DIE ZEIT: Ein gutes Drittel der Saison ist gespielt, Gladbach ist Zweiter – trauen Sie dem Braten?

Dieter Hecking: Wer nach 14 Spieltagen Zweiter ist, darf von sich sagen, in diesem Moment eine Spitzenmannschaft zu sein. Und die Fans dürfen auch Luftschlösser bauen. Aber damit wir keine Eintagsfliege sind, müssen wir noch einen ganz weiten Weg gehen. Das Eis ist immer dünn. Je weiter von oben man kommt, desto tiefer bricht man ein.

ZEIT: Merken Sie schon im Training, wenn eine Delle kommt?

Hecking: Manchmal gibt es Anzeichen. Aber manchmal kann man trotzdem nichts dagegen tun. Dann braucht es die Backpfeife einer Niederlage, damit jeder wieder wach wird. Die heutige Spielergeneration ist da sehr feinfühlig. Die sind mir fast zu selbstkritisch, das kann auch bremsen.

ZEIT: Wie findet man die Balance zwischen notwendigem Selbstbewusstsein und gefährlichem Größenwahn?

Hecking: Ich stelle immer in den Vordergrund, was gut war. Meine Arbeit hat sich in dem Punkt geändert: Früher war ich nur auf Fehler aus. Wie stelle ich die ab? Aber jetzt stelle ich das hintan. Wichtiger ist es, der Mannschaft Lösungen zu geben.

ZEIT: Wie finden Sie die?

Hecking: Da spielt alles Mögliche rein. Zunächst schaue ich, was der Kader hergibt. Welches System ist für diese Spieler das richtige? Ich fand im Sommer unser 4-4-2 abgenutzt, die Gegner hatten sich darauf eingestellt. Wir hatten zu wenige Spieler am und im Strafraum. Mit dem neuen 4-3-3-System sind es 50 Prozent mehr, da wird es automatisch gefährlicher. Dazu kommt natürlich die Gegneranalyse. Wo lässt der Gegner uns Räume? Wie können wir ihm wehtun?

ZEIT: Träumen Sie vom idealen Spielzug?

Hecking: Ich freue mich, wenn ich einen Plan aufgehen sehe wie bei unserem dritten Tor in Bremen. Im Fernsehen sieht man immer nur das Ende vom Spielzug, aber ich weiß, dass wir vom eigenen Strafraum aus mit ein, zwei Kontakten perfekt nach vorne gespielt haben. Das sind solche Momente. Diese Leichtigkeit! Diese Spielfreude!

ZEIT: Haben Sie in Ihrer Karriere schon das perfekte Spiel erlebt?

Hecking: Kommt immer auf den Blickwinkel an. Mit dem 1. FC Nürnberg kann das ein Unentschieden gegen Bayern sein. Oder ein Europapokal-Sieg mit dem Zweitligisten Alemannia Aachen gegen Lille, das damals Tabellenführer in Frankreich war. Natürlich der 2 : 0-Sieg mit Wolfsburg gegen Real Madrid im Viertelfinale der Champions League. Oder kürzlich unser 3 : 0 in dieser Saison bei den Bayern – lauter Spiele, die schon ganz nah bei 100 Prozent waren. Aber als Trainer ist man so gestrickt, dass man immer noch etwas findet, was man hätte besser machen können.

ZEIT: Der Moment in der Kabine nach einem Spiel wie der 0 : 5-Pokalpleite gegen Bayer Leverkusen: Was tun Sie – rumbrüllen oder gut zureden?

Hecking: Manchmal muss ich Druck ablassen, und die Spieler müssen merken, dass der Alte auch mal sauer ist. Aber ich muss immer versuchen, über die Sache zu reden, nie persönlich angreifend zu werden. Wichtig ist, die Spieler mitzunehmen. Die sachliche Art ist zielführender.

ZEIT: Ihre Frau ist Yoga-Lehrerin. Gibt sie Ihnen die ultimativen Tipps für innere Ausgeglichenheit?

Hecking: Als ich anfangs mit Yoga konfrontiert wurde, habe ich gesagt: Komm, ich mach mal mit. Und habe dann sehr schnell gemerkt, dass ich mich sehr ungern korrigieren lasse. Und dann noch von der eigenen Frau! (schmunzelt) Das ging so weit, dass wir uns richtig gekabbelt haben. Aber ich kann den Stress, den Druck, der auf einem lastet, eigentlich gut verarbeiten.