Was passiert, wenn zwei Länder aufeinanderprallen – persönlich, gesellschaftlich, ökonomisch? So wie in Laufenburg, einer Kleinstadt, aufgeteilt auf zwei Länder. Im Norden Deutschland, im Süden die Schweiz. Dort Baden-Württemberg, hier der Aargau, dazwischen der Rhein. Am Flusslauf reihen sich hüben wie drüben bunte Häuser, durch die beiden Altstädte winden sich schmale Kopfsteinpflastergassen. Zwei Brücken verbinden die zwei Stadtteile, eine für Fußgänger, eine für Autofahrer.

In der Vergangenheit waren die Bedingungen für dieses sozioökonomische Groß-Experiment klar: Der Franken war stark, der Euro schwach. Das Gefälle nutzte man auf beiden Seiten. Deutsche suchten einen Job in der Schweiz, Schweizer kauften ennet der Grenze ein, um zu sparen. Discounter, Drogerien, Metzgereien, Blumenläden öffneten neue Filialen auf der deutschen Seite.

Doch die fetten Jahre sind vorbei. Die neueste Zahl stammt vom Baden-Württembergischen Handelsverband. Im September 2018 sank der Umsatz im Einzelhandel im Vergleich zum Vorjahr um 3,9 Prozent. Die Geschäfte werden weniger oft frequentiert, der Online-Handel legt stark zu. "Das Gros der Betriebe", sagt Verbandsgeschäftsführer Utz Geiselhart, "vermeldet sinkende Umsätze mit Schweizer Kundschaft." Mehr als die Hälfte der Betriebe dürften es inzwischen sein.

Das geht ins Geld. Im Jahr 2017 ließen die Schweizer 10 Milliarden Euro in den Läden und Einkaufszentren in Süddeutschland; einen Teil davon in Laufenburg. Der sogenannte Einkaufstourismus nahm stetig zu und erreichte seinen Höhepunkt im Jahr 2015: Damals hob die Schweizerische Nationalbank den Euro-Mindestkurs auf. Der Franken gewann an Wert gegenüber der europäischen Einheitswährung, die Waren in Laufenburg wurden für Schweizer Lohnempfänger noch günstiger.

Die Schweizer und ihr Geld ließen den süddeutschen Einzelhandel regelrecht boomen. Oder wie es ein Laufenburger sagt: "Ohne uns wäre da drüben tote Hose, da hätten die keinen Aldi, keinen Lidl, keinen DM."

Dennoch waren die Deutschen nicht nur erfreut über die vielen Schweizer, die in ihre Shoppingcenter und Ladenpassagen zum Einkaufen kamen. Viele Einheimische ärgerten sich über die langen Staus, über den Verkehr, die vielen Menschen, die Samstag für Samstag die Altstädte verstopften, weil hier für sie alles so wahnsinnig billig ist. "Deutsche haben genug", titelte der Blick, und der Deutschlandfunk berichtete vom "kleinen Grenzverdruss". Dieser hält bis heute an. In Bad Säckingen, einem Nachbarort von Laufenburg, zerstörten Deutsche unlängst ein Schweizer Auto, sie zerstachen Reifen und zerkratzten den Lack.

In Laufenburg biegen Schweizer Autofahrer meist gleich hinter dem Grenzübergang links ab, in Richtung Laufenpark. Ein zehn Hektar großes Areal, auf dem Aldi, Lidl, Edeka, DM, Kik, Fressnapf, Deichmann, mehrere Friseure, Nagelstudios und Modegeschäfte eröffnet haben. Die Volksbank wirbt mit einem Plakat: "Arbeiten in der Schweiz, Wohnen in Deutschland". Ein Schuhhersteller preist seine "Schweizer Technologie" an. Dazwischen klemmt das Blumengeschäft Der Holländer. Im Laden steht die Chefin, Mirjam van Rijn, und wartet auf Kundschaft. Heute war noch niemand da.

80 Prozent ihrer Kunden kommen aus der Schweiz. Seit Sommeranfang merke sie, wie der Umsatz zurückgehe, sagt van Rijn: "Franken und Euro nähern sich an, Schweizer Geschäfte reagieren auf unsere Preise, und die Bettlerbanden hier im Laufenpark haben meines Erachtens auch nicht zur Steigerung der Attraktivität beigetragen." Geht es auch anderen so? Van Rijn sagt: "Wenn es so weitergeht, müssen bald viele Läden schließen."

Auch die Betreiber des Edeka im Laufenpark, verbuchen einen Umsatzrückgang. Genaue Zahlen geben sie nicht heraus, besonders im Sommer seien Schweizer Kunden aber vermehrt ausgeblieben. Grund zur Sorge? "Nein", sagt der Marktleiter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will: "Wir erleben einen interessanten Effekt. Wir zählen mehr Kunden, dafür weniger Umsatz." Und er hat dazu eine interessante These: Weil die Schweizer ausbleiben, fänden wieder vermehrt Deutsche den Weg in seinen Laden. Die fuhren früher ein paar Kilometer raus aus Laufenburg, Richtung Hotzenwald. In der dortigen Edeka-Filiale war weniger los.

Auch am deutschen Zoll merkt man den Schweizer-Schwund. Das Hauptzollamt Singen zählt die Ausfuhrscheine, die Einkäufer an der Grenze stempeln lassen, wenn sie die Mehrwertsteuern zurückfordern. Zehn Jahre lang stieg die Zahl konstant – 2017 folgte die Trendwende. Zwischen Waldshut und Konstanz sank die Zahl der Einkäufer um 4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, 2018 dürfte sie gegenüber 2017 nochmals um 5 Prozent zurückgehen. Trotzdem: Noch immer stempelten Zollbeamte 11 Millionen Scheine. Im Laufenpark steht seit März dieses Jahres auch ein Container der Zollbehörde auf dem Parkplatz, und Edeka buhlt mit einer staufreien Mehrwertsteuer-Rückerstattung um Schweizer Kunden.