Thomas Strobl und schließlich auch ganz offen Wolfgang Schäuble, der mit Merz persönlich befreundet ist. Auch auf Graswurzelebene hatten sich Bürgermeister um den Ravensburger CDU-Politiker Christian Natterer zusammengerauft, um Schluss zu machen mit der Ära Merkel, mit der Macht der Frauen-Union, deren Vorsitzende ebenfalls aus Baden-Württemberg kommt; mit der beklagten "Sozialdemokratisierung" ihrer Partei.

Der Sieg schien in greifbarer Nähe, sagt Natterer. Man hatte zwar immer von einem knappen Ausgang gesprochen - aber dabei mehr so an 60:40 für Merz gedacht. Dass er es nicht wurde, schiebt man Merzens angeblich verunglückter Rede beim Parteitag in Hamburg zu. Das Momentum will man aber nicht so einfach preisgeben. "Die Stimmung bei denen ist grad so, als hätten sie gewonnen!", heißt es grimmig aus der Frauen-Union. Im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin, das während des Wahlkampfs zur neutralen Zone erklärt worden war, ist derweil die Erleichterung spürbar, dass die alte Generalsekretärin zur neuen Vorsitzenden gewählt worden ist. Wenn das Lager der Merz-Anhänger darauf beharrt, man müsse bevorzugt behandelt werden, gerade weil man verloren habe, sorgt das hier für eine Mischung aus Belustigung und Ärger. Man hätte sich mal das Echo vorstellen sollen, heißt es, hätte ein Vorsitzender Friedrich Merz die Chefin der Frauen-Union oder die saarländische AKK-Freundin Nadine Schön zu seiner Generalsekretärin gemacht – da wäre dann von genialer Strategie die Rede gewesen.

Die baden-württembergischen OBs sind jedoch alles andere als kleinlaut. Sie fordern, dass Friedrich Merz noch bis Ende des Jahres ins Bundeskabinett berufen wird – und zwar auf den Posten des Wirtschaftsministers. Angela Merkel müsste also ihren Getreuen Peter Altmaier opfern, um Platz für den unterlegenen Friedrich Merz zu machen. Der baden-württembergische Bundestagsabgeordnete Christian von Stetten klingt ein wenig drohend, wenn er sagt: "Wir werden diese Woche nutzen, um deutlich zu machen, dass die CDU und auch die Bundesrepublik Deutschland auf eine Person wie Friedrich Merz nicht verzichten kann." AKK will mit Merz reden, ihm auch eine Beteiligung an der nun kommenden Parteiarbeit anbieten. Doch die hätte Merz ja haben können. Hätte er als stellvertretender Parteivorsitzender kandidiert – ein Bombenergebnis wäre ihm sicher gewesen. Eine verbindliche Einbindung schlug er allerdings aus, und wer ihn kennt, kann sich kaum vorstellen, dass er gern Minister unter Merkel wäre. Die müsste ihn allerdings erst mal einstellen. Sagen tut sie nichts zu der Frage, aber der Gesichtsausdruck ist auch in diesem Fall Antwort genug: Wohl eher nicht.