© Petra Bahr

Selbst eingefleischte Anti-Merkel-Wähler sitzen vor ihren Bildschirmen, als die Parteivorsitzende der CDU nach 18 Jahren ihre Abschiedsrede hält. Tränen fließen. Wohlwollendes Nicken. "Es war mir eine große Freude. Es war mir eine Ehre." Ja, so ist sie, die Frau, die mehrmals hintereinander zur einflussreichsten Frau der Erde gewählt wurde, schreiben die professionellen Beobachter. Eine Ära geht zu Ende, nicht nur für eine politische Partei, das spüren viele.

Dann geht das Rezensionsgeschäft los. Wir sind schließlich ein Volk von Exegeten. Jeder Satz wird gewendet und auf versteckte Nachrichten hin untersucht wie ein Stein, unter dem sich Spinnen verstecken. Gefühle werden vermessen, die eigenen und die der Rednerin. Eine Formulierung bleibt liegen, als sei der Findling zu schwer, um ihn zu wuchten. Es ist ein Zitat aus der Bibel, ganz zum Schluss der Rede. Eingefleischte Rhetorikkenner wissen: Auf letzte Sätze kommt es an. Die "Fröhlichkeit im Herzen", sagt die Abschiedsrednerin, habe sie geprägt. Das wünsche sie auch den Menschen im Saal.

"Ein fröhliches Herz", das klingt eher nach Kirchenlied als nach Parteitag. Aber vielleicht fällt es auch deshalb nicht so auf, weil Advent ist und draußen aus den Lautsprechern überall Fröhlichkeit beschworen wird. Oder weil man einer Pastorentochter in sentimentalen Momenten eine solche Formulierung durchgehen lässt. In der Bibel ist das "fröhliche Herz" keine Randnotiz oder die Auszeichnung für besonders naive Menschenkinder, sondern die Gabe des Glaubens, eine Lebenshaltung. Diese Fröhlichkeit hat nichts mit dem inszenierten Optimismus von Spindoktoren zu tun oder der Witzigkeit, die sich nach drei Gläsern Bier einstellt. Kein Weggrinsen, keine verlegene Kalauerei, keine Flucht in die Ironie, auch keine programmatisch vorgetragene Christlichkeit. Diese Fröhlichkeit verbirgt sich hinter Sorgenfalten oder arbeitsgrauem Gesicht, sie verträgt durchwachte Nächte und die Einsicht in eigene Fehler. Es ist eine Haltung, die aus dem Gehaltensein kommt. Sie kann still sein, nachdenklich, abwägend, traurig, zornig, mit den Kräften am Ende, aber auch frech und frei bis zur Dreistigkeit, wenn es nötig ist.

Die "Fröhlichkeit des Herzens" meint in der hebräischen Bibel den Kern der Person. Es ist der Halt, von dem aus man sich ins Offene wagt und Veränderung nicht als Bedrohung empfindet. Menschen mit fröhlichem Herzen klammern sich nicht an den falschen Dingen fest, und zu den falschen Dingen kann auch gehören, was gestern noch richtig schien. Ämter, Lösungen, Konzepte, Fraktionen. Fröhliche Herzen lassen sich von Gott halten und haben deshalb den Kopf und die Hände frei. Sie können sich auf Unbekanntes gefasst machen, weil sie einer größeren Kraft vertrauen.

Was wäre, wenn unter diesem Satz der ganze Schatz der Abschiedsrede verborgen wäre?