Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist schwarz, dreht uns den Rücken zu und fuchtelt mit den Armen in der Luft herum. Was ist das? Ein Schornsteinfeger, der gerade vom Dach fällt? Falsch. Eine Fliege, die irgendwo festklebt? Auch falsch. Hm, dann bleibt eigentlich nur noch ... ein Dirigent bei der Arbeit? Stimmt! Tataa-tataa-tataa, wer richtig geraten hat, kriegt 100 Punkte. Wobei es natürlich auch Dirigentin heißen könnte, eine Dirigentin bei der Arbeit. Früher waren Dirigenten immer Männer, heute machen das auch Frauen, und es werden immer mehr.

Was tun Dirigenten? Blöde Frage: Sie dirigieren. Das Wort kommt aus dem Lateinischen und heißt leiten oder lenken. Der Dirigent oder die Dirigentin leitet ein Orchester. In einem Orchester können mal bloß 30 Musiker sitzen, mal aber auch 120, und je mehr es sind, desto wichtiger wird der Dirigent. Die Musiker in einem Orchester sind zwar alle Profis, sie haben die Instrumente, die sie spielen, lange geübt und sind tolle Virtuosen. Wenn sie aber richtig viele sind, dann muss es einen geben, der sagt, wo es langgeht. Der erklärt und zeigt, ob sie laut oder leise spielen sollen, schnell oder langsam, aufbrausend oder ängstlich, heldenhaft oder lieblich.

Das macht der Dirigent, und weil er sich dabei sehr konzentrieren muss, schaut er die ganze Zeit ins Orchester. Wir, das Publikum, sehen im Konzert also nur seinen Rücken. Und in der Oper sehen wir gar nichts, da sitzt das Orchester unten im "Graben" vor der Bühne, und vom Dirigenten schaut höchstens der Kopf heraus. Der Hinterkopf natürlich.

Damit alle Musiker den Dirigenten gut sehen können, auch die Blechbläser ganz hinten und der Schlagzeuger noch weiter hinten, steht er auf einem kleinen Podest vor dem Orchester. Oft hat das Podest ein Geländer. Der Dirigent soll schließlich nicht herunterfallen, wenn es in der Musik wild und dramatisch wird und er wild Bewegungen machen muss, um das Orchester zusammenzuhalten.

Würde das Orchester versuchen, wilde Stücke alleine zu spielen, ohne Dirigent oder Dirigentin, ginge ziemlich viel schief. Die einen würden ihre Noten zu schnell spielen, die anderen zu langsam, die Dritten zu laut, die Vierten zu leise. Schrecklich würde das klingen, wie Katzenmusik, und bestimmt würde es Streit geben. Die Geiger sehen ja nur die Geigen-Noten, die Klarinettisten nur die Klarinetten-Noten und so weiter. Der Einzige, der alle Noten auf einmal sieht, in einem großen, dicken Buch (der Partitur), ist der Dirigent. Er ist wie ein Schiedsrichter und achtet darauf, dass in der Musik die Regeln eingehalten werden. Manchmal machen Orchestermusiker auch Fehler, das kommt bei den tollsten Profis vor. Die bügelt der Schiedsrichter-Dirigent, die Schiedsrichterin-Dirigentin dann zusammen mit den Musikern wieder aus.

Ein großes Orchester ohne Dirigent funktioniert also nicht. Ein Dirigent ohne Orchester aber auch nicht. Das ist das Seltsame an dem Beruf: Der Dirigent ist zwar selber Musiker, oft hat er mehrere Instrumente gelernt, außerdem weiß er viel über Musik, er liest Bücher, hört sich Aufnahmen von anderen Dirigenten an und kennt viele dicke Partituren auswendig. Töne aber bringt er keine hervor. Solange er kein Orchester hat, ist der Dirigent ein Musiker ohne Instrument. Er kann so lange und so wild herumfuchteln, wie er will, es passiert: nichts. Alles bleibt still.

Viele Dirigenten üben zu Hause vor dem Spiegel, um ihre Bewegungen zu kontrollieren. Das sieht lustig aus und total verschieden. Kleine Dirigenten müssen anders dirigieren als große, um von den Musikern richtig verstanden zu werden, und wer kurze Arme und kleine Hände hat, macht ganz andere Bewegungen als jemand mit Riesenhänden und Armen wie Windrädern. Natürlich ist es auch wichtig, was für Gesichter ein Dirigent macht und wie er guckt. Merke: So verschieden die Menschen, so verschieden die Dirigenten und Dirigentinnen. Und die Musik.

Früher war der Dirigent dazu da, den Takt zu schlagen. Noch früher gab es gar keinen Dirigenten, den Takt schlug einfach ein Musiker, meist war das der Geiger vorne links mit seinem Bogen, der sogenannte Konzertmeister. Doch als die Orchester immer größer wurden, weil die Komponisten immer mehr Instrumente einbauten und das Publikum einen immer saftigeren Klang hören wollte, wurde das dem Konzertmeister zu viel – er musste ja selber auch noch spielen! Da wurde der Dirigent erfunden, vor ungefähr 200 Jahren. Das Dirigieren ist also ein ziemlich junger Beruf. Viele Berufe sind älter, Bäcker zum Beispiel oder Schornsteinfeger oder Arzt.

Am Anfang stampften die Dirigenten den Takt mit einem langen Stock auf den Boden. Das war nicht nur laut und störte die Musik, sondern es war auch gefährlich: Der französische Komponist und Dirigent Jean-Baptiste Lully haute sich den Stock einmal so fest auf den Fuß, dass er an der Verletzung starb (leider ging er nicht zum Arzt). Seither heißen die Taktstöcke zwar immer noch Taktstöcke, sind aber viel dünner, kleiner und leichter.

Wenn Dirigenten früher wütend wurden, weil etwas nicht klappte, zerbrachen sie ihre Taktstöcke und warfen die Einzelteile ins Orchester. Arturo Toscanini, ein berühmter Italiener, hatte solche Wutanfälle, aber der ist auch schon lange tot. Heute sind Taktstöcke oft aus Carbon oder Fiberglas, man kann sie gar nicht zerbrechen. Und die meisten Dirigentinnen und Dirigenten sind viel freundlicher zu ihren Musikern. Sie haben verstanden, dass sie ohne Orchester nichts anderes sind als "Luftzerteiler". Auch in der Oper verbeugt sich der Dirigent am Ende oft nicht mehr allein, sondern nimmt die Musiker mit hinauf auf die Bühne. Da stehen sie dann mit ihren schönen glänzenden Instrumenten, alle in Schwarz, wie eine große Pinguinfamilie. Und der Dirigent? Ist einer von ihnen.