Nirgends in Deutschland ist der Gehaltsunterschied zwischen den Geschlechtern so groß wie im Bodenseekreis. Dort verdienen Männer mindestens 34 Prozent mehr als Frauen. Gender-Pay-Gap, also das unterschiedliche Einkommen von Männern und Frauen, in Extremform. Der Pay-Gap ist bundesweit verbreitet, als sei er ein Naturgesetz. Doch es gibt auch Ausnahmen: 800 Kilometer nordöstlich vom Bodensee überrascht die Stadt Cottbus: Hier verdienen Frauen um 17 Prozent mehr als Männer.

"Unsere Ergebnisse zeigen, wie ungleich die Jobchancen für Frauen und Männer über die Regionen Deutschlands verteilt sind."
Michaela Fuchs, Leiterin der IAB-Studie

Die Zahlen stammen aus den vorläufigen Ergebnissen einer Studie des Instituts für Arbeits- und Berufsforschung (IAB), die Ende des Jahres veröffentlicht werden und deren Zusammenfassung der ZEIT vorliegt. "Unsere Ergebnisse zeigen, wie ungleich die Jobchancen für Frauen und Männer über die Regionen Deutschlands verteilt sind", sagt Michaela Fuchs, Leiterin der IAB-Studie. Es klingt, als seien es Zahlen aus zwei verschiedenen Ländern. Wie kann das sein, woher diese Unterschiede?

Michaela Fuchs und ihre Kolleginnen rechneten mit den Bruttogehältern Vollzeitbeschäftigter. Dafür verwendeten sie Daten der Bundesagentur für Arbeit. Laut der Studie war das Einkommen der Frauen im Jahr 2016 bundesweit um 14 Prozent geringer als das der Männer. Zwar ist es nicht neu, dass Frauen weniger verdienen. Doch die Ergebnisse überraschen selbst Fuchs.

Die Gehälter der Männer teilen die Republik in Ost und West

Denn sie zeigen: Es liegt auch an den Jobchancen der Männer, wie viel mehr oder weniger Frauen verdienen. Cottbus ist kein Einzelfall, in 20 ostdeutschen Kreisen liegt das Einkommen der weiblichen Beschäftigten über dem der männlichen. Frauen erhalten bundesweit ein ähnliches Gehalt: 2016 verdienten sie in den alten Ländern rund 2.900 Euro brutto, in den neuen 2.500 Euro. Männer verdienten in den alten Bundesländern 3.500 Euro, in den neuen verdienten sie 1.000 Euro weniger. Das heißt: Die Gehälter der Männer – nicht der Frauen – teilen die Republik in Ost und West.

Wirtschaftlich gesehen gibt es immer noch zwei Länder, das ist der offensichtliche Grund für die Unterschiede im Gender-Pay-Gap. Im Westen liegt das Deutschland der Fabriken, der Weltmarktführer. Seit etwa Zeppelin Ende des 19. Jahrhunderts seine fliegenden Schiffe in Friedrichshafen baute, befindet sich die Region in einer Spirale aus Entwicklung und Wachstum. Die Zeppeline benötigten Zahnräder, es entstand die Zahnradfabrik ZF. Sie zog weitere Maschinenbau- und Technikunternehmen an, ZF gehört heute zu den größten Automobilzulieferern. Ingenieure sind gesucht, viele Stellen offen.

Im Osten ist das Deutschland der Kleinstbetriebe, der Verwaltung. Arbeitssuchende finden in Cottbus kaum Stellen im produzierenden Gewerbe. Cottbus diente als Kohle- und Energiezentrum der DDR. Doch mit der Wende kam die Deindustrialisierung. Tausende verloren ihre Stellen in den Fabriken. Heute machen Dienstleistungs- und Verwaltungsjobs 90 Prozent des Arbeitsmarkts aus. "Wir haben ein geringes Beschäftigungspotenzial für Männer", sagt der Geschäftsführer des Cottbusser Jobcenters. Denn Verwaltungsjobs seien "eher von Frauen besetzt".

Auch die immer noch verbreitete Rede von "traditionellen Männer- und Frauenjobs" ist ein Grund für die Bezahllücke. Ob Cottbus oder Friedrichshafen – die deutsche Arbeitsgesellschaft steckt in alten Mustern fest. Frauen könnten die offenen Ingenieurstellen im Bodenseekreis annehmen. Männer könnten sich für die Verwaltungsjobs in Cottbus bewerben. Sie tun es nicht. Die IAB-Studie verdeutlicht: Rollenbilder verhindern gleiche Gehälter.