DIE ZEIT: Herr Cohn-Bendit, wie ist es Präsident Macron in den letzten Wochen ergangen?

Daniel Cohn-Bendit: Er ist persönlich schon sehr erschüttert von den Ereignissen.

ZEIT: Warum hat Emmanuel Macron so spät auf die Proteste der sogenannten Gelbwesten reagiert?

Cohn-Bendit: Natürlich macht eine Regierung in so einer Situation Fehler, kein Dialog, Schweigen, dann doch Rückzug, sie haben im Nebel gestochert. Eine Sache bleibt für mich ein Rätsel: Es gibt ein Manuskript von einer Rede, die Macron am 27. November gehalten hat, also nur zehn Tage nach der ersten Demonstration. Darin steht, dass die Ökosteuer ausgesetzt werden soll. Es steht im Manuskript, aber Macron sagt es nicht. Ich weiß nicht, warum. Ich kann nur sagen, dass Édouard Philippe, Macrons Premierminister, als Konservativer strikt gegen Neuverschuldung ist. Und Philippe ist auch derjenige, der glaubt, dass Durchstehen und Aushalten das Wichtigste in der Politik ist.

ZEIT: Inzwischen wurde die Steuer ausgesetzt. Aus seiner Sicht ist Macron am Montag einen weiteren großen Schritt auf die Warnwestenbewegung zugegangen, indem er den Mindestlohn um 100 Euro monatlich aufstockt, es gibt Entlastungen für Rentner, die weniger als 2000 Euro im Monat haben.

Cohn-Bendit: Ich würde sagen, er hat die Blutung gestillt. Ich finde, er hat es ganz gut hinbekommen. Von ihm wurde ja die Quadratur des Kreises erwartet, sich entschuldigen, glaubwürdig sein, konkrete Maßnahmen mit sofortiger Wirkung finden, die Gemüter beruhigen, um nur ein paar der Erwartungen zu nennen.

ZEIT: Die "Reichensteuer", die Macron bei Amtsantritt abgeschafft hat, will er aber nicht wieder einführen. Warum eigentlich nicht? Zehn Milliarden Euro wären gewonnen, sagt zumindest der Ökonom Thomas Piketty. Das entspricht ungefähr der Summe, die Macron für die Sofortmaßnahmen braucht.

Cohn-Bendit: Das stimmt nicht, zwei bis drei Milliarden Euro bringt die Reichensteuer höchstens. Aber Macron kann einige der Steuererleichterungen für Unternehmen zurücknehmen. Ich gehöre zu den Leuten, die ihm dazu raten.

ZEIT: Nachgeben, Geld verteilen, Schulden machen – eigentlich wollte Macron genau das unbedingt vermeiden. Auch weil es dem Reiz-Reaktions-Schema entspricht, das bislang jeden Präsidenten gelähmt hat. Chirac, der alle seine Vorhaben nach dem Generalstreik 1995 aufgab, Hollande, der seine Arbeitsmarktreformen aussetzte – wie geht es jetzt politisch weiter für Macron?

Cohn-Bendit: Er wird sich ändern müssen, politisch und persönlich. Er muss an sich arbeiten. Er hat Leute verletzt mit seinem Auftreten. Aber er hat die intellektuelle Fähigkeit dazu, sich zu korrigieren. Die große Frage ist, ob er es organisatorisch hinbekommt.

ZEIT: Die Proteste werden am Wochenende wahrscheinlich trotz der Zugeständnisse weitergehen. Sie wurden zum Teil von heftiger Gewalt begleitet, vier Menschen sind gestorben, es gab zahlreiche Verletzte, auch Polizisten. Warum haben die Gelbwesten, die Gilets Jaunes, trotzdem die Sympathien so vieler Franzosen?

