Der Rückschlag traf die Opec nur 72 Stunden vor ihrer Sitzung. Die Konferenzräume im Wiener Hauptquartier waren schon bereit, da schockte Saad al-Kaabi die Welt. Sein Land werde nach fast 60 Jahren im Januar aus dem Ölkartell aussteigen, kündigte Katars Energieminister Anfang Dezember an. Zum ersten Mal verlässt damit ein Golfstaat die Opec, einst eine der mächtigsten Institutionen der Weltwirtschaft. Über Jahrzehnte konnte sie mit einer Entscheidung über die Fördermenge für Rohöl rund um den Globus einen Boom befeuern oder eine Rezession auslösen.

Jetzt schwindet die Macht der Opec wie Eis in der Wüste. Um rund 30 Prozent ist der Ölpreis innerhalb von zwei Monaten gefallen. Trotzdem gelang es den 15 Mitgliedsländern vergangene Woche erst nach einer Marathon-Verhandlung, sich auf eine Senkung der Förderquoten zu einigen, um den Preis zu stabilisieren. Inzwischen ist selbst im wichtigsten Mitgliedsland Saudi-Arabien offenbar eine Zukunft ohne Opec vorstellbar, eine königliche Denkfabrik hat bereits eine entsprechende Studie verfasst.

Was ist geschehen? Die Erklärung für die Schwäche des Kartells findet sich nicht in Wien, sondern rund 9.000 Kilometer Luftlinie entfernt im Westen von Texas.

Hier führen immer schmalere Straßen in eine karge, spärlich mit Mesquitesträuchern und Yuccas bewachsene Landschaft. Bis schließlich eine frisch asphaltierte Trasse an Silos endet, die zwischen den Dünen aufragen. Daneben laden Schaufelbagger Sand auf Förderbänder: Wie eine Fata Morgana taucht das brandneue Werk von Atlas Sand mit seinen blanken Rohren, Schornsteinen und Hallen in der Wüste auf.

In der Anlage, die im Juli den Betrieb aufnahm, wird Sand gewaschen, getrocknet und nach Körnergröße sortiert. Im Minutentakt rollen tonnenschwere Laster durch die vollautomatische Abfüllvorrichtung unter den Silos. "Das Geschäft brummt", sagt der Logistik-Manager Jordan Sevy. Er und seine Leute liefern einen entscheidenden Rohstoff für das Fracking, das rund um die Sandmine herum stattfindet.

Beim Fracking werden Öl und Erdgas mithilfe von Wasser, Chemikalien und eben Sand aus dem Boden gepresst. Derzeit suchen 489 Bohrtürme in einem Gebiet dreimal so groß wie Bayern unter der steinigen Oberfläche nach den begehrten Energieträgern. Permian Basin heißt die Region, der Finanznachrichtendienst Bloomberg nennt sie das "heißeste Ölfeld der Welt".

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Dank des Öls, das die Fracker aus dem Permian pumpen, überholten die USA im September Russland und Saudi-Arabien und wurden zum größten Rohölproduzenten der Welt. Noch vor zehn Jahren sah es aus, als ob die USA in kurzer Zeit ihre eigenen Ölreserven verbraucht hätten. Inzwischen pumpen die Amerikaner mehr als je zuvor: mehr als elf Millionen Barrel täglich, davon stammen allein drei Millionen aus dem Permian. Und mit jedem Fass schwindet die Macht der Opec, während die der USA wächst.

Der Frackingboom erleichtert dem US-Präsidenten Donald Trump seine aggressive Außen- und Handelspolitik – vielleicht macht er sie sogar erst möglich. Trump konnte den Nukleardeal mit dem Iran kündigen und Sanktionen gegen den drittgrößten Opec-Produzenten verhängen, ohne höhere Ölpreise und damit einen Dämpfer für die US-Wirtschaft zu fürchten. Er konnte bei den Verhandlungen über ein neues Freihandelsabkommen mit Kanada härter auftreten als seine Vorgänger, weil die USA nicht mehr auf kanadisches Erdgas angewiesen sind. Und er kann Saudi-Arabien und Russland unter Druck setzen, deren Staatshaushalte an den Energieexporten hängen. Sosehr er die beiden Staaten auch verteidigt – Trump ist ein Energie-Machtpolitiker erster Güte. Mehrfach verlangte er von Deutschland, den Bau der Pipeline Nord Stream 2 zu stoppen und statt russischem lieber amerikanisches Erdgas zu beziehen.

In einer Ära des Wettbewerbs müssten die USA jede verfügbare nationale Stärke einsetzen, um gegen Rivalen zu bestehen, heißt es in einem Strategiepapier des Weißen Hauses. Dazu zähle vor allem der Zugang zu "sauberen, bezahlbaren und zuverlässigen heimischen Energiequellen". Die Regierung hat deshalb Tausende Meilen vor den Küsten für Bohrinseln freigegeben, will Wildnisareale an Ölfirmen versteigern, Kohleminen unterstützen und Umweltauflagen abschaffen. Und nicht zuletzt setzt man auf den Erfolg der Fracker im Permian Basin.

"Was wir hier erleben, ist eine Öl-Revolution", sagt Steven Pruett, der Chef von Elevation Resources, einer Frackingfirma in Midland, der inoffiziellen Hauptstadt des Permian. Pruett, gebürtiger Texaner, ist während seiner jahrzehntelangen Laufbahn als Ölmann in der Welt herumgekommen. Doch jetzt hat er sich mit seiner Familie in Midland niedergelassen. Der texanische Ölboom werde halten, glaubt er.