Vor einem halben Jahrhundert veröffentlichte der französische Soziologe Michel Crozier La Société bloquée, "Die blockierte Gesellschaft". Wer heute auf das Frankreich der "Gelben Westen", auf die wütenden Proteste blickt, wird in diesem Klassiker Lehrreiches jenseits der Schlagzeilen finden.

Wieso gehen die Gallier seit dem Sturm auf die Bastille immer wieder auf die Straße? Weil Protest so französisch ist wie Boule und Baguette? Crozier offeriert eine ungnädige Antwort: Seine Landsleute reden zwar ständig von Wandel, aber nur, um den Umbau genauso regelmäßig zu verweigern.

Die Revolution endete mit der Machtergreifung Napoleons. Die Aufstände von 1830 und 1848 haben die Verhältnisse nicht wirklich umgestürzt. Zyniker aber verweisen auf den städtebaulichen Fortschritt. Napoleon III. ließ breite, elegante Avenuen durch das Gassengewirr schlagen, freilich nicht um der Ästhetik willen. So konnten seine Soldaten an einem Ende die Kanonen aufstellen, die auf Hunderte von Metern das Volk niederkartätschen konnten.

Allein in diesem Jahrhundert haben sich die Aufrührer ein Dutzend Mal in den Kampf gestürzt, angefangen mit den Truckern, die Frankreich 2.000 aus Wut vor explodierenden Spritpreisen buchstäblich lahmlegten. Die Regierung wich zurück und kappte die Preise – so, wie Macron nun die Öko-Steuer aufhob.

Protestiert wurde gegen jegliche Veränderung: von den Studenten gegen die Universitätsreform, von den Jungen gegen die Lockerung der Arbeitsmarktregeln, von den Taxifahrern gegen Uber, von den Gewerkschaften gegen die 35-Stunden-Woche. Grundsätzlich: Wo eine gut organisierte Gruppe – Eisenbahner, Fischer, Bauern – ihre Privilegien bedroht sah, ging sie auf die Barrikaden. Genauso regelmäßig ging die Regierung in die Knie.

Das heißt: Der starke Staat, der aus dem Absolutismus hervorging, ist in Wahrheit ein Schwächling. Oben Glanz und Gloria à la Ludwig und Emmanuel, unten "das Volk" und dazwischen ein Vakuum. Es fehlen: starke Parlamente, mächtige Regionen, Lokalautonomie, eine Zivilgesellschaft, die nicht nur Interessen artikuliert, sondern auch Verantwortung übernimmt.

Crozier prangert vor allem den Zentralismus an. Der sei "le mal français", die "französische Krankheit". Mit wem soll das Volk reden, wenn im Gebäude des Staates ein ganzes Stockwerk fehlt, wo Politik nahe am Wähler gemacht wird – vom Bezirksausschuss über den Stadtrat bis zum Regionalparlament? Die gibt es zwar auch in Frankreich, aber die effektive Macht residiert im Élysée.

Folglich ein klassisches Muster: Der Bürger grollt und schweigt – bis zur gewaltsamen Entladung, und zwar gegen die Staatsspitze, die nicht hört, wie es im Untergrund rumort. Ein jedes Mal wird die Regierung total überrascht. Warum brüllt das Volk, wenn wir im Namen der Staatsräson das Richtige und Gute tun? Weil ihm sonst niemand zuhört. Das ist ein ewiges Ritual.

Das Volk ist freilich nicht nur Opfer. Die Bürger haben gelernt, wie schwach der Staat in Wahrheit ist. Fast jeder Aufruhr hat ihn bezwungen, Privilegien bewahrt und Wandel vereitelt. Normale Regierungen werden durch die Gewaltenteilung eingehegt, in Frankreich ersetzt die Randale die Checks and Balances, die Straße das Parlament. In Deutschland geht es langweiliger zu, aber das ist besser so.