Es wird hier um "Bosse" gehen, um "Alphas" und "Untertanen". Um "Kartoffeln", das sind Biodeutsche, um "Landlose", das sind Kurden, um "Zigeuner", Roma, um "Aslak", "asoziale Kanaken", gleich welcher Herkunft. Um Antisemitismus, um Schlägereien. Berichtet wird nicht aus dem Knast, sondern aus deutschen Schulen. Es wird um Respekt gehen, um Wertschätzung, darum, wie man ein besseres Miteinander hinbekommt. Um die Menschen, die sich darum bemühen. Wie Rascha Abou-Soueid.

Es ist Ende Oktober, Rascha Abou-Soueid, 32 Jahre alt, Jugendsozialarbeiterin, macht sich auf den Weg in die Herbert Grillo-Gesamtschule. Ein kalter Wind fegt Blätter durch die Straßen von Duisburg-Marxloh. Abou-Soueid hält mit der einen Hand den Jackenkragen zu, über der Schulter trägt sie eine Stofftasche, "da habe ich die Menschenrechte drin", sagt sie. Die Schule liegt in Marxloh, einem Stadtteil, der in den Medien schon viel beschrieben wurde als Problemviertel, dessen Ruf konkurriert mit dem von Berlin-Neukölln. Hoher Migrantenanteil, hohe Arbeitslosigkeit und Kriminalität, viele Armutszuwanderer, Müll auf den Straßen. Von einer No-go-Area war auch schon einmal die Rede.

Im April dieses Jahres hat Bundesfamilienministerin Franziska Giffey versprochen, Schulen in ihrem Ringen um Toleranz zu unterstützen. Auslöser waren eine Reihe antisemitischer Vorfälle an Berliner Schulen (ZEIT Nr. 17/18), sie hatten eine bundesweite Debatte ausgelöst über religiöses Mobbing und Gewalt an unseren Schulen. "Wenn Schüler beschimpft oder gemobbt werden, weil sie anders aussehen, einen anderen Glauben oder eine andere Herkunft haben, dann ist es höchste Zeit zu handeln", sagte Giffey. Sie stellt 20 Millionen Euro für die Ausbildung und Arbeit sogenannter Respekt Coaches bereit. Die 200 Coaches, geschulte Sozialarbeiter, sollen in Mobbingfällen eingreifen, aber vor allem verhindern, dass es so weit kommt.

Giffeys Initiative fällt in eine Zeit, in der es auf den Pausenhöfen wieder rauer zugeht, unabhängig von Konflikten um die Religion:

Im Sommer meldeten die Landeskriminalämter, dass die körperliche und verbale Gewalt an Schulen in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Dies betrifft insgesamt zehn Bundesländer. Laut polizeilicher Kriminalstatistik von Nordrhein-Westfalen ist die Zahl der Straftaten an Schulen von 25.596 im Jahr 2015 auf 27.541 im Jahr 2017 gestiegen. Die Zahl der Körperverletzungen um 400 auf 4.343.

An einer Berliner Schule patrouilliert ein Sicherheitsdienst, um die Prügeleien auf dem Pausenhof in den Griff zu bekommen.

Im Sommer erscheint auch das Buch der Polizistin Petra Reichling mit dem Titel: Tatort Schulhof. Eine Kommissarin schlägt Alarm. Sie berichtet darin von Mobbing, Raub und Körperverletzung.

Der Lehrerverband fordert eine länderübergreifende Meldepflicht für Gewaltvorfälle an Schulen. Von Rektoren und aus den Lehrergewerkschaften ist zu hören: Viele Jugendliche wissen nicht mehr, wo die Grenze ist, Hemmschwellen sinken. Betroffen sind vor allem die Brennpunktschulen.

Es gibt offensichtlich Handlungsbedarf.

Rascha Abou-Soueid ist eine der ersten Coaches im Einsatz. Auf dem Weg zur Schule erzählt sie von sich. Sie geht langsam und redet schnell, die dichten Haare hat sie straff nach hinten gebunden. Abou-Soueid ist im niederrheinischen Moers geboren und aufgewachsen, mit vier Geschwistern, die Eltern Flüchtlinge aus Palästina. Kindergarten, Grundschule, Gesamtschule, Abitur. Es folgt ein berufsbegleitendes Studium in Nimwegen, Sozialpädagogik, halbe Stelle in der Jugendsozialarbeit, ein Tag an der Uni. Nach Ende des Studiums hatte sie fünf Jahre Berufserfahrung. Seit 2013 ist sie bei der Awo, der Arbeiterwohlfahrt, in Duisburg. Sie spricht fließend Arabisch.

Deutsch hat sie im Kindergarten gelernt, als zweite Sprache. In der Grundschule musste sie noch eine Klasse wiederholen, danach hatte sie kaum noch Probleme. Fragt man sie nach Diskriminierungserfahrungen, schüttelt sie den Kopf. Besondere Unterstützung erfuhr sie aber auch nicht. Sie hat an sich geglaubt, wollte etwas und hat ihre Chancen ergriffen.

Das unterscheidet sie von den Jugendlichen, mit denen sie jetzt zu tun hat. Sie sagt: "Viele denken, du bist aus Marxloh, du hast eh schon verloren." Und: "Man macht hier andere nieder, um sich selbst besser zu fühlen." Wenn man glaubt, man kann nichts, wird das zur Hauptbeschäftigung. Als Rascha Abou-Soueid zum ersten Mal durch die Klassen tourte und nach den Problemen fragte, nannte eine siebte Klasse vor allem ein Problem: Beleidigungen. "Du Hurensohn" oder "Ich ficke deine Eltern". Solche Sachen. In einer neunten Klasse erzählten ihr die Schüler, dass sie es nicht schafften, sich an die Regeln, die sie sich selbst gegeben haben, zu halten. Nicht beleidigen, nicht respektlos sein, nicht schlagen. Jüdische Schüler sind ihr noch nicht begegnet.

Die vielen Nationalitäten befeuern Konflikte zusätzlich, es gibt in Marxloh eine regelrechte Hackordnung. Die Türkeistämmigen sind am längsten hier, sie schauen auf die aus den arabischen Ländern herab, ganz unten stehen die Roma.