Als mir kürzlich ein Opel-Omega-Fahrer unangenehm auffiel, weil er mir vehement die Vorfahrt streitig zu machen gedachte, ertappte ich mich beim Denken des folgenden Wortlauts: "Ey Alder, ich bin Hauptstraße!" Ich wiederhole noch einmal, ich dachte wortwörtlich: "Ich bin Hauptstraße!" Ich war entsetzt, über mich, mein Hauptstraßendasein und überhaupt.

Sprache bedient bekanntlich mehrere Funktionen, eben auch eine expressive.

Und wer formuliert in solcherlei Situation gedanklich ernsthaft: "Interessant, dieser Verkehrsteilnehmer setzt sich offenbar gerade versehentlich über eine der wesentlichsten Regeln der Straßenverkehrsordnung hinweg. Vielleicht ist es ratsam, als Fahrradfahrer in dieser Situation nicht übermäßig verbohrt auf seinem Recht zu beharren?"

Man sieht auch hieran schon: Der Umgang mit unserer Sprache ist ein nicht ganz unbefangen anzugehendes Thema. Politisch mitunter sogar höchst belastet, führt unsere Muttersprache doch immer wieder zu hoch emotional geführten Streits. In erster Linie ist dabei stets aufs Neue von der Bedrohung des Deutschen die Rede.

So sah der AfD-Abgeordnete Stephan Brandner im vergangenen Frühjahr zum Beispiel das Deutsche durch einen "um sich greifenden Englisch-Wahn" sowie durch "massive Zuwanderung" in die Defensive geraten. Auch dass die eine oder andere Behörde bereits dazu übergegangen sei, Informationen teilweise auch in arabischer oder türkischer Sprache zu verbreiten, befremdete den Thüringer Abgeordneten, der diesbezüglich in seiner Bundestagsrede mit dem schönen Imperativ "Haben Sie Mut zur Courage!" aufwartete – offensichtlich auf die Gefährlichkeit von fremdwortverseuchten Tautologien aufmerksam machen wollend.

Natürlich kann man Eingriffe in die Sprache und verordnete Neuaufnahmen, die zum Beispiel auch durch das sprachliche Gendern zustande gekommen sind, kritisch sehen und diskutieren. Und sich auf den wunderbaren Gerhard Polt besinnen, um immer mal wieder lakonisch zu fragen: "Braucht’s des?"

Was aber braucht es wirklich? Bedürfen wir mehr Sprachkonservatismus oder mehr Gendersternchen und "...Innen"-Konstruktionen, die bei aller guten Absicht auf manch einen wie schriftliches Stottern wirken?