Cohn-Bendit: Das ist so ein Franzosending. Es wird hierarchisch von oben nach unten regiert, und manchmal kippt es. Dann sagen die Leute alles, was sie schon immer mal sagen wollten. Der Alltag hier ist ja manchmal zum Wahnsinnigwerden: Man wartet ewig auf einen Termin beim Arzt, von den Behörden wird man von einer Stelle zur anderen geschickt. Aber die soziale Spaltung ist real. Als damals im Mai 1968 über Lohnunterschiede gesprochen wurde, haben die Gewerkschaften gefordert: Der höchste Lohn soll nicht mehr als fünfmal so hoch sein wie der niedrigste. Da haben die Arbeitgeber gesagt: Das ist unmöglich, achtmal so viel muss es schon sein. Heute sind wir in Einzelfällen bei 700-mal so viel. Zwei Tage nach der ersten Demo der Gilets Jaunes wurde in Tokio der Renault-Chef Carlos Ghosn festgenommen. Jetzt mal abgesehen davon, dass er mutmaßlich Steuern hinterzogen hat: Er verdient über zehn Millionen Euro im Jahr. Er verdient an einem Tag, was ein Arbeiter im Jahr verdient. Als junger Mann habe ich gesagt, alle sollen gleich viel bekommen, das sage ich nicht mehr. Aber ist doch klar, dass das für viele unerträglich ist. Und das ist nicht Neid. Die Leute sind traurig: Warum bin ich falsch geboren? Dann sagt man, ja, die Chefs tragen mehr Verantwortung, sie leisten mehr. Aber eine Krankenschwester entgegnet: Und ich? Ich bewahre die Menschen vor dem Tod. Die Wut über eine nicht mehr zu rechtfertigende Ungleichheit kommt in solchen Situationen hoch.

ZEIT: Wäre so ein Gewaltausbruch auch bei uns in Deutschland denkbar?

Cohn-Bendit: Nee. In Deutschland gibt es andere Möglichkeiten. Ich finde es immer interessant zu sehen, wie in den beiden Ländern Tariflöhne zustande kommen. In Deutschland treffen sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber in einer paritätischen Zusammensetzung, dann wird verhandelt, am Ende sind beide zufrieden. In Frankreich sagen die Arbeitgeber, wir haben sowieso recht, und die Gewerkschaften stellen jedes Mal die Systemfrage. So kann keine soziale Partnerschaft entstehen.

ZEIT: Beide Modelle – Kompromiss in Deutschland und Konfrontation in Frankreich – führen nicht zu mehr Gleichheit.

Cohn-Bendit: Das stimmt. Es ist die große offene Frage unserer Zeit. Einen wichtigen Unterschied gibt es noch zwischen beiden Ländern: In Frankreich liegt die Arbeitslosigkeit bei neun Prozent, in Deutschland bei drei Prozent. In Frankreich kennt jeder jemanden, der in Schwierigkeiten steckt. In Deutschland sagen 70 bis 80 Prozent, sie seien zufrieden, in Frankreich sind es 23 Prozent.

ZEIT: So ein großer Unterschied lässt sich nur mit den Arbeitslosenquoten erklären?

Cohn-Bendit: Ich denke manchmal, Deutschland funktioniert besser, das Land strahlt mehr Ruhe aus. Und noch etwas: Das deutsche Verhältniswahlrecht schafft Verbindungen, das französische Mehrheitswahlrecht spaltet. Macron wurde im ersten Wahlgang mit ungefähr 24 Prozent der Stimmen gewählt. Das heißt, nur ein Viertel der Franzosen sind wirklich für ihn, noch weniger, wenn man die Nichtwähler mitzählt. Aber die Stimmen, die nicht für Macron waren, sind verloren. Diese Leute finden sich nirgendwo wieder im politischen Prozess, als hätten sie gar nicht an den Wahlen teilgenommen. Es gibt keinen Zwang zum Kompromiss, deshalb auch keine Kompromisskultur. Die Lager begegnen sich mit unglaublicher Aggression. Vom ersten Tag im Amt hatte Macron drei Viertel der Franzosen gegen sich. Die Franzosen haben Chirac, Sarkozy, Hollande nicht gemocht, aber die Abneigung gegenüber Macron übersteigt das, was man bisher gekannt hat. Und auch ihren nächsten Präsidenten, der nur ein Viertel der Wähler hinter sich hat, werden sie wieder ablehnen.