Wenn wahre Lehrer ihren Schülern Wichtiges vermitteln wollen, greifen sie zum Roman. Anfang der Achtzigerjahre, als wieder Gerüchte über den Aufenthaltsort von Josef Mengele Schlagzeilen machten, las unser Deutschlehrer mit uns Der Verdacht. Friedrich Dürrenmatt erzählt darin die Geschichte eines alternden Ermittlers, der zufällig einen sadistischen KZ-Arzt enttarnt. Kommissär Bärlach lässt sich in die Privatklinik einweisen, die der Verbrecher inzwischen leitet, aber der Versuch, den Täter zu überführen, wird lebensgefährlich. Der Arzt operiert nämlich immer noch gern Menschen ohne Narkose tot. Doch wer die Gerechtigkeit will, das war die Lektion, der wagt alles.

Auch Olivier Guez hat in seinem Roman Das Verschwinden des Josef Mengele ein Anliegen, das so dringlich ist, dass ihm sofort der Kardinalfehler eines Autors unterläuft: Er schreibt nicht nur einen Roman über das Nachkriegsleben von Josef Mengele, sondern liefert die Erklärung gleich dazu. Am Ende muss es sogar noch die ausdrückliche Moral von der Geschicht sein: "Nehmen wir uns in Acht, der Mensch ist ein formbares Geschöpf, nehmen wir uns vor den Menschen in Acht." Als wenn daran jemand zweifeln könnte.

Josef Mengele gilt als filmreifer Bösewicht: pomadetollenschön, wie es der Arztroman vorschreibt, dabei abgrundtief verkommen nach dem Geschmack de Sades, ein skrupelloser Karrierist mit einem Straftatenkonto der Superlative. Der 1911 geborene Bürgersohn ist gebildet und pfeift italienische Opern, wenn er in makelloser Uniformierung die Menschen an der Rampe in Auschwitz in den schnellen oder den langsamen Tod winkt. Quälende Menschen-Experimente sind seine größte Begabung, und er weiß lebende Menschen danach zu mustern, ob sie als anatomische Präparate für Kollegen taugen. Guez spart nicht an Details und führt auch Mengeles Kinderaugensammlung gleich zweimal an, als wenn es nicht schon beim ersten Mal unerträglich wäre. Wer schon immer wissen wollte, wie sich ein sauberes Skelett herstellen lässt, findet in Das Verschwinden des Josef Mengele die Anleitung.

Aber das sind nur die üblichen Ingredienzen aller Horrorschocker im Nazi-Verwertungsgeschäft. Wenige Täter wurden so massiv vermarktet wie Mengele. Nach der Identifizierung seiner Leiche 1985 kamen auch seine Aufzeichnungen ans Licht. Wenn Hubert Burda tatsächlich – wie die Journalistin Gisela Freisinger herausgefunden hat – eine Million Deutsche Mark für Teile des Mengele-Nachlasses an Mengeles Sohn gezahlt hat, dann, weil es ein gutes Geschäft war. Der stern kaufte weiteres Material von einem Mengele-Freund. Die Fülle an Dokumenten reichte für viele Zeitschriftenartikel und gleich mehrere Biografien, bei denen sich auch Guez großzügig bedient. Das Schlimme ist aber nicht, dass sich Mengele gut verkauft, sondern dass man kaum übertreiben kann, wenn es um seine Verbrechen geht. Zur Rechenschaft gezogen wurde er für keines davon. Mengele tauchte 1945 ab, blieb unbehelligt, lebte vom Geld seiner Familie und ertrank 1979 im Meer vor Brasilien. Das ist es, was Olivier Guez ehrenwerterweise empört.

Mengeles Flucht, sein Weg durch mehrere südamerikanische Staaten, dass man ihn lange nicht ernsthaft verfolgte, all das ist seit Langem bekannt. Aber Guez will eben nicht nur vom Verschwinden eines Verbrechers sprechen. Es muss die große Erzählung sein: vom Weltgericht und von der Strafe, die der Schuld auf dem Fuß folgt, und sei der Autor ihr Vollstrecker. Was der Historiker nicht darf, soll der Roman ins Werk setzen: "Mengeles Höllenfahrt". Guez will einen Mythos schaffen, den Mythos der gerechten Welt. Mengele soll leiden, am Exil, am Bedeutungsverlust, am Älterwerden, an der Entfremdung von der Familie. Tatsächlich sind Mengeles Tagebücher voll von selbstmitleidigem Gejammer, das man auch von anderen geflüchteten Nazis kennt. Und klingt es nicht nach himmlischer Gerechtigkeit, wenn Mengele beinahe am eigenen Bartgewöll verreckt, weil er sich vor Langeweile den Schnurrbart abkaut wie ein vereinsamter Wellensittich die Federn? Aber weil das Wirkliche doch dürftig ist, verordnet Guez dem Schuldigen Albträume: Seine Opfer jagen, stellen, foltern ihn. So stellen wir es uns doch gern vor.

Literatur darf Personal und Szenerie ausstaffieren, um eine Geschichte zu erzählen. Aber der Buchliste im Anhang zum Trotz greift Guez dazu tief in die verstaubte Requisitenkiste: Mengele hat "mephistophelische Augenbrauen" und "stechende Augen", der Endlösungsorganisator Eichmann betört durch eine "satanische Aura" und seinen Totenkopfring. Das ist natürlich ziemlicher Quatsch, aber passt zu der arg pilchernden Naturbeschreibung. Auch die verschwenderische Metaphorik lässt nicht den leisesten Verdacht auf Sachlichkeit aufkommen. Mengele ist der "Ingenieur der Rasse", der "Alchemist des neuen Menschen", "der große Ballettmeister des Totentanzes an der Selektionsrampe", der "unermüdliche Kannibalen-Dandy". Und weil so viel Klischee ohne Sex nicht geht, ist der Leser stets bestens über den Erektionswinkel des alternden Liebhabers im Bilde, den Guez auf Frauen ansetzt, von denen Mengele nur schwärmte oder die er, Rassist bis ins Glied, noch bei größtem Triebstau nicht angerührt hätte. Landsergeschichten sind eben für Männer geschrieben, Leserinnen fehlt für Altherrenfantasien der nötige Ernst. In Szenen wie diesen wünscht man sich, der Autor hätte wirklich einen Roman gewagt und nicht nur ein Sachbuch ohne Fußnoten mit Klischees angemalt. Hätte er doch den Mut zu einem Stück echter Literatur gehabt, das auch ohne beigegebene Leseanweisung funktioniert! So jedoch erinnert noch die wohlmeinendste Warnung des Autors vor dem Abgrund Mensch unangenehm an Mengele, der seiner Haushälterin die Resterektion aufdrängt: zu viel Gewalt, zu viel Sex, zu viel Klischee, zu viele Fehler, zu viel moralisches Pathos. Die übliche Trivialsoße. Und dennoch ist das Buch von Olivier Guez nicht nur eine weitere Nazi-Schauergeschichte für zwischendurch.