Am Schluss ist die Amerikanerin Lea die Einzige, die nicht in den Wellen umkommt. Am Schluss sieht man sie in einer Art Holocaust-Chor inmitten ihrer ermordeten Ahnen stehen. Eine schreckliche Reise kommt an ihr schreckliches Ende. Was die Zukunft bringen wird? Das lässt Johannes Maria Stauds neue Oper Die Weiden vielsagend, nichtssagend offen. Die erste Uraufführung an der Wiener Staatsoper nach acht Jahren (nach Aribert Reimanns Medea) will eine Parabel sein auf das, was die Welt so umtreibt, Flüchtlingskrise, Wutbürger, das gesellschaftliche Dunkel, nicht nur in Österreich.

Staud, 44 Jahre alt und mit Preisen dekoriert, bekam diesen Opernauftrag 2014. Damals war noch Franz Welser-Möst Generalmusikdirektor im Haus am Ring, und hätte er sich nicht zurückgezogen, hätte er die Novität nun aus der Taufe gehoben. Jetzt fiel diese Aufgabe Ingo Metzmacher an der Spitze der engagiert musizierenden Staatsopernensembles zu. Eine Herausforderung, selbst für einen in der Moderne so bewanderten Dirigenten wie ihn.

Die Weiden hat sechs Bilder, vier sogenannte Passagen, einen Prolog, ein Vor- und ein Zwischenspiel. Dass es sich dabei um eine Oper handelt, will sich freilich auch nach drei Stunden – so lange dauert die bald an Spannung verlierende Uraufführung, Pause inklusive – nicht erschließen. Eher sieht man sich einem musikalisch angereicherten Schauspiel gegenüber, einer Art Konversationsstück für Musik à la Richard Strauss (hoch gegriffen). Gesprochen wird hier viel, zu viel, Kantables, Arioses hingegen wird nur verschämt eingebunden. Da besitzen die Zwischenspiele mehr Kontur, sie lassen Leuchtkraft durchschimmern, wirken zuweilen wie sich unerwartet gebärdende (Klang-)Fluten.

Das ist wenig überraschend, denn auf einem Fluss (der Donau) siedelt Stauds Librettist Durs Grünbein seine Story an. Grünbein hat Staud bereits die Texte für dessen frühere Opern geschrieben, Berenice und Die Antilope. Diesmal nun ließ er sich von düsteren Geschichten wie Algernon Blackwoods Die Weiden, Joseph Conrads Das Herz der Finsternis oder T. S. Eliots Das wüste Land inspirieren. Zwei Paare unternehmen eine Flussreise. Sie kämpfen gegen den Morast und den Sumpf der Natur, sehen sich aber auch mit einer dunklen Vergangenheit konfrontiert, die längst wieder hoffähig geworden ist: der von deftigen verbalen Attacken begleitete Rechtspopulismus, die Ausgrenzung von und Jagd auf alles Fremde. Dieser Assoziationsvielfalt wäre selbst mit einer dichteren Musik nur schwer beizukommen gewesen. Grünbeins Libretto aber reißt mehr an, als dass es Expeditionen in die Tiefe wagt – und Staud kombiniert seine Orchesterklänge zwar mit Live-Elektronik, braucht zitatweise aber Richard Wagner, um den Missbrauch von Kunst durch autoritäre Regime zu geißeln. Sehr plakativ ist das. Und eigenartig blass.

Andreas Moses’ Regie bedient leider mehr die Klischees als die Psychologie der Figuren. Videos betonen das Filmische des Stoffs, Jan Pappelbaums Bühnenbilder (zwei Drehscheiben) suggerieren immerhin so etwas wie Flussbewegungen. Aus der Sängerbesetzung ragt – wenngleich als indisponiert angesagt – Rachel Frenkels Lea heraus, der Rest des Teams ist zwar stimmig besetzt, aber auch etwas glanzlos. Höflicher Beifall auch für Udo Samel als der mit nazistischem Gedankengut unverhohlen kokettierende, selbstgefällige Staatskünstler Krachmeyer. Ansonsten wenige Buhs für die Regie, etwas mehr für den Komponisten.