Segnen oder nicht segnen? Seit Jahrzehnten streiten die 20 Landeskirchen der Evangelischen Kirche über den Umgang mit Schwulen und Lesben. Sowohl Konservative als auch Liberale argumentieren mit der Bibel. 2016 stellte die Evangelische Kirche im Rheinland homosexuelle Paare gleich, andere Kirchen zogen nach – bis auf Schaumburg-Lippe und Württemberg. Frank Otfried July ist seit fast 13 Jahren geistliches Oberhaupt der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Er schlägt einen Kompromiss vor.

Frage: Herr Landesbischof, nach Jahren der Debatte über die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare – wie flüssig geht Ihnen die Abkürzung LSBTTIQ von den Lippen?

Frank Otfried July: Sie geht mir leichter von den Lippen, aber über Menschen spreche ich nicht gerne in Abkürzungen. Ich habe viele Gespräche geführt, auch sind einige meiner Freunde selbst homosexuell.

Frage: Was sagen Sie denen?

July: Dass ich mich dafür einsetze, dass sie den Segen in unserer Kirche für ihren gemeinsamen Lebensweg bekommen. Und ich stelle ihnen gleichzeitig die Position der Pietisten dar. Viele kennen die württembergische Situation durchaus und sind bereit, sie mitzutragen, aber ich merke natürlich die persönliche Enttäuschung. Ich will Nähe und Empathie zeigen und die Aufgaben meines Amtes wahrnehmen. Natürlich bin ich auch Projektionsfläche für alle Enttäuschungen. Das muss ich aushalten.

Frage: In Ihrem Kompromissvorschlag ist von einem Ärgernis die Rede, die eine Segnung Homosexueller für eine Gemeinde darstellen kann. Da wird die Diskriminierung ja offenkundig. So etwas würde bei Heterosexuellen da niemals stehen.

July: Aber darum geht es bei diesem zugegeben altmodischen Ausdruck auch gar nicht. Auch die Trauordnung für heterosexuelle Paare kennt diesen Begriff. Dieser Begriff will keiner Diskriminierung Vorschub leisten. Der historische Hintergrund: Die Kirche wollte sichergehen, dass die Paare, die sich trauen lassen, es ernst mit Gottes Wort meinten. Die Trauung Heterosexueller ist seit Jahrhunderten eingeführt, die Segnung Gleichgeschlechtlicher soll nun hinzukommen, und dies ist in manchen Gemeinden strittig.

Frage: Der Kompromiss sieht vor, in bis zu einem Viertel der Gemeinden die Segnung zuzulassen.

July: So ist ein Weg denkbar. Gemeinden können vor Ort mit einer lokalen Gottesdienstordnung eine Segnung durchführen. Übersteigt die Zahl dieser Gemeinden ein Viertel, also rund 330 Gemeinden, muss die Synode über eine landeskirchenweite Agende entscheiden.

Frage: In den letzten 20 Jahren haben fast alle Landeskirchen gleichgeschlechtlichen Paaren die Segnung ermöglicht. Warum tut sich Württemberg so schwer?

July: In Württemberg werden die Synodalen demokratisch von allen Kirchenmitgliedern direkt gewählt. Dadurch findet sich in der Synode ein weites Spektrum von Frömmigkeitsbewegungen und -stilen wieder. Hier wird die Vielfalt des Protestantismus ausgefochten. Das ist eine Stärke, das kann auch manchmal mühsam sein. In den Synoden anderer Landeskirchen scheint mir durch das Delegationsprinzip eine gewisse Filterung gegeben. Zudem ist der Pietismus in Württemberg, der hier eine bedeutende Rolle spielt, in dieser Frage sehr zurückhaltend.

Frage: Ihre Kirche droht an dieser Frage zu zerbrechen. Wie hält man als Bischof einen solchen Laden zusammen?

July: Mit viel Geduld, Gebet und Gesprächsbereitschaft. Diese Frage betrifft zweifellos unser Schriftverständnis und dann auch eine evangelische Ethik, aber daran werden wir nicht scheitern. Unsere Kirche ist enormen Belastungen ausgesetzt, und auf beiden Seiten des Spektrums werden einige nicht zufrieden sein mit dem Ergebnis. Im Großen und Ganzen aber sucht diese Landeskirche trotz aller Spannungen ihre Mitte in Christus, und wir wissen, dass die wichtigere Frage für das 21. Jahrhundert an uns eine andere ist: Wie bekommen Menschen etwas von der Wirklichkeit Gottes zu spüren und wie sind wir selbst offen dafür und menschennah?

Frage: Vor einem halben Jahrhundert wurde in Württemberg ähnlich hart über die Öffnung des Pfarramtes für Frauen diskutiert. Glauben Sie, dass man in 50 Jahren auf die aktuellen Debatten zurückblickt und ein wenig darüber lächelt?

July: Belächeln werden wir die Debatte nicht. Dafür sind die Konflikte zu ernst. Und schon jetzt ist in Württemberg vieles möglich, wenn auch in vielen Einzelfallentscheidungen. Wir sind doch heute froh über die gleichgeschlechtlich Liebenden in unseren Gemeinden und Pfarrhäusern. Die Gegner der Segnung tun sich schwer mit der normativen Wirkung, die der Segen hätte, nicht mit dem Zusammenleben. In 50 Jahren sind wir vielleicht einfach froh über all jene, die sich heute engagieren.

Frage: Würden Sie manchmal gerne einfach hinwerfen?

July: Ich empfinde mein Amt als Verpflichtung. Ich habe dieser Landeskirche versprochen, meinen Dienst als Bischof zu tun, die Einheit und die versöhnte Verschiedenheit zu bewahren, um diesen Begriff aus der Ökumene auf unsere innerevangelischen Debatten anzuwenden. Ja, es gibt Streit, das habe ich benannt und das soll nicht übertüncht werden. Aber wir bleiben beisammen. Insofern, nein, ich werfe nicht hin, ich habe weiterhin viel Glaubens- und Lebensfreude!